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Oberlausitzer Bank-Azubis drohen weite Wege

Volksbank-Lehrling Odina Brüning hat jetzt schon einen Zwölf-Stunden-Tag, wenn sie Berufsschule in Bautzen hat. Doch nun gibt es neue Vorschläge aus Dresden.

Odina Brüning (links) ist Auszubildende bei der Volksbank/Raiffeisenbank Niederschlesien, hier mit Kundenberaterin Natalia Kubas (li.).
Odina Brüning (links) ist Auszubildende bei der Volksbank/Raiffeisenbank Niederschlesien, hier mit Kundenberaterin Natalia Kubas (li.). © André Schulze

Odina Brünings Wecker klingelt in diesen Tagen um 4.45 Uhr am Morgen. Dann muss sich die 16-Jährige sputen, damit sie in ihrer Heimatstadt Rothenburg den Bus nach Görlitz  erwischt. 5.25 Uhr fährt er ab. Anschließend sie in Görlitz in den Regionalzug nach Bautzen, um pünktlich um 7.35 Uhr zur ersten Stunde in der Berufsschule zu sitzen. 

Odina will Bankkauffrau werden, startete am 1. August ihre Ausbildung bei der Volksbank/Raiffeisenbank Niederschlesien. Am Nachmittag läuft das Spiel in umgekehrter Richtung erneut ab - je nachdem, welchen Bus sie in Görlitz erwischt, ist sie gegen 17 Uhr zu Hause. Nach zwölf Stunden. Ein langer Tag.

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Das ist jetzt schon eine Herausforderung, die manchen Azubi trifft, der wie Odina  seine Berufsschule in Bautzen hat. Doch künftig könnten die Wege noch länger werden. Denn das Kultusministerium in Dresden plant, den Bank-Nachwuchs ab Sommer 2021 in Dresden auszubilden. Enthalten sei dieser Vorschlag im Teilschulnetzplan für die Berufsschulen im Freistaat, dessen erste Version seit dem Frühjahr in Behörden und Berufsschulen kursiert. Seit der Görlitzer Volksbank-Chef Sven Fiedler von diesen Plänen erfuhr, versucht er, alle Sparkassen und Banken in der Oberlausitz dafür zu gewinnen, für die theoretische Ausbildung in Bautzen zu kämpfen.

Volksbank sorgt sich um ihre Azubis

Pro Jahr bildet die Volksbank zwei bis vier Auszubildende aus. Und das bereits seit Jahren. Sie müssten dann nach Dresden fahren. Ein Wohnheim aber gibt es nicht. Die Bank müsste eine Wohnung anmieten, doch zwei Drittel ihrer Azubis sind Jugendliche unter 18 Jahren. Wer will dafür die Verantwortung übernehmen? Mal abgesehen von den Kosten? Und: "Wir haben die Sorge, Auszubildende im Anschluss an die Ausbildung nach Dresden zu verlieren, die während der Ausbildungszeit in Dresden gelebt" - und Gefallen am Großstadtleben gefunden haben. Zumal die Möglichkeiten bei Banken oder Finanzdienstleistern in Dresden viel größer sind.

Fiedler steht mit seiner Meinung nicht allein. Auch die Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien sieht die Entwicklung mit Sorge. "Ein Schulbesuch in Dresden würde sowohl logistisch als auch zeitlich und finanziell eine deutliche Mehrbelastung für die Auszubildenden und ihre Familien bedeuten", sagt Sparkassen-Sprecherin Bettina Richter-Kästner gegenüber sächsische.de und SZ, "wodurch die Attraktivität unserer regionalen Ausbildung drastisch sinken würde. In der Konsequenz befürchten wir sowohl eine Verschlechterung der Ausbildungsqualität als auch den Verlust potenzieller Fachkräfte von morgen". Zusammen mit den anderen Kreditinstituten haben sich daher die Sparkasse und Banken aus dem Landkreis Görlitz in Dresden stark dafür gemacht, dass auch künftig eine Ausbildungsklasse mit 16 Azubis in Bautzen verbleibt.

