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Für den Papst die Schule geschwänzt

Seit September ist Roland Elsner neuer Pfarrer der Görlitzer Katholiken. Er will die Jugend für Christus begeistern – wie er selbst es erlebte.

Roland Elsner ist seit dem Sommer der neue Pfarrer der Katholischen Gemeinde Heiliger Wenzel in Görlitz.
Roland Elsner ist seit dem Sommer der neue Pfarrer der Katholischen Gemeinde Heiliger Wenzel in Görlitz. © Nikolai Schmidt

Eines Morgens mitten in der Woche kam eine junge Ministrantin in die Sakristei der Kirche Heilig Kreuz in der Struvestraße. "Was machst du denn hier, musst du nicht in die Schule?", fragte sie Pfarrer Roland Elsner, der sich gerade auf den 8-Uhr-Gottesdienst vorbereitete und nicht damit rechnete, an einem Wochentag durch Ministranten unterstützt zu werden. "Ich habe die ersten Stunden Ausfall, also komme ich ministrieren, das ist schließlich meine Kirche", sagte das Mädchen, das in Luban (Lauban) wohnt und jeden Tag nach Görlitz zur Schule kommt.

Reiche Erfahrung als Jugendseelorger

Eine solche Begeisterung wünscht sich Roland Elsner von noch mehr Kindern und Jugendlichen in der Katholischen Pfarrei Heiliger Wenzel, die von Heilig Kreuz über die Südstadt bis nach Weinhübel, Rauschwalde und Jauernick reicht. Seit 1. September ist er Pfarrer für die 8.000 Mitglieder starke Gemeinde. Der 51-Jährige ist der Nachfolger von Norbert Joklitschke, der vor drei Monaten an die Pfarrei in Niesky wechselte.

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So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Niesky und Umgebung.

Während der ersten 100 Tage, die seit seinem Dienstantritt vergangen sind, hat Roland Elsner die Kinder- und Jugendarbeit schon als Feld ausgemacht, in dem er seine Gemeinde in Zukunft deutlich stärken möchte. Junge Menschen für Glauben und Gemeindeleben zu motivieren, damit hat er langjährige Erfahrung: Von 2008 bis 2013 leitete er die Jugendseelsorge des Bistums Görlitz, organisierte Begegnungen, Fahrten und vieles mehr, was jungen Menschen Spaß macht. "Sie sind die Zukunft unserer Kirche", sagt er. "Nur sie können den christlichen Glauben in die kommenden Generationen tragen."

Oberschlesier wollte Soldat werden

Wer Roland Elsner zuhört, kann einen ganz leichten polnischen Akzent heraushören. Geboren und aufgewachsen ist er in Racibórz (Ratibor) in Oberschlesien. "Ich bin mit drei Sprachen großgeworden", sagt er, "und habe Verwandte in Polen, Deutschland und Tschechien." Seine Heimat ist traditionell nicht nur dreisprachig, sondern auch sehr katholisch geprägt. "Als Kind konnte ich mir nicht vorstellen, dass man Gott infrage stellen könnte", sagt Roland Elsner. "Ich wusste auch nicht, dass es evangelische Christen gibt."

Obwohl für ihn schon früh Glauben und Kirche eine so große Rolle spielten, dass er 1983 die Schule schwänzte, um den Besuch von Papst Johannes Paul II. in Tschenstochau mitzuerleben, kam Priester als Beruf zunächst nicht in Betracht. "Als Jugendlicher wollte ich Soldat werden", erzählt Elsner. Unter seinen deutschen Verwandten war ein Hauptmann der Bundeswehr, der ihn inspirierte. Als ihm klar wurde, dass er anders als dieser in der polnischen Volksarmee würde dienen müssen, nahm er von der Idee Abstand.

Geworben von Bischof Müller

Stattdessen begann Roland Elsner kurz vor der Wende an der Theologischen Akademie in Warschau zu studieren, Philosophie und Kunstgeschichte. Als sich 1989 die Welt öffnete, ging er nach Münster. Dort entschied er sich für die Theologie und lernte Mitte der 1990er-Jahre den Görlitzer Bischof Rudolf Müller kennen, der sich – vertriebener Schlesier – für die deutsch-polnische Versöhnung einsetzte und als wichtigster Verbindungsmann zwischen den Kirchen beider Länder galt.

Müller bot Elsner eine Aufgabe in seinem Bistum an: "Aber nur, wenn Sie in Erfurt weiterstudieren." So kam Elsner in den Osten, im Jahr 2000 wurde er in Weißwasser zum Diakon, 2001 in Görlitz zum Priester geweiht. Da war er 32. Die Entscheidung, auf eine eigene Familie zu verzichten, sei ihm nicht schwer gefallen. "So sind nun mal die Regeln für einen Priester", sagt er. "Und wenn ich mich für etwas entscheide, bin ich auch dazu bereit, mit allen Konsequenzen." Gott habe diese Aufgabe für ihn bestimmt und traue sie ihm zu. Ohne Familie habe er mehr Raum, sie zu erfüllen.

Zwischen Volksfrömmigkeit und Diaspora

In den ersten Jahren als Priester war Elsner unter anderem in Hoyerswerda, wo er auch am Christlichen Gymnasium Johanneum unterrichtete. "Heute gehen Priester kaum noch in die Schulen", sagt er und bedauert, dass ihm der direkte Kontakt zu den Schülern fehle. Im sorbisch geprägten Wittichenau traf er ab 2005 auf eine Gemeinde von so traditioneller Frömmigkeit, wie er sie nur aus seiner Heimat kannte.

2008 übertrug ihm der damals Bischof Konrad Zdarsa die Leitung der Jugendseelsorge. Fünf Jahre später, mit 44, fühlte er sich dafür nicht mehr jugendlich genug, wurde Pfarrer in Forst und Döbern, dann in Senftenberg. Hier erlebte er Katholiken in der Diaspora mehr denn je. Um für die 1.400 Gläubigen zu predigen, die weit verstreut in einem großen Gebiet leben, fuhr er manches Wochenende 200 Kilometer weit.

Görlitzer Gemeinde als Ort des Willkommens

Nach Görlitz wollte Roland Elsner, weil die Gemeinde wächst, internationaler wird und damit vielfältiger. Genau wie seinem Vorgänger ist es ihm wichtig, Christen unabhängig von ihrer Herkunft in der Pfarrei Heiliger Wenzel willkommen zu heißen. Als sich hier ein Wechsel abzeichnete, bewarb er sich auf die Stelle.

Sein Dienstbeginn am 1. September fiel mitten in die Coronazeit. An der Amtseinführung seiner evangelischen Pfarrkollegen in der Peterskirche konnte er Anfang September noch teilnehmen, doch im Oktober war er einer derjenigen im Umfeld des Bischofs, die an Covid 19 erkrankten. Er habe es gut überstanden, sagt Elsner. Aber neben der Gesundheitsgefährdung sei er besorgt, dass der Zusammenhalt in Zeiten von Kontaktbeschränkungen verloren gehen könne. Viele Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, die ihm für deren Motivation so wichtig sind, können zurzeit nicht stattfinden. Und Weihnachten, was sonst gerade Familien in die Kirchen ziehe, sei in diesem Jahr "die große Unbekannte".

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