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Zocken Fahrschulen ihre Schüler ab?

Drei Frauen aus Görlitz fühlen sich von Fahrlehrern und Prüfern ungerecht behandelt. Aber reicht das schon für die Vorwürfe aus?

Ziel jedes Fahrschülers: Nicht nur den Schlüssel zum Fahrschulauto zu erhalten, sondern bald das eigene Auto lenken zu dürfen.
Ziel jedes Fahrschülers: Nicht nur den Schlüssel zum Fahrschulauto zu erhalten, sondern bald das eigene Auto lenken zu dürfen. © dpa

Endlich darf Anna-Maria Friedrichs selbst Auto fahren. Vor Kurzem ist sie 18 Jahre alt geworden. Die Freude über den Führerschein ist groß. Doch an die praktische Fahrprüfung denkt die junge Frau äußerst ungern zurück.

Das ist auch der Grund, warum die Görlitzerin ihren wahren Namen hier nicht lesen möchte. Im Februar ging es an die praktische Fahrprüfung. Auf dem Parkplatz eines Einkaufsmarktes soll Anna-Maria Friedrichs beim Ausparken an ein Geländer gefahren sein. Sie selbst bemerkte nichts davon. Weder der Fahrlehrer noch der Prüfer stiegen aus, um die Situation zu betrachten und eventuelle Schäden festzustellen. Stattdessen wurde die Fahrschülerin zur Weiterfahrt aufgefordert. 

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Beim Ausparken dann aus einer beengten Parklücke ertönte der Dauerwarnton des Abstandssensors, was den Fahrlehrer zum Bremsen veranlasste. Damit war die Prüfung beendet. 

Auch die zweite Prüfung scheitert am Einparken

Ähnliches widerfuhr der Fahrschülerin bei der Wiederholungsprüfung. Wieder sollte sie einparken. Als sie bemerkte, dass sie mit der Front des Fahrzeugs leicht rechts in der Parklücke stand und nach ihrer Auffassung zu nah am anderen Fahrzeug, wollte sie korrigieren. Sie fuhr leicht rückwärts und wollte dann nach vorn einparken. Jedoch trat der Fahrlehrer auf die Bremse. Der Prüfer beendete die Prüfungsfahrt. 

Anna-Maria Friedrichs fühlte sich in beiden Fällen ungerecht behandelt. Der Anwalt der Familie schrieb daraufhin an die Dekra. Diese Organisation stellt die Prüfer, die die Fahrschulprüfungen in ganz Sachsen abnehmen. Das anwaltliche Schreiben brachte den Hinweis vom Dekra-Leiter Fahrerlaubniswesen, Andreas Schmidt, dass beide Bewertungen der Prüfungen korrekt und nicht zu beanstanden seien. Das hätten die Prüfprotokolle ergeben.

Nicht der einzige Fall

Anna-Maria Friedrichs hatte den Eindruck, "dass man mich bewusst durchfallen ließ", erklärt sie. Mit diesem Gefühl steht sie nicht allein da. Von einer Freundin erfuhr sie, dass diese die Prüfung nicht bestanden habe, weil der Prüfer einen schlechten Tag hatte. Das habe er ihr so gesagt. 

In einem anderen Fall, der der SZ bekannt ist, hatte die Fahrschülerin - nennen wir sie Fanny Müller - schon vor der Prüfung ein ungutes Gefühl. Fahrlehrer und Prüfer kannten sich gut. Vor dem Losfahren meinte der Prüfer "Na, da gucken wir mal, wie weit wir kommen." In der Heilige-Grab-Straße in Görlitz, zum Großteil eine Tempo-30-Zone, war Fanny Müller schon im Abbremsen des Wagens, bevor die 30er Zone begann. Der Fahrlehrer beeilte sich, die Fahrschülerin auf die Geschwindigkeitsbegrenzung hinzuweisen. Der Prüfer beendete die Prüfung als nicht bestanden. 

Das sagt der Fahrlehrerverband

Damit gehören die drei jungen Frauen zu dem mehr als einem Drittel der Fahrschüler, die bei der praktischen Fahrprüfung durchfallen. Dass die Dekra als Prüforganisation hier eine Monopolstellung ausnutzt, um mit möglichst vielen Wiederholungsprüfungen Geld zu verdienen, sieht der sächsische Fahrlehrerverband nicht so. "Die Zahl der Fahrschüler steigt seit einigen Jahren stetig an, ich sehe also keinen Grund, dass die Dekra einen wirtschaftlichen Vorteil daraus ziehen könnte, indem Prüfungen ungerechtfertigt als nicht bestanden bewertet werden", sagt Andreas Grünewald. Er ist der Vorsitzende des Landesverbandes Sächsischer Fahrlehrer. 

Er schließt zudem aus, dass Fahrlehrer mit Prüfern gemeinsame Sache machen, um von Wiederholungsprüfungen zu profitieren. Fahrschulen seien zudem ausreichend ausgelastet. "Es wird demzufolge wohl keinen Kollegen geben, der ungerechtfertigte Übungsstunden anberaumt", sagt Grünewald.

Das sagt der Fahrlehrer

Der Inhaber der Fahrschule, bei der Anna-Maria Friedrichs die Fahrschule absolvierte, sieht keine Möglichkeit, dass der Fahrlehrer ein Prüfungsergebnis beeinflusst. "Der Prüfer ist der Sachverständige", sagt der Mann, dessen Namen hier nicht genannt werden soll. "Der Fahrlehrer sichert lediglich die Prüfungsfahrt ab." Auch wenn der Fahrlehrer in einer bestimmten Situation eingreift, heißt das nicht, dass der Fahrschüler automatisch durchfällt. Wichtig für den Prüfer sei, dass der Fahrschüler selbst richtig reagiert.

Der Inhaber der Fahrschule verweist darauf, dass die Zahl der Fahrstunden davon abhängt, wie lange der Fahrschüler üben muss, um die Prüfung zu bestehen. Unnötige Fahrstunden gebe es bei ihm nicht. "Ich bin über jeden Fahrschüler froh, der beim ersten Mal die Prüfung besteht", sagt der Fahrschulinhaber. Denn das macht den Platz frei für einen neuen Fahrschüler, "bei uns gibt es sogar Wartelisten", sagt er.

Fahrschüler fühlen sich abgezockt

Die drei jungen Frauen fühlten sich allerdings von ihren Fahrschulen abgezockt, indem  die Prüfungen wiederholt werden mussten und damit erneut Gebühren anfielen. Fanny Müller bestand übrigens die Fahrprüfung beim zweiten Mal mit einem anderen Fahrlehrer aus der gleichen Fahrschule und einem anderen Prüfer. Anna-Maria Friedrichs suchte sich nach den Erfahrungen mit ihrer Fahrschule eine andere in Görlitz. Dort absolvierte sie die praktische Fahrprüfung. Auch ihre Freundin besitzt mittlerweile einen Führerschein.

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