Ob der Protest in Dresden etwas auszurichten vermag, ist nicht sicher. Der Sprecher des Dresdner Kultusministerium bittet um Verständnis, dass seine Behörde im Moment zu Details der Diskussion nichts sagen will. Derzeit wird der erste Entwurf im Ministerium überarbeitet. Schon Anfang Oktober sollte der endgültige Stand den Landkreisen als Schulträger der Berufsschulen für eine Stellungnahme zugeleitet werden. Doch offensichtlich ist die Abstimmung schwierig, der Termin wurde nicht gehalten. Das Papier wird nun für Ende Oktober angekündigt. Dann haben die Landkreise drei Monate für eine Stellungnahme Zeit, anschließend wird das Kultusministerium den Plan gegebenenfalls nochmals ändern. Ziel: der Plan soll ab Sommer 2021 gelten.

Vorschläge aus Dresden haben auch Vorteile für Kreis Görlitz

Es ist nicht so, dass der Landkreis Görlitz unzufrieden ist mit dem ersten Entwurf. So sollen die Bäcker und Friseure künftig in Görlitz ausgebildet werden, die Köche auch. Bislang mussten die Azubis dieser Berufe nach Bautzen. Die Dachdecker wechseln dafür von Görlitz nach Löbau, wo alle Ausbau-Gewerke konzentriert werden sollen. Zittau soll die Metalltechniker an Görlitz und die Zerspanungsmechaniker an Radeberg verlieren. 

Insgesamt gelänge es aber, die Schülerzahlen an den Berufsschulen im Landkreis zu stabilisieren. Da der Plan auf zehn Jahre ausgelegt ist, sogar für eine lange Zeit. Bislang mussten die Schulen vor jedem Ausbildungsjahr zittern, dass genügend Azubis für die Klassen zusammen kamen. Wenn nicht, wurde die Ausbildung an die nächstgelegenere Berufsschule verlegt, meist nach Dresden.

Insofern hat der Plan Vorteile für den Landkreis, am Ende würden rund 215 Berufsschüler mehr im Kreis ausgebildet als jetzt. Schließlich geht es um rund 4.500 Schüler an den Berufsschulen, rund 1.600 in Görlitz, 1.400 in Löbau, und 700 bis 800 jeweils in Weißwasser und Zittau.

Doch Störfeuer gibt es immer wieder in der Debatte. So wehrte sich der Görlitzer Landrat Bernd Lange letztens bei Radio Lausitz gegen eine angebliche Forderung von Umweltminister Wolfram Günther (Grüne), die grünen Landwirtschaftsberufe von Löbau abzuziehen. Der Pressesprecher des Ministeriums konnte sich gegenüber der SZ nicht erklären, wo der Minister derartige Andeutungen gemacht haben sollte. Das sei ja auch gar nicht sein Ressort. Grundsätzlich aber plädiere er nicht dafür, die Ausbildung dieser Berufe von Löbau wegzunehmen.

Wechsel der Ausbildungsorten gab es immer wieder

Dass Schulklassen immer wieder zu anderen Orten verlegt wurden, ist nicht neu. Die Land- und Tierwirte betraf es, die Notarfachangestellten vor Jahren auch. Es ist immer eine Abwägung, zwischen der tatsächlichen Zahl der Auszubildenden und dem Anspruch, wohnortnah Ausbildung zu ermöglichen. Der Landkreis Görlitz beispielsweise hat - um seine vier Berufsschulzentren zu erhalten - vor Jahren auch den Standort in Boxberg geschlossen und damit seinen Beitrag zu leistungsfähigen Schulen geleistet. Für Marlies Wiedmer-Hüchelheim, Leiterin des Schul- und Sportamtes beim Kreis, wäre jetzt "das Schlimmste, wenn alles bleibt, wie es ist". Trotz mancher Probleme - wie bei den Bankkaufleuten - plädiert sie daher dafür, das Gesamtergebnis zu würdigen.

Als Odina Brüning sich für einen Beruf entscheiden musste, war es für sie wichtig, dass die theoretische Ausbildung in Bautzen stattfindet. Schließlich ist sie erst 16. Eine Übernachtung im Wohnheim, das es in Bautzen gibt, wollte sie nicht während der Berufsschulwochen, die etwa zwei bis drei Wochen dauern und jeweils im Block den sechs bis acht Praxiswochen in der Bank folgen. Wenn sie nun nach Dresden müsste, wüsste sie gar nicht, ob so früh ein Bus aus Rothenburg losfährt. Doch vor Kurzem nahmen die Ausbilder in Bautzen zumindest ihr und allen Bank-Azubis in diesem Jahr die größte Sorge: Wenn sich etwas ändert, dann erst für neue Auszubildende. Odina wird bis zum Ende ihrer Lehre in Bautzen die Berufsschule besuchen können.

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