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Einmal Tänzer - immer Tänzer

Als Kinder begannen die Görlitzer Ronny Jeschke und Juliane Wittig zu tanzen. Irgendwann hörten sie auf. Jetzt sind sie Landesmeister.

Große Fußstapfen. Ronny Jeschke leitet beim Tanzclub Grün-Gold Görlitz die Breitensportgruppe am Montag. Das war bisher die Aufgabe von Görlitz' erfolgreichstem Tänzer: Detlef Zerbe.
Große Fußstapfen. Ronny Jeschke leitet beim Tanzclub Grün-Gold Görlitz die Breitensportgruppe am Montag. Das war bisher die Aufgabe von Görlitz' erfolgreichstem Tänzer: Detlef Zerbe. © André Schulze

Im Moment ist Tanzen nicht möglich. Die Flora, Rauschwaldes Sportzentrum, ist derzeit geschlossen. Aber als Training und Wettbewerbe möglich waren dieses Jahr, ist Ronny Jeschke gemeinsam mit seiner Tanzpartnerin Juliane Wittig Landesmeister geworden - zum dritten Mal in Folge. Mit 40 Jahren sind die beiden das jüngste Turnierpaar im Tanzclub Grün-Gold Görlitz. Ihrer Tanzklasse nach gehören sie dennoch zu den Senioren, den Senioren 1 B Standard. Die 1 steht für ihre Altersklasse, das B für den Leistungsgrad. Dieses Jahr hatte noch mehr Neuerungen für Jeschke: Im Februar übernahm er im TC Grün-Gold Görlitz die Breitensport-Tanzgruppe von Detlef Zerbe.

Juliane Wittig und Ronny Jeschke in Limbach-Oberfrohna. Anfang September fand hier die Landesmeisterschaft statt.
Juliane Wittig und Ronny Jeschke in Limbach-Oberfrohna. Anfang September fand hier die Landesmeisterschaft statt. ©  privat

Lehrer und Schüler gleichzeitig

Damit tritt er in große Fußstapfen. Vor bald 21 Jahren hatte Zerbe den Breitensport-Bereich im Verein gegründet und Gruppen trainiert. Und noch viel länger prägte er den Verein, seit über 60 Jahren ist er Mitglied, war lange auch im Vorstand. Seine Frau Ingrid und er waren das erfolgreichste Görlitzer Tanzpaar: Sie tanzten während der DDR-Zeit fast 20 Jahre in der Sonderklasse - der höchsten Tanzklasse, waren Mitglied in der DDR-Nationalmannschaft, gewannen sieben Mal den DDR-Meistertitel. Noch heute tanzt Detlef Zerbe beim TC Grün-Gold Görlitz. Aber ohne seine Frau Ingrid. Sie ist 2017 gestorben. Das Tanzen blieb. Jeden Montagabend trainiert Zerbe, inzwischen 81 Jahre alt, in der Breitensportgruppe - die nun Ronny Jeschke leitet.

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"Ich bin nicht der, der 'hier' schreit", sagt Jeschke. "Ich hatte auch meine Bedenken". Wegen der Fußstapfen. "Ich habe nicht dieses große Fachwissen von Detlef Zerbe. Da bin ich auch selber noch Lernender und hole mir Rat von ihm." Andere Vereinsmitglieder machten ihm Mut, erzählt Jeschke, auch Zerbe. Und so übernahm er im Februar die Montags-Breitensportgruppe.

Donnerstags dagegen ist er selbst Tanzschüler: Mit Juliane Wittig steht er mindestens einmal die Woche auf dem Parkett, manchmal noch an einem Abend zum freien Training. Beim TC Grün-Gold gibt es ganz unterschiedliche Kurse, vom Einsteiger-Breitensport bis zum Turniertanz unterschiedlicher Leistungsklassen. Die höchste ist auch heute noch die S, die Sonderklasse.

Als Kind zum Casting im Haus der Jugend

Jeschke kennt noch eine bekannte Oberlausitzer Tänzerin: Jana Krebs. Sie hatte 1978 den Kindertanzkreis in Görlitz gegründet, damals quasi die Talenteschmiede für den Tanzclub Grün-Gold. Vor ihr stand Ronny Jeschke als Kind zum Vortanzen.

"Ich bin 1987 eingeschult worden", erzählt er. "Mein bester Freund wollte gern zum Tanzen. Es gab damals ein richtiges Casting." Weil der Freund nicht allein gehen wollte, ging Jeschke mit ins Haus der Jugend. "Am Ende habe ich einen Platz bekommen, er leider nicht", erzählt Jeschke. "Wir mussten uns alle in einer Reihe aufstellen." Und die Kinder tanzten Übungen nach. "Eigentlich war ich auch schon raus und konnte mich umziehen gehen." Dass er doch einen Platz im Tanzsportclub bekam, hatte er Trödelei und Glück zu verdanken: Wegen der Paartänze wurden damals möglichst gleich viele Jungen wie Mädchen ausgewählt, erklärt er. "Ich war ein verträumtes Kind und habe in der Umkleide noch so vor mich hingetrödelt. Und dann stellte sich heraus, dass ein Mädchen allein übrig war." Und so bekam Ronny Jeschke - als Junge, der noch da war - doch die Chance.

