merken
PLUS Görlitz

Frauen häufiger Opfer von Gewalt

Die Straftaten steigen im Kreis Görlitz. Jetzt soll das Beratungsangebot erweitert werden. Mit Corona hat das aber nichts zu tun.

Lange ist es her: 2008 hissten die damalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Görlitz, Kerstin Riehle, und Bürgermeister Michael Wieler eine Fahne gegen Gewalt gegen Frauen.
Lange ist es her: 2008 hissten die damalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Görlitz, Kerstin Riehle, und Bürgermeister Michael Wieler eine Fahne gegen Gewalt gegen Frauen. © Archivfoto: Christian Suhrbier

Quarantäne-Anordnungen, Homeschooling, Homeoffice, Kurzarbeit - es gibt viele Anlässe in der Corona-Pandemie, die dafür sorgen, dass Familien oder Paare auf die Enge ihrer Wohnung angewiesen sind. Wenn dann schon zuvor der "Haussegen" schiefhing, können sich schnell Konflikte bis hin zu Gewalt gegenüber Partnern entwickeln. Deshalb ist die Sorge unter Experten groß, dass in der Corona-Pandemie die Zahl der Frauen (oder auch Männer) zunimmt, die unter körperlicher oder psychischer Gewalt ihrer Partner leiden müssen.

Der Zittauer Verein "Soziale Projekte" betreibt im Auftrag des Landkreises Görlitz die einzige Frauenschutzwohnung im Kreis. Jetzt liegt die Bilanz für das vergangene Jahr vor. Demnach wurden 13 Frauen und 22 Kinder im vergangenen Jahr aufgenommen, 2019 waren es elf Frauen mit neun Kindern. In den vergangenen Jahren, so erklärte Kreis-Sozialamtsleiter Matthias Schmidt, schwankten die Zahlen immer um Werte in dieser Größenordnung.

Anzeige
Hier werden Azubis gesucht!
Hier werden Azubis gesucht!

Die Schule neigt sich dem Ende und ihr habt keine Ahnung was ihr beruflich machen wollt? Diese Firmen haben freie Ausbildungsplätze.

Im Schnitt blieb eine Frau mit ihren Kindern im vergangenen Jahr rund 20 Tage in der Frauenschutzwohnung. Die meisten Frauen kamen aus dem Landkreis Görlitz, nur eine Ausländerin war unter ihnen - ein deutlicher Rückgang gegenüber 2019, als noch sechs Ausländerinnen Schutz suchten. Bei den meisten Frauen handelte es sich um Langzeitarbeitslose oder sozial Schwache, die Hartz IV beziehen. Vier Frauen kehrten nach dem Aufenthalt in der Frauenschutzwohnung zum Partner zurück, acht Frauen kamen in einer neuen Wohnung unter, eine Frau zog unbekannt weiter.

Kein klarer Trend bei der Frauenschutzwohnung

Die Zahlen nahm Matthias Schmidt zum Anlass, um festzustellen: "Bei den stationären Aufnahmen in der Frauenschutzwohnung können wir keine Zunahme von häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie feststellen. Was aber zugenommen hat, ist der Beratungsbedarf, Rückfragen beim Träger." So erhielten bei dem Zittauer Verein 91 Frauen eine persönliche Beratung, 2019 waren es lediglich 23. Eine Fernberatung, beispielsweise übers Telefon, erfuhren 108 Frauen, im Vorjahr waren es 95.

Auch aus den Zahlen der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt Ostsachsen in Bautzen ist kein klarer Trend abzuleiten. Die Polizei reichte 50 Fälle an die Interventionsstelle weiter, 2019 waren es 51. Selbst meldeten sich 24 Frauen und drei Männer bei der Bautzener Einrichtung, 2019 waren es elf Frauen und fünf Männer. Und schließlich führten die Mitarbeiter im vergangenen Jahr 249 Beratungen durch, im Vorjahr waren es 244.

Straftaten wegen häuslicher Gewalt steigen

Allerdings gibt es das Phänomen der häuslichen Gewalt nicht erst seit Corona. Und da zeigt sich doch, dass der Landkreis einen Schwerpunkt bildet. Das wiederum geht aus Zahlen über die Straftaten der häuslichen Gewalt sowie Straftaten gegen das Gewaltschutzgesetz hervor, die bereits vor Corona deutlich gestiegen waren.

Zählte das Landeskriminalamt 2018 im Landkreis Görlitz 642 Straftaten, so waren es 2019 bereits 694. Die Häufigkeit pro 100.000 Einwohner lag damit bei 272 Fällen - das ist ein besonders hoher Wert unter den Landkreisen oder kreisfreien Städten in Sachsen. Nach einer Übersicht des Görlitzer Landratsamtes reichte nur der Kreis Nordsachsen mit 264 Fällen pro 100.000 Einwohnern da heran.

Kreis kann eigene Interventionsstelle erhalten

Um besser auf die Entwicklung zu reagieren, will der Freistaat nun die Zahl der Interventions- und Koordinierungsstellen erhöhen. Bislang gibt es nur acht in Sachsen, also nicht mal in jedem Landkreis oder kreisfreien Stadt. Jetzt könnte der Landkreis Görlitz eine eigene Interventionsstelle erhalten, erklärte Gleichstellungsbeauftragte Ines Fabisch. Bereits zum nächsten Jahr. Zuvor muss aber der Kreistag beziehungsweise der Gesundheitsausschuss einer solchen Stelle zustimmen, die zu 90 Prozent vom Freistaat gefördert wird.

Damit soll auch dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, auch bekannt als Istanbul-Konvention, Rechnung getragen werden. Das entsprechende Gesetz trat in Deutschland zum 1. Februar 2018 in Kraft. Wie das Bundesfamilienministerium erläutert, hat sich die Bundesrepublik damit verpflichtet, auf allen Ebenen alles dafür zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, Betroffenen Schutz und Unterstützung zu bieten und Gewalt zu verhindern.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Löbau lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz