merken
PLUS Görlitz

Schulbus-Streit: Landrat Bernd Lange stark unter Druck

Im Norden des Kreises Görlitz soll zum Jahreswechsel ein neuer Fahrplan eingeführt werden. Doch die Probleme sind riesig. Im Kreistag deutet Lange erste Kompromisse an.

Der Schulbus-Verkehr ist im Landkreis Görlitz zum Politikum geworden.
Der Schulbus-Verkehr ist im Landkreis Görlitz zum Politikum geworden. © Archiv/André Schulze

Wenn Landrat Bernd Lange die Kreisräte warten lässt, muss etwas Wichtiges vorgefallen sein. Am Mittwoch eilte er zusammen mit den CDU-Kreisräten verspätet in die Aula des Görlitzer Berufsschulzentrums - direkt von einer Krisensitzung der CDU-Fraktion. Thema: Der neue Busfahrplan im Norden.

Eigentlich soll der etwas Gutes bewirken, nämlich den öffentlichen Nahverkehr besser vernetzen, mehr Busse im Einsatz, abgestimmte Fahrpläne mit den Zügen und so am Ende bessere Verbindungen von den Dörfern in die nächsten Städte. Der Freistaat gibt dafür auch mehr Geld und reagiert damit auf die Kritik vieler Einwohner in Dörfern, dass der öffentliche Nahverkehr abends und am Wochenende praktisch nicht fährt. Im Süden gilt der Fahrplan bereits seit Jahresbeginn.

Anzeige
Bist Du bereit für die Arbeit mit Strafgefangenen?
Bist Du bereit für die Arbeit mit Strafgefangenen?

Als Justizvollzugsbeamter/in (m/w/d) hast Du einen spannenden Job mit viel Verantwortung.

Doch bei der Umsetzung liegt die Tücke im Detail. Das Hauptproblem: Der bislang freigestellte Schülerverkehr wird in das Liniennetz integriert. Dazu werden Linien verkürzt, dafür pendeln mehr Busse in einem höheren Takt auf ihnen. Landrat Lange bestätigt das am Mittwoch im Kreistag und nennt die Kosten als Hauptgrund. Was sich noch nicht so problematisch anhört, hat im Einzelfall aber große Auswirkungen.

Die beschreibt an diesem Nachmittag Ronald Schmidt aus Deschka stellvertretend für zahlreiche Elterninitiativen, die sich mittlerweile im Kreisnorden gegen den neuen Takt-Fahrplan gegründet haben. Die Fahrzeit von Neißeaue nach Kodersdorf erhöht sich auf über eine Stunde, in Lodenau müssen die Kinder 40 Minuten auf den Anschlussbus warten.

Probleme sind keine Einzelfälle, sondern flächendeckend

Er hätte noch weitere Beispiele nennen können. Um zur Oberschule nach Mücka zu gelangen, summiert sich der Schulweg für ein Kind aus Nieder Seifersdorf auf 100 Minuten für eine Strecke.

Die Königshainer Kinder, die die Grundschule Ebersbach besuchen, müssen kurz vor dem Ziel in Girbigsdorf zusätzlich umsteigen. 60 Kinder betrifft das mindestens. Die Haltestelle ist aber dafür denkbar ungeeignet, jetzt sollen die Kinder begleitet werden.

Kinder aus den Dörfern der Neißeaue sind auf den Bus aus Horka angewiesen, um die Grundschule Zodel zu erreichen. Eine Haltestelle vor dem Ziel ist künftig Schluss, die Kinder müssen dann in den Bus Rothenburg-Görlitz einsteigen, um eine Haltestelle zu fahren.

Solche Beispiele gibt es mittlerweile aus fast allen Gemeinden des Nordkreises. In vielen Dörfern gibt es keine sicheren Haltestellen fürs Umsteigen. Der Kreis räumt selbst ein, dass er erst über verstärkte Baumaßnahmen mit den Gemeinden reden müsse. Kurzfristig sei das nicht zu lösen.

Die Schulen wiederum klagen darüber, dass durch spätere Anfangszeiten der gesamte Rhythmus der Schule gefährdet wird: Pausen für Frühstück, aber vor allem das Mittagessen würden dadurch schwierig. Kommen die Kinder nachmittags noch später zu Hause an, hat das wiederum Auswirkungen auf die Teilnahme am Vereinsleben oder Musikschulunterricht. Was bleibt dann vom sozialen Leben auf dem Dorf?