Lange Pause vom Tanz

Jeschke besuchte die Oberschule Innenstadt, machte danach eine Ausbildung im Ofen- und Heizungsbau - und tanzte. Bis 2002, also bis er 22 war und mit seiner damaligen Freundin nach Chemnitz ging. Dort machte er eine Umschulung zum Zerspanungsmechaniker. Zehn Jahre lebten die beiden in Chemnitz, bekamen eine Tochter und kehrten nach Görlitz zurück, "wegen der Familie", erzählt Jeschke. "Oma und Opa unserer Tochter sind hier."

Mit der Freundin aus Kindheitstagen zurück aufs Parkett

Schon als Kind tanzten Ronny Jeschke und Juliane Wittig, beide 1980 geboren. Beide hörten später auf. Bis Juliane Wittig wieder einen Tanzpartner suchte.
Schon als Kind tanzten Ronny Jeschke und Juliane Wittig, beide 1980 geboren. Beide hörten später auf. Bis Juliane Wittig wieder einen Tanzpartner suchte. ©  privat

2016 fing Jeschke wieder mit dem Tanzen an. Die Beziehung war auseinandergegangen. Zur Ablenkung machte Jeschke Sport, ging in ein Fitnessstudio. "Und dort stand eines Tages Juliane Wittig vor mir." Eine Freundin aus Kindertagen - vom Tanzsportclub. Sie war im gleichen Jahrgang wie Jeschke. Auch sie tanzte damals nicht mehr - wollte aber gern wieder. "Sie hatte mich angesprochen, ob ich mitmachen würde." Im Mai 2016 begannen die beiden mit dem Training beim TC Grün-Gold, im September tanzten sie ihr erstes Turnier. Und 2018 wurden sie das erste Mal Landesmeister.

"Manches war vielleicht von früher wirklich noch drin. Ich hatte auch wirklich immer tolle Trainer." Derzeit trainiert Jeschke bei Marek Bureš und Anastasiia Iermolenko - mehrfache tschechische Meister in den Lateinamerikanischen Tänzen. Jeschkes liebster Tanz derzeit: der Slowfox. "Das ändert sich tatsächlich immer mal. Es ist wie bei allen Dingen: das, was man am besten kann, macht man am liebsten."

Das kleinste Team der Welt

Die Figuren, die Arbeit an der Perfektion, und was man als "kleinstes Team der Welt" schaffen kann - das bedeutet Tanz für Ronny Jeschke.
Die Figuren, die Arbeit an der Perfektion, und was man als "kleinstes Team der Welt" schaffen kann - das bedeutet Tanz für Ronny Jeschke. ©  privat

Vor allem zählt auch die Nachwuchssuche zu seinen Aufgaben im Verein, als Jugendsprecher ist er beratendes Mitglied im Vorstand. Auch ein Thema, das Zerbe immer am Herzen lag. Aber keine leichte Aufgabe, sagt Jeschke. Die Konkurrenz ist stark, Görlitz - gerade auch Rauschwalde - hat zahlreiche gute Sportvereine. "Manche Eltern denken vielleicht auch, Tanzen ist ein teurer Sport, oder dass es etwas Gehobenes ist." Immerhin vier Kinder, zwei Tanzpaare, trainieren in der Flora.

Für Jeschke bedeutet Tanzen etwas anderes: "Es gibt tolle Figuren", sagt er. "Das Besondere am Tanzen ist für mich: Man ist das kleinste Team der Welt. Man muss sich aufeinander einstellen. Es ist einfach schön, zu sehen, welche Leistung man gemeinsam schaffen kann, wenn das klappt." Aber Tanz - Turniertanz - bedeutet auch viel zeitlichen Aufwand.

Viele Wochenenden sind verplant

Genauigkeit ist auch in seinem Beruf gefragt: Jeschke arbeitet bei Sysmex Partec in Görlitz als Zerspanungsmechaniker. Juliane Wittig ist medizinische Fachangestellte. Sie und ihr Mann haben zwei Kinder. Dieses Jahr war alles anders, aber normalerweise stehen neben den Trainingsabenden unter der Woche sechs bis sieben Turniere pro Jahr an den Wochenenden an. In Dresden, Leipzig, Berlin. "Dafür braucht man auch eine Familie, die das mitträgt". Zu den Turnieren fahren sie immer mit und helfen: Juliane Wittigs Mann und ihre Kinder, Ronny Jeschkes Freundin und manchmal seine Tochter. "Sie alle sind uns ganz tolle Assistenten bei den Wettbewerben." Und Juliane Wittigs Tochter tanzt auch schon - Latein für Kinder. "Bei den Turnieren wird man zu so einem kleinen Zwei-Familien-Unternehmen."

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