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Wiedergefundenes Monument erinnert an uralte Adelsfamilie

Über Jahrhunderte haben sich die von Gersdorffs unter ihrem Wappen versammelt. Jetzt unterstützen die Nachfahren dessen Restaurierung.

Rayk Grieger ist mit der Restaurierung eines 400 Jahre alten Monuments der Familie von Gersdorff betraut.
Rayk Grieger ist mit der Restaurierung eines 400 Jahre alten Monuments der Familie von Gersdorff betraut. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Wenn die Familie von Gersdorff – oder genauer: "derer von Gersdorff" – in früheren Jahren nachfragte, wo denn das Monument verblieben sein könnte, unter dem sich ihre Vorfahren über Jahrhunderte versammelten, hieß es: leider verschollen, vermutlich ein Kriegsverlust, möglicherweise unwiederbringlich verloren.

"Wir dachten lange, es sei nach dem Zweiten Weltkrieg vielleicht nach Polen gekommen und tauche irgendwann in einem Museum wieder auf", sagt Nicoline Freifrau von Ulmenstein, eine geborene von Gersdorff.

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Im Museum versteckt

So kam es auch, doch nicht in Polen. Was für eine Überraschung war es, als im Zuge des Umbaus des Görlitzer Barockhauses Neißstraße 30 und der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften beim Ausräumen eines Möbeldepots 2009 eine offensichtlich wertvolle Wappentafel, eine Art Epitaph, entdeckt wurde. "Sie war bei uns im Museum nicht registriert und stand da einfach zwischen Schränken und Truhen", sagt Kai Wenzel von den Görlitzer Sammlungen.

Nicoline Freifrau von Ulmenstein verwaltet das Archiv des Familienverbandes derer von Gersdorff. Peter von Gersdorff ist ihr Bruder. Die Inschrift unter dem Wappen ist im Moment abmontiert.
Nicoline Freifrau von Ulmenstein verwaltet das Archiv des Familienverbandes derer von Gersdorff. Peter von Gersdorff ist ihr Bruder. Die Inschrift unter dem Wappen ist im Moment abmontiert. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Kunsthistoriker kannte jedoch den historischen Kupferstich von Johann Georg Mentzel aus dem Jahr 1719, der ein Monument des Geschlechts derer von Gersdorff abbildete. So fand Kai Wenzel rasch heraus, dass es sich bei der knapp 1,80 Meter hohen Wappentafel um einen Teil davon handelte. Das vollständige Monument war um die vier Meter hoch und mit Rittern auf Pferden, Trompetern, Waffen und einer Fahne geschmückt. Es war 1611/12 von einem Zittauer Künstler geschnitzt und anlässlich des vierten großen Familientreffens derer von Gersdorff im Jahr 1623 im Görlitzer Vogtshof angebracht worden.

Eine Inschrift unter dem Wappen erinnert bis heute an den ersten dieser sogenannten "Geschlechtstage" 1572 in Zittau, zu dem 200 männliche Familienmitglieder mit 500 Pferden – und vermutlich einigem Begleitpersonal – angereist waren, um sich zu versammeln und einen Kodex zu vereinbaren, der für alle von Gersdorffs gelten sollte: etwa die einheitliche Verwendung des Wappens, gegenseitigen Beistand in Not, Regeln zur Schlichtung von Streitigkeiten oder die Maßregelung von Familienmitgliedern, die sich ohne Erlaubnis ihrer Eltern verlobten. Auch wurde festgelegt, zu künftigen Treffen auch die Verwandten aus Böhmen und Schlesien einzuladen.

Tafel wird restauriert

Diese über 400 Jahre alte Wappentafel mit der ebenso alten Inschrift lässt das Städtische Museum nun mithilfe von Fördermitteln der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen und einer großzügigen Unterstützung der Familie von Gersdorff restaurieren. Der Görlitzer Restaurator Rayk Grieger hat bereits begonnen, das Kunstwerk zu reinigen und die historischen Farbschichten freizulegen.

Vor wenigen Tagen waren Nicoline Freifrau von Ulmenstein, ihr Bruder Peter von Gersdorff und ihr Ehemann in Griegers Werkstatt zu Gast, um sich das Monument zum ersten Mal anzusehen. "Da ist man schon ein wenig ergriffen, wenn man so zurück in die eigene Familiengeschichte schaut", sagt die 63-jährige Freifrau, als sie sich den schwarz-rot-silbernen Schild im Wappen aus der Nähe anschaut.

