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Pfarrer lüftet Geheimnis um Görlitzer Thora

Alle gingen bislang davon aus, dass die wichtigste Schrift in der Reichspogromnacht verbrannt ist. Doch nun stellt sich heraus: Es ist ganz anders.

Von Sebastian Beutler
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Siegfried Hoche, Ratsarchivar der Stadt Görlitz (Bildmitte) breitet im Kleinen Sitzungssaal des Görlitzer Rathaus die geretteten Thora-Rollen aus.
Siegfried Hoche, Ratsarchivar der Stadt Görlitz (Bildmitte) breitet im Kleinen Sitzungssaal des Görlitzer Rathaus die geretteten Thora-Rollen aus. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Es ist eines der letzten großen Geheimnisse um die Görlitzer jüdische Gemeinde und ihre Synagoge, die an diesem Donnerstagmittag im Sitzungssaal des Görlitzer Rathauses gelüftet wird. Als Ratsarchivar Siegfried Hoche vier Rollen Pergamentpapier auf den großen Holztisch legt und eine nach der anderen ausrollt, ergreift ehrfürchtiges Staunen die Beobachter der Szene.

Sachsens Regierungschef ist extra gekommen

Es sind Ministerpräsident Michael Kretschmer, Oberbürgermeister Octavian Ursu und Bürgermeister Michael Wieler. Was Hoche mit Archivhandschuhen ausrollt, sind überlieferte Teile der Thora aus der früheren Görlitzer Synagoge. Gerettet in der Reichspogromnacht, über acht Jahrzehnte versteckt und bewahrt von Görlitzern, die sich untereinander nichts erzählten.

Pfarrer Uwe Mader berichtet gefasst und doch gerührt im Görlitzer Rathaus am Donnerstag von der unglaublichen Geschichte, die eng mit seiner Familie verbunden ist.
Pfarrer Uwe Mader berichtet gefasst und doch gerührt im Görlitzer Rathaus am Donnerstag von der unglaublichen Geschichte, die eng mit seiner Familie verbunden ist. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Und schließlich ist in der Runde auch der frühere Kunnerwitzer Pfarrer, Uwe Mader, der in den letzten 52 Jahren die Fragmente aufbewahrte. Er bekam sie 1969 überreicht von Magdalena Schaffranek, Witwe des verstorbenen Kunnerwitzer Pfarrers. Verbunden mit der Aufforderung "Traue niemandem". Noch jetzt ist den Worten Maders zu entnehmen, wie dieses Gebot ihn vom ersten Moment an band. Doch die Geschichte dieser Seiten erfuhr er selbst erst 18 Jahre später, an seinem 45. Geburtstag von seinem Vater. Jetzt hat er das Geheimnis gelüftet und die Fragmente an die Stadt Görlitz übergeben.

Ein weiteres Wunder in der Görlitzer Stadtgeschichte

Erst das machte diesen Moment im Görlitzer Rathaus möglich, von dem Ratsarchivar Hoche als einem weiteren Wunder in der Görlitzer Stadtgeschichte spricht. In einer Reihe stehend mit der Nichtzerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, der Altstadtmillion, der Bewahrung der Görlitzer Synagoge.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer lobt Uwe Mader als "moralische Institution".
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer lobt Uwe Mader als "moralische Institution". © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Jahrzehntelang rätselten Heimatforscher, was mit der Thora, der Heiligen Schrift der Juden, in der Reichspogromnacht geschehen war. Vielleicht, so meinten manche, hatten doch Mutige es geschafft, sie zu retten und anschließend zu vergraben als eine Art Genisa. Das ist im Judentum ein Depot für all die Gegenstände des Gemeindelebens, die zwar nicht mehr benutzt, aber auch nicht einfach so entsorgt werden dürfen und deswegen separat gelagert werden.

