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Jäger setzen auf Treibjagd gegen Schweinepest

Doch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zögert. Dabei hat auch sie das Ziel, eine wildschweinfreie Zone im Kreis Görlitz zu schaffen.

Treibjagden wie hier in Mecklenburg-Vorpommern halten die Jäger im Kreis Görlitz für notwendig gegen die Schweinepest.
Treibjagden wie hier in Mecklenburg-Vorpommern halten die Jäger im Kreis Görlitz für notwendig gegen die Schweinepest. © Symbolbild/Jens Büttner/dpa

Für den Görlitzer Landrat Bernd Lange steht schon seit geraumer Zeit fest, dass nur mit einer gezielten Jagd auf die Wildschweine die Gefahr der Afrikanischen Schweinepest gebannt werden kann.

Seit dem ersten Fund Ende Oktober vergangenen Jahres bei Podrosche sind viele infizierte Kadaver im Nordkreis gefunden worden, die Sperr- und Pufferzonen wurden mehrmals ausgeweitet und umfassen mittlerweile nicht nur das gesamte Gebiet über der Autobahn A 4, sondern reichen bis Löbau und in den Kreis Bautzen.

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So weit reichen derzeit Sperr- und Pufferzonen wegen der Afrikanischen Schweinepest.
So weit reichen derzeit Sperr- und Pufferzonen wegen der Afrikanischen Schweinepest.

Doch die Hoffnung der kommunalen Behörden auf Treibjagden entlang der Neiße, um den Wildschweinbestand drastisch zu verringern, erfüllten sich bislang nicht. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) bekannte sich zwar dazu, die Bejagung zu verstärken, um die Wildschweinpopulation zu verringern. Doch auch nach der jüngsten Videokonferenz der Ministerin mit ihren Amtskollegen aus Warschau und Prag heißt es in einer Pressemitteilung des Landwirtschaftsministeriums in Berlin: "Auf Drück- und Treibjagden soll im Grenzgebiet (20 Kilometer) verzichtet werden."

Jäger sehen Widerspruch

Die rund 1.000 Jäger im Kreis Görlitz sehen in solchen Erklärungen "keinen großen Willen vom Gesetzgeber, bei der Seuchenbekämpfung ernst zu machen." Hans-Dietmar Dohrmann, Vorsitzender des Jagdverbandes NOL aus Rothenburg, kann nicht verstehen, wie die effektivste Jagdmethode ausgeschlossen wird, um gegen die für Schweine hochansteckende und tödlich verlaufene Viruserkrankung vorzugehen. Zumal es mit Tschechien und Ungarn auch Vorbilder gibt, die genau auf diese Weise ihre Wildschweinbestände und die Gefahr der Seuche verringert haben.

"Ein Jäger auf dem Hochsitz kann in einer Nacht höchstens ein bis zwei Wildschweine schießen", erklärt Dohrmann. Doch das ist viel zu wenig. Im vergangenen Jagdjahr von April 2019 bis April 2020 wurden im Landkreis Görlitz rund 6.000 Wildschweine erlegt. Das war schon eine wesentliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr - auch eine Folge der Entscheidung von Klöckner, die Schonzeit für Schwarzwild aufzuheben. Seitdem kann das ganze Jahr über geschossen werden. Doch nach seriösen Schätzungen sollen das nur etwa 40 Prozent des Bestandes in dem Gebiet gewesen sein. Und jährlich kommt Nachwuchs bei den Wildschweinen oder die Einwanderung aus Polen hinzu.