An den Seiten des Monuments haben sich Engelsfiguren erhalten, die noch die originale Bemalung zeigen.
An den Seiten des Monuments haben sich Engelsfiguren erhalten, die noch die originale Bemalung zeigen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

"Sieh mal, Peter, da ist sogar ein Muster eingeschnitzt, das man auf dem Kupferstich gar nicht sieht", sagt sie zu ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder. "Und hier, der Spruch, den benutzen wir noch heute." Sie zeigt auf die beiden unteren Ecken der Wappentafel, wo in zwei Kartuschen geschrieben steht: "Inutrumqu paratus. Arte et marte." Übersetzt: "Seid auf alles vorbereitet. Durch Mut und Geschick."

Peter von Gersdorff und seine Schwester Nicoline sind in direkter Linie mit jenen von Gersdorffs verwandt, die seit 1301 in der Oberlausitz lebten. Von da an hat sich der Name ununterbrochen weitervererbt. Nicoline Freifrau von Ulmenstein ist nicht nur eine Nachfahrin dieses einst bedeutendsten, größten und am weitesten verzweigten Oberlausitzer Uradelsgeschlechts, sie verwaltet auch das Archiv der Familie. Wer immer etwas über die Herkunft, die Familienlinien, deren Verzweigungen und die Wohnorte der heutigen Angehörigen derer von Gersdorff wissen möchte, erhält von ihr die bestmögliche Auskunft.

Kunstwerk brutal abgesägt

Über das Monument war ihr bekannt, dass es sich im Vogtshof und später im Görlitzer Ständehaus befand, wo die von Gersdorffs nach der Neukonstituierung des Familienverbandes 1887 bis in die 1930er Jahre ihre Familientage abhielten. 1945 wurde das Ständehaus Sitz der Sowjetischen Militäradministratur. "Wahrscheinlich hing das Monument zu dieser Zeit noch dort", sagt Kai Wenzel.

Ein rabiater Umgang mit dem Kunstwerk sei anzunehmen, wenn man sehe, dass an den Seiten einfach Teile abgesägt wurden. Vermutlich habe danach, als die Stadt das Haus wieder übernahm, irgendjemand die Wappentafel, ohne viel nachzudenken, zwischen den Möbeln des Museums verstaut.

Im Barockhaus Neißstraße 30 in Görlitz erinnert vieles an eines der berühmten Familienmitglieder: Adolf Traugott von Gersdorff, der hier die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften gründete.
Im Barockhaus Neißstraße 30 in Görlitz erinnert vieles an eines der berühmten Familienmitglieder: Adolf Traugott von Gersdorff, der hier die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften gründete. © freier Fotograf

Die von Gersdorffs waren damals schon aus der Oberlausitz verschwunden. Hatte das Adelsgeschlecht im 16. Jahrhundert mit 68 Herrensitzen und Rittergütern mehr Landgüter in der Oberlausitz besessen als die Sechsstädte, war hier 1945 nur noch das Rittergut von Alt-Seidenberg gersdorffsches Eigentum. Von den 20 Linien, die sich einst in Zittau versammelt hatten, existieren heute noch elf mit insgesamt rund 150 Familienmitgliedern.

Familientreffen in der Oberlausitz

"Aber die sind weit verstreut", sagt Nicoline Freifrau von Ulmenstein. Sie und ihr Bruder wurden in Chile geboren, wuchsen aber bei Frankfurt auf. Ihr Vater war 1951 von Berlin aus nach Südamerika ausgewandert und kehrte nach Deutschland zurück, als Salvador Allende an die Macht kam. Ein anderer Teil der Familie lebte lange in Russland, heute sind außer Deutschland und Chile Schweden, Dänemark und die USA zur Heimat derer von Gersdorff geworden.

Seit 1991 trifft sich die Familie wieder möglichst alle zwei Jahre in der Oberlausitz. Dafür ist Herrnhut ein wichtiger Ort, aber auch die Wehrkirche Horka, in der sich eine Familiengruft befindet, Bautzen, Zittau, Schloss Meffersdorf, das für Adolf Traugott von Gersdorff gebaut wurde, und natürlich Görlitz, wo dieser die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften gründete und wo sich sein Physikalisches Kabinett befindet.

Rund 50 Mitglieder derer von Gersdorff kommen regelmäßig zusammen, das nächste Mal 2022. "Wir hoffen, uns in Zukunft wieder unter unserem Familienmonument versammeln oder es zumindest besichtigen zu können", sagt Nicoline Freifrau von Ulmenstein. Wo dieses nach der Restaurierung dauerhaft angebracht wird, steht im Moment aber noch nicht fest.

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