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Wie die Pandemie in die Stadtgeschichte eingeht

In dieser Zeit archivieren Siegfried Hoche und seine Kollegen mehr als üblich. Und auch die Städtischen Museen Görlitz und Niesky haben Corona im Blick.

Die gebundenen Abschriften der Pestzettel aus dem 16. Jahrhundert kann Siegfried Hoche in dicken Bänden durchblättern. Auch Corona wird Spuren für die Nachwelt hinterlassen.
Die gebundenen Abschriften der Pestzettel aus dem 16. Jahrhundert kann Siegfried Hoche in dicken Bänden durchblättern. Auch Corona wird Spuren für die Nachwelt hinterlassen. © Pawel Sosnowski/Archiv

Was werden unsere Nachfahren finden, wenn sie nach 50 oder 100 Jahren untersuchen wollen, wie sich einst, in den 2020er-Jahren, die Corona-Pandemie in Görlitz auswirkte? Wie war es um die Gesundheit, die Stimmung, das Miteinander und die wirtschaftliche Situation der Menschen bestellt?

Im Ratsarchiv kann man heute gut erforschen, wie viele Görlitzer etwa der Pest im 16. Jahrhundert zum Opfer fielen, weil der damalige Bürgermeister Bartholomäus Scultetus mit den sogenannten Pestzetteln Buch darüber führte. Abschriften davon sind bis heute, in dicken Wälzern gebunden, erhalten.

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Historische Pandemien unterschiedlich gut dokumentiert

Auch andere Seuchen wie Pocken, Cholera oder Typhus lassen sich in den städtischen Unterlagen oder der Stadtchronik nachweisen und verfolgen. "Das hängt allerdings immer davon ab, wie zu der jeweiligen Zeit archiviert wurde und welche Fragen man an die Geschichte stellte", sagt der Görlitzer Ratsarchivar Siegfried Hoche. "Beziehungsweise davon, was dem Ratsarchivar wichtig war."

Historiker und Stadtarchivar Richard Jecht (1858–1945) war ein Fan des Mittelalters. Für seine eigene Zeit interessierte er sich weniger.
Historiker und Stadtarchivar Richard Jecht (1858–1945) war ein Fan des Mittelalters. Für seine eigene Zeit interessierte er sich weniger. © Stadtverwaltung Görlitz

Richard Jecht zum Beispiel, so hoch seine Verdienste als Historiker für die Stadt Görlitz auch einzuschätzen sind, war ein Fan des Mittelalters. Für seine eigene Zeit habe er sich weniger interessiert, sagt Hoche. Jecht war 1883 als 25-Jähriger nach Görlitz gekommen, wurde bald Sekretär der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften und leitete ab 1907 das Ratsarchiv. Während er zur Geschichte der Stadt sehr viel publizierte, sind die Ereignisse seiner Schaffensjahre weniger gut dokumentiert.

Dass Pandemien wie die Russische Grippe um 1890 oder 30 Jahre später die Spanische Grippe auch in Görlitz grassierten, ist somit vor allem aus den Todesannoncen in den damaligen Zeitungen zu erfahren. Ab 1918 beklagen sie immer wieder das Sterben jüngerer Menschen "nach kurzer schwerer Krankheit". Zahlen der Grippetoten lassen sich den Mitteilungen der Verwaltungen in Zeitungen entnehmen, deren Sterben manchmal auch als "Tod durch Entkräftung" beschönigt wird.

Corona für die Nachwelt festgehalten

Von Corona wird die Nachwelt jedoch umfänglich erfahren. Aufgabe des Ratsarchivs ist es, die Dokumente der Görlitzer Stadtverwaltung zu archivieren, zumindest all das, was es würdig ist, aufgehoben zu werden. "Das ist wie in jedem Privathaushalt", sagt Hoche. "Der größte Teil aller Unterlagen kann weg, drei bis vier Prozent hebt man für längere Zeit auf."

Aus zahlreichen Unterlagen, die etwa als Vorlagen für Stadtratsbeschlüsse oder viele andere Zwecke seit vergangenem März im Rathaus entstanden sind, gehe die besondere Situation der Corona-Zeit hervor. "Das ist uns im Ratsarchiv seit dem Tag bewusst, als die Pandemie in Görlitz ankam", sagt Siegfried Hoche. "Entsprechend archivieren wir in dieser Zeit mehr Unterlagen als üblich, das ist unser Job."

Auch in der Stadtchronik, die das Ratsarchiv unter anderem anhand der lokalen Presseberichte führt, gehört "Corona" seit einem Jahr zu den Schlagworten, unter denen man die Görlitzer Stadtgeschichte durchsuchen kann. "Eine Krise dieser Art hatten wir seit Jahrzehnten nicht mehr, das ist für uns alle eine ganz besondere Zeit", sagt Hoche. "Was wir heute machen, wird später wichtig sein für die Historiker, ob sie sich mit Medizingeschichte, Soziologie oder Mentalitätsgeschichte beschäftigen."

Museen sammeln Masken und andere Objekte

Greifbare Zeugnisse der Coronazeit hat das Kulturhistorische Museum bereits im Sommer begonnen zu sammeln: Objekte, die für einzigartige historische Momente stehen, die den Menschen im Lockdown besonders wichtig sind oder die plötzlich Teil des Alltag wurden, bevor sie es je gewesen waren.

Historikerin Ines Haaser bewahrt den Bolzenschneider, mit dem nach der Corona-Grenzschließung der Zaun auf der Görlitzer Altstadtbrücke geöffnet wurde, im Städtischen Museum auf.
Historikerin Ines Haaser bewahrt den Bolzenschneider, mit dem nach der Corona-Grenzschließung der Zaun auf der Görlitzer Altstadtbrücke geöffnet wurde, im Städtischen Museum auf. © Nikolai Schmidt/Archiv

Den Bolzenschneider, mit dem Rafal Gronicz, Bürgermeister von Zgorzelec, und der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu im Juni das Ende der coronabedingten Grenzschließung auf der Altstadtbrücke besiegelten, hat die Historikerin Ines Haaser für die Görlitzer Sammlungen aufbewahrt.

Auch genähte Alltagsmasken, die jetzt durch die Notwendigkeit medizinischer Masken schon wieder überholte sind, gehören zu ihrer Sammlung, oder auch die Corona-Helden, die in die Welt des Playmobilspielzeugs einzogen.

Ihrem Aufruf an die Bevölkerung, das Museum bei der Sammlung zu unterstützen, sind einige gefolgt und schickten ihr Fotos, wie sie zu keiner anderen Zeit gemacht werden konnten. "Aber wir freuen uns weiterhin über typische Coronaobjekte", sagt Ines Haaser.

Auch Niesky sammelt zu Corona

Ähnlich wie Ratsarchiv und Städtisches Museum in Görlitz sammelt auch das Stadtmuseum Niesky fortlaufend Presseberichte und Fotos, die für die Chronik der Stadt von Bedeutung sind. "So dokumentieren wir auch das aktuelle Geschehen während der Coronazeit", sagt Museumsleiterin Eva-Maria Bergmann.

"Auch werden wir sicher einige Masken, unsere Hygienekonzepte sowie Plakate und Infobriefe zu ausgefallenen oder verschobenen Ausstellungen und Veranstaltungen archivieren." Und so geht Corona hier wie anderswo in die Geschichte der Städte und Dörfer ein.

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