Mit dem Bau von Zäunen soll der Afrikanischen Schweinepest im Kreis Görlitz Einhalt geboten werden.
Mit dem Bau von Zäunen soll der Afrikanischen Schweinepest im Kreis Görlitz Einhalt geboten werden. © dpa-Zentralbild

Die Vorsicht der Ministerin hat allerdings einen Grund. Mit dem Verzicht auf Treibjagden sollen die Tiere nicht aufgescheucht und "die Seuche nicht - auch über Grenzen - verschleppt" werden. Doch das ist sie ja längst, und selbst die ersten Sperrzäune verhinderten nicht die weitere Ausbreitung. Auch Dohrmann ist klar, dass an den Sperrzäunen nicht direkt eine Treibjagd veranstaltet werden sollte. "Aber solche Jagden lassen sich sehr differenziert planen, ohne die Tiere in Panik zu versetzen".

Weitere Forderungen der Jäger will Julia Klöckner aber erfüllen. So wird demnächst das Bundesjagdgesetz geändert, kündigt ein Sprecher ihres Ministeriums gegenüber SZ an. Das Gesetzgebungsverfahren laufe bereits. Dadurch können künftig Lampen an den Waffen installiert und Aufheller für die Nachtsichtgeräte verwendet werden, so dass der Jäger wie am Tag eine Sicht bis zu 100 oder 150 Meter hat.

Ziel ist eine wildschweinfreie Zone

Und zugleich sprach sich trotz des Jagdverbots Julia Klöckner auch für eine weiße Zone aus. Sie soll von Wildschweinen frei sein und sich entlang von Oder und Neiße erstrecken. Auch wenn die Jäger in dieser Zone dann mit den Wildschweinen auf ihre Hauptwildart verzichten müssen, stehen sie hinter diesem Ziel. Wie es aber erreicht werden soll, ist Dohrmann wie auch dem Landkreis Görlitz schleierhaft. Zumal Deutschland bislang Polen nicht dazu bewegen konnte, einen Zaun entlang von Oder und Neiße aufzustellen, so dass immer noch Wildschweine ungehindert durch die Grenzflüsse nach Deutschland einwandern können.

Die in Cottbus erscheinende "Lausitzer Rundschau" will von einer Vertreterin des polnischen Landwirtschaftsministeriums erfahren haben, dass Polen aus historischen Gründen den Bau von Zäunen an den Grenzen ablehnt. Es hätten lange genug welche mitten in Europa gestanden. Doch dienten sie ja nicht der Seuchenbekämpfung. Nun sollen wenigstens grenzüberschreitend Absprachen zur Bejagung von Wildschweinen getroffen werden.

Der Görlitzer Landrat hatte allerdings die Einbeziehung der kommunalen Ebene in grenzüberschreitende Arbeitsgruppen gefordert. Das scheint nicht der Fall zu sein, so dass er wohl weiterhin selbst die Kontakte und den Austausch nach Polen pflegen muss.

Derweil weiß Reinhard Seifert aus Stannewisch nicht so recht, wie er mit großer Technik auf sein eingesperrtes Feld kommen soll.
Derweil weiß Reinhard Seifert aus Stannewisch nicht so recht, wie er mit großer Technik auf sein eingesperrtes Feld kommen soll. © André Schulze

Die drei Länder fordern mehr Geld von der EU

Durch solches Hin und Her entsteht zudem der Eindruck, dass sich die verschiedenen staatlichen Stellen die Verantwortung hin- und herschieben. Derweil wächst vor Ort die Sorge, dass die Seuche jahrelang im Kreis Görlitz verbleiben könnte. Mit fünf bis zehn Jahren rechnet bereits das Görlitzer Veterinäramt. Mit allen Folgen für große Schweinezüchter, aber möglicherweise auch für Land- und Forstwirte, denen die Behörden für die Nutzung ihres Grund und Bodens Auflagen und Einschränkungen erteilen. Wenn es soweit kommt, werden Entschädigungen fällig, die durch Gutachten in jedem Einzelfall ermittelt werden müssen. Für diese Entschädigungen sowie die Bekämpfungs- und Präventionsmaßnahmen fordern Deutschland, Polen und Tschechien gemeinsam von der Europäischen Kommission mehr Finanzmittel. Was Brüssel dazu sagt, ist bislang nicht bekannt.

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