Solche Genisa werden teilweise heute noch gefunden, beispielsweise bei der Restaurierung der ehemaligen Synagoge in Wiesenbronn in Franken vor ein paar Jahren. Oder konnte der letzte Rabbiner der Gemeinde die Görlitzer Thora womöglich doch in früher Ahnung des kommenden Unheils nach Palästina schmuggeln? Die Forscher blieben ohne Antworten, Oberbürgermeister Octavian Ursu fasste den Stand am Donnerstag so zusammen: "Alle waren bislang davon ausgegangen, dass beim Brand der Synagoge auch die Thora mit der Innenausstattung des Gebäudes verbrannt war." Doch es war nicht so. Der Verbleib ihrer Fragmente ist eine Geschichte, wie sie nur die zwei deutschen Diktaturen hervorbringen konnte, mit ihrer konkreten Bedrohung und den diffusen Ängsten, mit Menschen, die trotz aller totalitärer Anfeindungen ihre Werte bewahrten - auch ihren evangelischen Glauben.

Willi Mader rettet Teile der Thora

Alles beginnt mit Maders Vater Willi, geboren 1914 in Görlitz. Nach einer Kaufmannslehre beim Großhandel Finster & Hoffmann auf der Görlitzer Hospitalstraße strebt er eine Polizistenlaufbahn an. Im November 1938 ist er Polizeibeamter auf Probe und wird zusammen mit einem weiteren Beamten in der Pogromnacht in die Synagoge gerufen. Was er dort erlebt, darüber schweigt er bis ans Lebensende.

Doch irgendwie gelangen die vier Fragmente der Thora an ihn. Sein Sohn ist sich sicher, dass sein Vater die Seiten nicht herausschnitt. "Wer das getan hat, wusste, wo was in der Thora steht", sagt Mader. "Ein Polizeibeamter hatte in der Nacht gewiss nicht die Zeit und die Sachkenntnis, die Seiten herauszuschneiden".

Ein Ausschnitt aus den geretteten Thora-Teilen.
Ein Ausschnitt aus den geretteten Thora-Teilen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Es sind ganz bestimmte Teile, die in Eile und vermutlich mit einem gebogenen Rasiermesser herausgeschnitten wurden: die Josefsgeschichte aus dem ersten Buch Moses etwa, aus dem vierten und fünften Teil verfassungsbegründende Abschnitte für das Volk Israel. Mader schätzt, dass die Papiere rund zwölf Prozent der gesamten Thora ausmachen.

Willi Mader - vielleicht unschlüssig, was er machen sollte, vielleicht in großer Sorge wegen der Gefahr, mit jüdischem Schriftgut im Dritten Reich angetroffen zu werden - wendet sich an den Görlitzer Rechtsanwalt und Notar Hans Schwidtal, der nicht weit weg von der Synagoge auf der Struvestraße wohnte. Er kennt ihn als Logenbruder der Freimaurer wohl noch aus seiner Lehrzeit bei Finster & Hoffmann, Unternehmer Finster gehörte ebenso den Freimaurern an. Schwidtal erkennt in den Fragmenten Teile der Thora. Er selbst kann sie nicht aufbewahren, weil auch die Freimaurer verboten sind und Schwidtal jederzeit Hausdurchsuchungen befürchtet. Aber er gibt Willi Mader den Rat mit, die Fragmente einer Person höchsten Vertrauens zu übergeben. Und zugleich sagt Schwidtal zu ihm: "Traue niemandem!"

In dieser Situation erinnert sich Willi Mader an seine Freundin in Kunnerwitz, Herta Apelt. Sie sucht er auf und deponiert die Papiere bei ihr und ihrem Bruder. Doch auch sie halten ihre Wohnung für nicht sicher oder wollen ihre Familie schützen, und so wenden sie sich an den Kunnerwitzer Pfarrer Bernhard Schaffranek, der im Juni 1940 seinen Dienst antritt. Er übernimmt die Thora-Rollen und verbirgt sie in seiner Bibliothek. Nach seinem Tod im Juli 1949 übernimmt seine Frau die Rolle des Bewahrers dieses Erbes, bis sie am 23. März 1969 einen jungen Vikar Mader in der Kunnerwitzer Kirche predigen hört.

