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Görlitzerin zeichnet die Cartoons zur Corona-Zeit

Die freie Autorin Sabine Euler griff im Frühjahr wieder zu Stift und Papier. Und zeichnet Situation aus ihrem Familienleben. Mit politischem Akzent.

Sabine Euler kam 2002 nach Görlitz. Sie arbeitet als freie Autorin. In der Coronakrise griff sie wieder zu Stift und Papier.
Sabine Euler kam 2002 nach Görlitz. Sie arbeitet als freie Autorin. In der Coronakrise griff sie wieder zu Stift und Papier. © Nikolai Schmidt

Oft steht Sabine Euler schon vier Uhr morgens auf. So früh ist es noch still in dem Altstadthaus, wo die Familie lebt. Dann ist etwas Zeit, am Küchentisch zu zeichnen. Das hat sie lange nicht mehr gemacht. Aber im Frühjahr hat sie die Stifte wieder hervorgeholt. 

Vor allem drehen sich ihre Cartoons ums Familienleben. Ums Familienleben mit pubertierenden Kindern. Drei Kinder hat Sabine Euler - 17, 13 und drei Jahre alt. "Ich überspitze natürlich", erzählt sie. "Aber ein bisschen Wahrheit steckt immer in den Cartoons." 

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"Ein bisschen nackig mache ich uns alle ja doch damit"

Dass eines ihrer Kinder - Plateauschuhe, Nietengürtel, blau gefärbtes Haar, in dem sich ein Vogel wohlfühlt - sie zornentbrannt anbrüllte, wie peinlich es sei, wie sie, die Mutter, in Pulli und Pantoffeln rumlaufe, ist so nie passiert. Aber dass die Meinungen zwischen Mutter und Kind darüber auseinandergehen, was gerade in und cool ist - das gab es durchaus. "Und dann drücke ich immer nochmal ordentlich auf die Tube", erzählt Sabine Euler. "Ich habe mich auch gefragt, ob ich das überhaupt machen kann. Ein bisschen nackig mache ich uns alle ja doch damit", erzählt sie. "Aber mittlerweile fragen mich meine Kinder sogar, ob ich wieder was über sie gemacht habe." 

© Sabine Euler

Sabine Euler stammt aus Oberhessen, lebte lange in München und zog 2002 nach Görlitz, damals für ihren Beruf als Schauspielerin. "Ich habe aber nur kurz als Schauspielerin gearbeitet", erzählt die 47-Jährige. Sie sattelte beruflich um und arbeitete als freie Autorin und Illustratorin. 2010 gewann sie den ersten Görlitzer Humorpreis. Lange Zeit allerdings hat sie nun nicht mehr gezeichnet. Das änderte sich im Frühjahr, als die Coronapandemie die Oberlausitz erreichte. 

Stifte holte sie im Lockdown hervor

Eine sehr bedrückende Zeit, sagt Sabine Euler. "Schon vor dem ersten Lockdown habe ich fast alle Jobs als Werbetexterin verloren", erzählt sie. Stattdessen wurden die Aufgaben zu Hause immer größer: eine Zeit, die sie plötzlich vor ganz neue Herausforderungen stellt. Homeschooling zum Beispiel. "Bedrückt hat mich, wie selbstverständlich vieles auf die Familien abgeladen wurde." 

Einer ihrer Cartoons aus dieser Zeit: Eine Frau, die schlafend auf einem riesigen Wäscheberg liegt, mit Babyflasche in der Hand, irgendwo liegt ein angebissenes, aber nicht zu Ende gegessenes Brot, ein Schulbuch, Matheaufgaben und, irgendwelche Schriftstücke unter sich begraben. "Ich hatte Lust zu erzählen, wie ich mich fühle." Müde sei sie gewesen, manches Mal überfordert, in einer wackligen, erklärungsbedürftigen Situation das Räderwerk am Laufen zu halten. "Ich weiß, ich jammere auf hohem Niveau. Wie ist es Frauen ergangen, die nicht nur darauf zu achten hatten, dass ihre Kinder die Schulaufgaben machen, sondern noch einen Vollzeitjob oder ganz andere Herausforderungen zu bewältigen hatten?" 

Vater war Kinderbuch-Illustrator

Sabine Eulers Vater war Kinderbuch-Illustrator. Stifte hat er ihr in Hülle und Fülle hinterlassen. Neu kaufen musste sie also nichts, als sie im Frühjahr wieder mit dem Zeichnen begann. Derzeit liegt ihr Fokus bei den Pubertoons, Zeichnungen über herausfordernde, aber eben auch witzige Situationen des Familienlebens. Unabhängig von der Coronakrise ist das ein Thema, das sie bewegt. "Ich ärgere mich oft darüber, wenn Frauen sich - teils auch untereinander - rechtfertigen müssen für ihre Lebensmodelle", sagt Sabine Euler. 

Welle an Reaktionen

Ihre Cartoons zeigt sie auf ihrer Facebookseite. "Ich hätte nie gedacht, was da für eine Welle zurückkommt, per Post, Mail und in den Facebook-Kommentaren zu den Cartoons. Auch einige Männer äußern sich." Öfter liest man Kommentare wie: "Das kenne ich." Darin sieht sie den großen Vorteil der Cartoon-Form: "Eine eingestandene Schwäche lädt andere ein, Schwächen einzugestehen und darüber lachen zu können." Ein Kommentar zu der Zeichnung mit dem Wäscheberg: "Ich weiß noch wie ich, als die Zwillinge sieben Monate alte waren, zu einer Wurzelbehandlung musste und auf dem Zahnarztstuhl dachte: endlich mal Füße hochlegen und Zeit für mich." 

Auch wenn die Pubertoons jetzt im Fokus stehen, sie zeichne auch weiterhin politisch, erzählt Sabine Euler. Zum Beispiel auch zu ihrer eigenen Lage als Künstlerin zurzeit. Einer ihrer jüngeren Cartoons dreht sich um Cornonaleugner:  Ein Mann sitzt vor dem Fernseher und sagt zu seiner Frau "Ouha, die Riesendemo in Berlin ist gestorben." Sie: "Mit oder an Nazis?" "Kopf einziehen gilt nicht und darf nicht sein", sagt Sabine Euler. Dennoch, räumt sie ein, veröffentlicht sie nicht alle dieser Cartoons. "Ich überlege, ob ich wegstecken kann, was da zurückkommt."

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