merken
PLUS Görlitz

Was Prominente zur Wahl an der Neiße sagen

Das Abschneiden der AfD haben viele kommen sehen, den Fall der CDU im Kreis Görlitz nicht unbedingt. Welche Auswirkungen Touristiker, Gewerkschafter, Wissenschaftler und Kirche sehen.

Die CDU trauerte am Sonntagabend nicht nur im Landkreis Görlitz, auch in anderen Regionen konnte sie an einstige Erfolge nicht anknüpfen. In kleinerem Maße gilt das auch für die AfD, die bundesweit Stimmen verloren hat. In der Oberlausitz sieht das an
Die CDU trauerte am Sonntagabend nicht nur im Landkreis Görlitz, auch in anderen Regionen konnte sie an einstige Erfolge nicht anknüpfen. In kleinerem Maße gilt das auch für die AfD, die bundesweit Stimmen verloren hat. In der Oberlausitz sieht das an © Martin Schneider

Lutz Kühne: "Wahlausgang schadet Image der Region"

Lutz Kühne, Geschäftsführer der Görlitzer Marketingagentur "Die Partner".
Lutz Kühne, Geschäftsführer der Görlitzer Marketingagentur "Die Partner". © SAE Sächsische Zeitung

Vorige Woche war das französische Fernsehen zu Gast bei Lutz Kühne, Geschäftsführer der Görlitzer Marketingagentur „Die Partner“. Dabei seien auch die Themen Fachkräftemangel und Erstarken der AfD aufgekommen, „und die Frage, warum das so ist“, erzählt Kühne. Mit Blick auf das Image der Oberlausitz sei das Wahlergebnis vom Sonntag „ein verheerendes Signal nach außen“. Dabei sei es gerade für die Region wichtig, an einem besseren Image zu arbeiten. „Wir brauchen junge Menschen, Fachkräfte.“ Das Image der Oberlausitz sei bereits nicht nur positiv als Kohleregion, die jetzt vor der Herausforderung des Strukturwandels steht. „Das wird nicht einfach.“ Auf der anderen Seite sehe er auch viel Potenzial. Durch die Lage mitten in Europa, die Landschaft, die Besonderheiten. „Aber das stellt man infrage, wenn man nach außen durch solche Wahlergebnisse Hoffnungslosigkeit und Rückwärtsgewandtheit vermittelt.“

TOP Deals
TOP Deals
TOP Deals

Die besten Angebote und Rabatte von Händlern aus unserer Region – ganz egal ob Möbel, Technik oder Sportbedarf – schnell sein und sparen!

Professor Werner Patzelt ist Politikwissenschaftler und lehrte lange an der TU Dresden.
Professor Werner Patzelt ist Politikwissenschaftler und lehrte lange an der TU Dresden. © Daniel Förster

Werner Patzelt: "Die CDU braucht sich nicht wundern"

Keine Überraschung bei Politikwissenschaftler Werner Patzelt: „Dass die CDU sogar nur noch drittstärkste Kraft hinter der SPD wird, hatte ich zwar so nicht erwartet. Aber dass die AfD ihren Überholvorgang gegenüber der CDU fortführen würde, war absehbar. Auch in Thüringen und Mecklenburg ist die AfD vor der Union gelandet.“ Regionen, in den früher ein nahezu kindliches Vertrauen in die CDU geherrscht habe. „Aber wenn man dann kein Politikangebot mehr macht, das den eigenen Wählern einleuchtet, wird daraus eben eine tiefe Enttäuschung.“ Er habe der CDU bereits vor mehreren Jahren geraten, stärker eigene Positionen herauszustellen. Stattdessen, so Patzelt, habe die CDU durch ausbleibenden Widerspruch viele grüne und SPD-Positionen populär oder sich gar zu Eigen gemacht, „und dann braucht man sich nicht wundern, wenn die ‚Laufkundschaft‘ lieber das Original wählt, also SPD und Grüne, und die frühere ‚Stammkundschaft‘ verprellt wird.“

Thomas Koppehl: "Weniger Aufgeregtheit würde guttun"

Thomas Koppehl ist Superintendent des Evangelischer Kirchenkreises schlesische Oberlausitz.
Thomas Koppehl ist Superintendent des Evangelischer Kirchenkreises schlesische Oberlausitz. © André Schulze

Die Wahl hat deutlich gemacht, dass es sich bei Parteien wie der AfD nicht um ein temporäres Phänomen handelt, sagt Thomas Koppehl, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises schlesische Oberlausitz. „Pendants gibt es auch in anderen Ländern.“ Einerseits sieht er mit den Ergebnissen der AfD in der Oberlausitz einen erheblichen Prozentsatz von Menschen, die sich ausgeschlossen fühlen, Misstrauen gegenüber den regierenden Parteien haben. „Es ist eine starke Minderheit, aber doch eine Minderheit gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft, die die Entwicklungen der vergangenen Jahre mit tragen möchte.“ Er plädiert für weniger Aufgeregtheit. Wichtig sei, glaubwürdig zu machen, welche Projekte die Mehrheitsgesellschaft verfolgt, „und das dann vielleicht ausstrahlt, aber ohne Häme.“ Als Beispiel nennt er die Coronakrise. „Wir sollten erklären, was solidarisch wichtig ist, statt in eine Verurteilungshaltung zu fallen.“