Wie die Papiere wieder zur Familie Mader kamen

Octavian Ursu, Görlitzer Oberbürgermeister, kündigte an, dass in der Synagoge künftig eine Ausstellung über die Geschichte der Görlitzer Thora erzählen wird.
Octavian Ursu, Görlitzer Oberbürgermeister, kündigte an, dass in der Synagoge künftig eine Ausstellung über die Geschichte der Görlitzer Thora erzählen wird. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Sie lädt ihn anschließend in ihr Haus, fragt, ob er verwandt sei mit einem Görlitzer Polizisten Willi Mader und übergibt seinem Sohn schließlich die vier Fragmente. Nach drei Jahrzehnten sind sie wieder in der Familie Mader angekommen.

Was Uwe Mader nicht weiß: Kaum hörte Frau Schaffranek 1968 davon, dass ein Uwe Mader in Reichenbach sein Vikariat antrat, erkundigt sie sich nach ihm bei Hans Schwidtal - derselbe Schwidtal aus der Nacht der Reichspogromnacht, der mittlerweile der Vorsitzende des Kirchenparlaments der Görlitzer Landeskirche ist. Erst viel später erfährt Uwe Mader, dass sich Schwidtal und der Görlitzer Bischof Fränkel wegen der Übergabe der Papiere beraten hatten, ohne aber auch nur einmal mit Mader selbst darüber zu reden. Es ist ein Kreis des Schweigens, ohne dass Mader weiß, dass es ihn gibt und er nun ein Teil dessen ist.

Mader nimmt die Fragmente entgegen, packt sie in alte Tapetenrollen, die er in seinem Amtszimmer in Reichenbach aufbewahrt in eine Ecke, an die niemand sonst herangeht. 1977 übernimmt Uwe Mader die Pfarrstelle in Kunnerwitz, seinerzeit ein Dorf bei Görlitz, seit 1999 ein Ortsteil der Stadt. Auch bei seinem Umzug nach Kunnerwitz wandern die unscheinbaren Rollen mit. Nach dem politischen Umbruch 1989 erhält er einen verschließbaren Stahlblechschrank, dessen Schlüssel er immer an seinem Schlüsselbund mitführt. Ein sicherer Ort für die Papiere.

"Die Zeit des Misstrauens ist vorbei"

Bis vor kurzem hält sich Uwe Mader an den Schwur "Traue niemandem", dem er der Pfarrwitwe Schaffranek gegeben hatte. Selbst seiner Frau erzählt er nichts davon. Doch seit einiger Zeit geht er mit der Idee schwanger, die Fragmente an die Stadt zu übergeben. So macht er sich kundig, wem er vertrauen könne. Die diffusen Ängste vor subtiler Verfolgung in totalitären Gesellschaften wirken lange nach. Doch nun sagt er, ist er in diesem Land angekommen, "das ich Vaterland nennen würde".

Ministerpräsident Michael Kretschmer, der ihn am Donnerstag als "moralische Instanz" bezeichnet, fasst das in die Worte, Mader habe so viel durchgemacht. Wenn er jetzt Vertrauen in den Staat, in dessen Institutionen und in die Stabilität der Verhältnisse habe, dann bedeute das gerade in diesen Zeiten viel, wo die Gesellschaft so zerrissen sei.

Die Stadt will die Fragmente, wie Ratsarchivar Siegfried Hoche erklärte, gründlich untersuchen, um das Alter näher bestimmen zu können. Anschließend, kündigt Oberbürgermeister Octavian Ursu an, wird eine Ausstellung vorbereitet, die in der Synagoge über die Geschichte der Görlitzer Thora berichtet. Es ist eine besondere Schlusspointe im 950. Jahr der Stadtgründung von Görlitz, in dem die sanierte Görlitzer Synagoge auch feierlich wieder eingeweiht wurde.

Und Uwe Mader musste 79 Jahre alt werden, die Drangsale der DDR-Staatssicherheit überstehen, aber auch zwei Jahrzehnte lang Polizeipfarrer im Freistaat Sachsen sein, um nun festzustellen: "Die Zeit des Misstrauens ist vorbei. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo nicht mehr gilt - ,Traue niemandem'."