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Wie ein Plattenkind ins Bauernhaus zieht

Steve Tillman-Gerlach und seine junge Familie baut in Königshain ein altes Gehöft aus. Nach der Sanierung ist hier auch Platz für ein Nähatelier und eine Heubetten-Unterkunft.

Familie Tillmann und der Lehm: Das Gemisch aus dem natürlichen Material wird als Dämmstoff verwendet.
Familie Tillmann und der Lehm: Das Gemisch aus dem natürlichen Material wird als Dämmstoff verwendet. © Constanze Junghanß

Lehm duftet. Erdig. Über dem alten Bauernwohnhaus des Königshainer Vierseitenhofes schwebt dieser unverwechselbare Geruch. Früher, so erzählt Steve Tillman-Gerlach, sorgten diese Stroh-Lehmmischungen zwischen den Wänden dafür, dass die Wärme im Haus blieb. Das historische Vorbild soll bleiben. Ein natürliches Material, ökologisch dazu. Das alte Königshainer Fachwerk-Gebäude atmet. Durch diese Dämmungsform einerseits und andererseits Geschichte: Als Julia und Steve mit der Gebäudesanierung begannen, kamen ungewöhnliche Fundstücke zutage.

Uraltes Holzspielzeug zwischen uralten Dielen, ein winziger Kinderschuh und zwei über 100 Jahre alte Grabmale aus Keramik. „Ruhe sanft“, steht da unter dem Namen eines verstorbenen einjährigen Kindes. Ein Engel dazu. Und „Auf Wiedersehen“. Die Steinwanne unten im Flur war das Wasserreservoir, die Räucherkammer im Schornstein sorgte für die Haltbarmachung des Fleischs – originale Zeitzeugen. Überall, so der 34-Jährige, gibt es was zu entdecken. Museales Flair. Einzigartig und erhaltenswert.

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Das Bauernwohnhaus erwecken Tillmanns nun wieder zum Leben. Die Familie saniert das Fachwerkobjekt aus dem 19. Jahrhundert. Es gehört zu einem Vierseitenhof nahe der Liebsteiner Straße. „Als es diese Straße noch nicht gab, rollten im Krieg durch den Hof die Panzer“, hat Steve Tillmann in Erfahrung gebracht. Heute bringen Blumen Farbe in den Hof. Die Kinder Edgar, Ida und Milla haben Platz zum Toben.

Edgar Tillmann (10 Jahre) zeigt einige der Fundstücke, die unter den alten Dielen versteckt waren.
Edgar Tillmann (10 Jahre) zeigt einige der Fundstücke, die unter den alten Dielen versteckt waren. © Constanze Junghanß
Steve Tillmann-Gerlach will aus dem ehemaligen Stallgewölbe ein „Kompetenzzentrum auf dem Land“ errichten. Noch ist viel zu tun.
Steve Tillmann-Gerlach will aus dem ehemaligen Stallgewölbe ein „Kompetenzzentrum auf dem Land“ errichten. Noch ist viel zu tun. © Constanze Junghanß
Der Vierseitenhof befindet sich in dörflicher Randlage von Königshain.
Der Vierseitenhof befindet sich in dörflicher Randlage von Königshain. © Constanze Junghanß

Steve stammt aus der Stadt, aufgewachsen in der Görlitzer Platte. In die Stadt zieht es den jungen Unternehmer nicht mehr zurück. Zusammen mit seiner Frau Julia und den drei Kindern werden sie in das Bauernhaus einziehen, wohnen bereits seit einigen Jahren in einem der Nebengebäude. Das wurde für den Fünf-Personen-Haushalt zu klein.

Mehr als 200 Quadratmeter Wohnfläche entstehen nun. „Seit 1995 ist das Haus als Denkmal eingetragen“, wie der 34-Jährige erzählt. Deshalb wird weitgehend originalgetreu restauriert. Neben Lehm, Stroh und Holz kommen auch andere Naturmaterialien wie Schafwolle und Hanf zum Einsatz. Tillmans haben mit dem riesigen Bauernhaus aber noch viel mehr vor. Julia arbeitet als Physiotherapeutin. 2015 entdeckte sie das Nähen als kreativen Ausgleich, näht Sachen für Kinder und Erwachsene.

Auf Facebook zeigt sie ihre Werke unter dem Markennamen JuliBee. Mehr als 3000 Interessenten haben ihre Seite abonniert. Der Umgang mit Nadel und Faden soll ab kommenden Jahr in Königshain eine Rolle spielen. Julia Tillmann will die erste Nähschule im Landkreis Görlitz eröffnen. Das Nähatelier entsteht auf dem ehemaligen Heuboden. Für Anfänger gleichsam wie für Fortgeschrittene und für Kinder ab 8 Jahren soll es Gruppen-, Einzel- und Wochenendkurse geben. Doch das ist noch nicht alles. „Wir errichten die erste Heu-Betten-Unterkunft der Region“, sagt ihr Mann.

Stallgewölbe wird ausgebaut

Sechs Plätze soll es geben für Kletterer beispielsweise, Pilger, Biker, Künstler und Kursteilnehmer. Die Kurse werden Traditionelles mit der Moderne verbinden, hat sich die Familie vorgenommen. Brauseminare und Brot backen gehören dazu. „Wir haben seit einem Jahr kein Brot mehr gekauft – alles selbst gemacht“, erzählt Julia Tillmann. Dafür setzt die 38-Jährige Sauerteig an. Ihr Mann will künftig in Königshain Marketingseminare für Gründer, Unternehmen und Vereine anbieten. Das Stallgewölbe wird dafür ausgebaut.

Mehr als 100 Quadratmeter Schulungsraum entstehen, die ebenso für Workshops oder als Konferenzraum genutzt werden können. Und ist die Sanierung abgeschlossen und hoffentlich Corona vorbei, hält auch Kultur im Stall Einzug. Modenschauen, Verkostungen regionaler Erzeuger, Produktpräsentationen und mehr können sich Tillmanns vorstellen. In dieser Form dürfte das Konzept in der Region einzigartig sein.

Die umfangreiche Sanierung des Bauernhauses kostet viel Geld. Mit ihren Projekten bewarb sich die Familie bei der Leader-Förderung und bekam den Zuschlag. Für die Wohnhaussanierung und die Umnutzung vom Stallgewölbe und dem Heuboden erhalten Tillmanns rund 195 000 Euro an Zuschüssen. Damit sind etwa die Hälfte der Gesamtkosten gedeckt. Sie hoffen, noch 2021 einziehen zu können und mit ihren Projekten spätestens im Jahr darauf zu starten.

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