Willi Xylander: Sorge, dass die Besten nicht kommen wollen

Willi Xylander ist der Direktor des Seckenberg-Mesums für Naturkunde in Görlitz.
Willi Xylander ist der Direktor des Seckenberg-Mesums für Naturkunde in Görlitz. © Archiv: Nikolai Schmidt

Selbst bei der Fachtagung der Cytogenetiker am Seckenberg-Museum Görlitz am Montag wurde Direktor Willi Xylander gefragt, ob er etwas zum Wahlergebnis sagen wolle. „Es wird also schon wahrgenommen, auch außerhalb“, sagt Xylander. Dass es so sehr durchschlagend für die AfD ausfallen würde, habe er nicht erwartet. Welche Auswirkungen es im Wissenschaftsbetrieb hat – schwer zu sagen. „Ein Schwerpunkt bei uns sind Forschungen zu Folgen des Klimawandels. Wenn neue Stellen ausgeschrieben sind, wünschen wir uns natürlich die besten Köpfe.“ Ob diese ein Problem damit haben, in eine Region zu gehen, in der eine Partei Wahlgewinner ist, die zumindest in Teilen ihr Forschungsgebiet als unwichtig ansieht, gar leugnet oder die Objektivität wissenschaftlicher Daten in Zweifel zieht – „ich weiß es nicht, aber ich denke schon, dass das Lebensumfeld ein ausschlaggebender Punkt ist.“

Hans Klecker: "Ich kann nur das Beste hoffen"

Hans Klecker, hier beim jüngsten Tag der Oberlausitz, setzt sich seit Jahrzehnten für die Region und ihre Traditionen ein.
Hans Klecker, hier beim jüngsten Tag der Oberlausitz, setzt sich seit Jahrzehnten für die Region und ihre Traditionen ein. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Überrascht vom Wahlergebnis war Hans Klecker, Mundartdichter in Zittau, nicht. „Ich höre ja, wie die Leute reden.“ Dass etwa bestimmte Straßenprojekte seit Jahren nicht fertig geworden sind. Dass so vieles nicht geschafft worden sei. Seit 1996 befasst sich Klecker mit Oberlausitzer Mundart. In zahlreichen Fernsehbeiträgen, auf zig Festen vertrat er schon die Oberlausitz. Er war eigentlich für die CDU. „Herr Kretschmer und Herr Meyer hatten immer ein offenes Ohr“, erzählt Klecker. Sie habe er sogar überreden können, Oberlausitzer Tracht zu tragen. Er hoffe jetzt einfach das Beste. Also, dass die AfD sich ebenso für die Region einsetzt. „Chrupalla kommt ja aus Gablenz, ist also auch Oberlausitzer“, so Klecker. „Was ich aber albern finde, ist, mit der AfD nicht zu reden. Sie haben 36 Prozent der Stimmen erreicht. Sollen sie doch zeigen, was sie können. Nachher kann man schimpfen.“

Dana Dubil: "Unterstützer in Berlin werden rar"

Dana Dubil ist die Regionalgeschäftsführerin DGB Ostsachsen.
Dana Dubil ist die Regionalgeschäftsführerin DGB Ostsachsen. © SZ/Uwe Soeder

Dana Dubil ist Regionsgeschäftsführerin der DGB Ost-sachsen „Das Ergebnis des Wahlkreises Görlitz ist ein äußerst ungünstiges Signal“, schätzt sie ein. Für die Herausforderungen der Region brauche es finanzielle und personelle Unterstützung, aber nach der Wahl werden „offene Ohren und Unterstützer in Berlin rarer. Der Direktkandidat der AfD hat sich in der vergangenen Legislaturperiode nicht erkennbar für Arbeitnehmerfragen eingesetzt“, so Dana Dubil. „Die Erwartung an ihn sind daher nicht hoch.“ Die AfD wolle beispielsweise keine Mindestlohn-Erhöhung. „Die Einkommensschwäche der Region wird dadurch bleiben“, fürchtet sie. Umso wichtiger sei, dass sich Kandidaten anderer Parteien im Bundestag für die Beschäftigten und etwa einen fairen Strukturwandel einsetzen. Dana Dubil hofft etwa auf Kathrin Michel, die in Bautzen über die SPD-Landesliste gewählt wurde.

Mehr zum Thema Görlitz