Enormer Zeitdruck für Lösungen

Es hängt eben alles mit allem zusammen. Nun ist die Zeit knapp geworden, um die Probleme zu lösen. Landrat Bernd Lange will noch in der kommenden Woche die Elternvertreter zu einer Krisensitzung im Landratsamt treffen, im Dezember will er dem Kreistag die Lösungen präsentieren. Die Linke ist misstrauisch, fordert einen Sonderkreistag und eine Verschiebung des neuen Taktfahrplans. Das ist auch das Ziel der Elterninitiative. Statt zum Jahreswechsel empfehlen sie den Start zum neuen Schuljahr Ende August 2022. Und haben ein Vorbild im Blick: Auch im Süden ist der Fahrplan einmal um vier Monate verschoben worden.

Für den enormen Zeitdruck, unter dem das Landratsamt jetzt handeln muss, ist es selbst schuld. Die ersten Elterninitiativen wiesen bereits im Mai dieses Jahres auf Probleme hin. Zu dem Zeitpunkt wurden sie als Einzelfälle wahrgenommen und einzeln gelöst. Landrat Bernd Lange hat jetzt vor dem Kreistag eingestanden, dass die Probleme erst spät an ihn herangetragen wurden.

Aber auch dafür trägt das Landratsamt und das federführende Ressort von Dezernent Thomas Rublack die Hauptverantwortung. Sein Amt schickte die Bus-Konzeption an die Schulen und Bürgermeister mit dem Vermerk "Vertraulich" heraus. Viele hielten sich daran und trauten sich nicht, die Konzeptionen mit den Eltern zu besprechen. "Kommunikationsprobleme" nannte das jetzt Landrat Bernd Lange.

Elternvertreter Ronald Schmidt jedenfalls fordert im Namen der Eltern: "Wir wollen mehr Information, mehr Transparenz, mehr Dialog, mehr Beteiligung und klare Ansprechpartner für unsere Anliegen."

Landrat Bernd Lange macht ihnen vor dem Kreistag Hoffnung auf grundlegende Verbesserungen. Er ist davon überzeugt, dass es in einigen Bereichen auch wieder freigestellten Schülerverkehr geben müsse. Auch, wenn das den Kreis zusätzliches Geld kostet.

Skepsis unter Kreisräten verbreitet

Doch ist in den vergangenen Wochen nicht nur bei Eltern viel Vertrauen zerstört worden, auch Kreisräte trauen der Lösungskompetenz des Landratsamtes nicht mehr ganz über den Weg. Enrico Deege von den Grünen aus Görlitz spricht sich für eine Verschiebung der Pläne aus, die Linke will einen Sonder-Kreistag, die CDU schweigt trotz Krisensitzung zu dem Thema, springt aber auch nicht dem Landrat bei. Schöpstals Bürgermeister Bernd Kalkbrenner (FDP) hält den Zeitplan von Lange "sportlich", aber nicht für unmöglich.

Weiterführende Artikel

Kreis Görlitz: Neuer Fahrplan bringt auch Schülern Vorteile

Kreis Görlitz: Neuer Fahrplan bringt auch Schülern Vorteile

Die Kreisverwaltung verteidigt den neuen Taktfahrplan und will ihn zum 1. Januar umsetzen. Bei Problemen reicht er den Schwarzen Peter an Kommunen und Schulen weiter.

Aus der AfD gibt es unterschiedliche Signale. Silke Grimm, frühere Landtagsabgeordnete und Busunternehmerin aus dem Südkreis, plädiert dafür, den Fahrplan in Kraft zu setzen und dann zu schauen, wo es Probleme gibt und sie anschließend zu lösen. So sei es auch im Südkreis gewesen und heute bekomme sie von Touristen, aber auch Eltern gesagt, wie gut der Busverkehr geworden sei. Doch Landtagsabgeordneter Roberto Kuhnert aus Weißwasser fährt ihr in die Parade und fordert im Namen der Fraktion: Die Probleme müssen jetzt gelöst werden.

Mehr zum Thema Görlitz