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Neubau-Verzicht: Was haben die anderen Schulen davon?

Der Bau einer neuen Oberschule soll in Görlitz auf Eis gelegt werden. Zugleich will die Stadt drei andere Schulen sanieren - auf die viele Schüler gehen.

Unterm Dach der Oberschule stehen Eimer - wenn es regnet. Schulleiter Thomas Warkus hofft auf eine Komplettsanierung.
Unterm Dach der Oberschule stehen Eimer - wenn es regnet. Schulleiter Thomas Warkus hofft auf eine Komplettsanierung. © nikolaischmidt.de

Die Verschiebung des Neubaus für eine fünfte Oberschule wird seit Tagen heftig diskutiert in der Stadt Görlitz. Auch bei den Leitern der bestehenden Schulen ist die Verschiebung, die die Stadtverwaltung vorschlägt, Thema. Sie haben sich von der neuen Oberschule Entlastung erhofft - haben aber auch Verständnis.

So etwa Uta Dietzel, Leiterin der Melanchthon-Oberschule. Über die Verschiebung hatte es, bevor die Stadtverwaltung ihre Empfehlung aussprach, ein Gespräch mit den Görlitzer Oberschulen gegeben. Den Schulleitern sei dabei die Situation dargelegt worden, erzählt Uta Dietzel. „Bei der Lage derzeit habe ich ein gewisses Verständnis“, sagt sie. „Man kann letztlich einen Euro nur einmal ausgeben.“

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Verschiebung zeigt Ernst der Lage in Görlitz

Zum einen sind die Prognosen zur Entwicklung der Schülerzahlen nicht mehr so optimistisch wie vor einigen Jahren, sie steigen langsamer als bisher angenommen. Der Schulneubau wird teurer als geplant. Vor allem sieht es mit erhofften EU-Fördermitteln derzeit nicht gut aus. Mehrere Stadtratsfraktionen hatten nun vorgeschlagen, andere Förderwege zu suchen, über den Strukturwandelfonds. Was die Stadt dennoch braucht, sind Eigenmittel.

Von der vorgeschlagenen Verschiebung habe er mit Traurigkeit erfahren, sagt Detlef Lieder, stellvertretender Leiter der Scultetus-Oberschule. „Das wäre eine tolle Lösung gewesen, besonders mit dem Konzept des produktiven Lernens“, sagt er. „Es zeigt aber auch den Ernst der Lage in Görlitz.“

Steuerausfälle bei Tourismus und Gastronomie in der Corona-Krise, Veränderungen beim Finanzausgleich, durch die Görlitz, ändert sich kurzfristig nicht mehr, verliert, haben die Eigenmittel-Problematik nicht kleiner werden lassen. „Die neue Schule hätte uns gutgetan. Aber man muss auch die Realität im Auge behalten.“

Wovon haben die meisten Schüler etwas?

Auf höhere Förderung vom Freistaat kann die Stadt derzeit kaum hoffen. Etwas, das Detlef Lieder eigentlich noch mehr Sorge bereitet. 25 Millionen für Schulhausbau – wie viele Schulen man sachsenweit davon herrichten kann, fragt er sich.

Letztlich, erzählt Uta Dietzel, sei es auch um die Frage gegangen: Wenn das Geld knapp ist, wovon haben die meisten Kinder etwas? „Von unserer Seite her haben – ganz egoistisch gesprochen – mehr Kinder etwas davon, wenn der Altbestand auf Vordermann gebracht wird“.

Die eine Seite: Die Kapazitäten der vier Görlitzer Oberschulen, auch der beiden Gymnasien sind ausgereizt. Die Melanchthon-Schule zum Beispiel ist eigentlich zweieinhalbzügig ausgelegt, läuft aber fast durchgängig mit drei Klassenzügen. „Fachkabinette nutzen wir als Klassenräume.“ Daher die Idee für eine weitere Schule.

Schulen haben lange um Sanierung gekämpft

Die andere Seite: Mehrere bestehende Schulen brauchen eine Sanierung. An den Planungen dafür soll festgehalten werden. „Ja, natürlich ist das für uns eine Erleichterung“, sagt Uta Dietzel. Aktuell wird die Grundschule Königshufen saniert. Nicht nur, aber auch, um die Eigenmittel dafür aufzubringen, hat die Stadt mehrere Grundstücke an den städtischen Großvermieter Kommwohnen verkauft. Im Verwaltungsausschuss wurde jetzt bekannt, dass auch noch kein Fördermittelbescheid eingegangen ist. Danach ist voraussichtlich die Oberschule Innenstadt dran, dann die Melanchthonschulen – Oberschule und Grundschule. Selbst ohne den Schulneubau geht Uta Dietzel nicht von einem Start vor 2027/28 aus.

In jedem der Fälle haben Schulen und Eltern jahrelang gekämpft. Allerdings kommt nun eine alte Frage wieder auf, die nach einem Ausweichquartier.

„Man sitzt zwischen den Stühlen“, sagt Thomas Warkus, Leiter der Oberschule Innenstadt. Er hätte auch mit Blick auf die hohe Zahl an Schulanmeldungsgesprächen, die er vorige Woche führte, den Bau der neuen Oberschule gerne gesehen. „Die Bildungslandschaft ist auch eine Visitenkarte der Stadt“, sagt er. „Ich frage mich, wo jetzt die Perspektive ist.“ Denn bei der Zusage, an den Sanierungen festzuhalten, brauche es auch eine Lösung beim Ausweichquartier. Bei der Oberschule Innenstadt geht es um eine Komplettsanierung. „Das wird im laufenden Schulbetrieb nicht funktionieren“, sagt Thomas Warkus. Eine Hoffnung war, auch bei der Frage, würde die neue Schule eine Lösung bringen.

Alte Frage: Welches Ausweichquartier nutzen?

Das Gebäude Landheimstraße war immer wieder als Ausweichquartier im Gespräch. Aber die Sanierung, damit der Schulbetrieb dort zugelassen wäre, müsste die Stadt komplett selbst bezahlen. Ob sich daran etwas ändert, wenn ein Ausweichquartier langfristig gebraucht wird? Kaum, nimmt die Stadt an. „Es wäre wünschenswert, wenn langfristig oder – in noch größeren Städten – dauerhaft genutzte Ausweichschulen in den Genuss von Schulhausbauförderung kommen könnten“, teilt sie mit. „Die Förderrichtlinien des Freistaates sehen dies aber nicht vor, bewusst nicht vor, kann hinzugefügt werden, denn das Thema ist in vielen Kommunen virulent.“ Schulen gehören aber zu den Pflichtaufgaben der Kommunen, Fördermittel vom Freistaat zu den freiwilligen Landesaufgaben.

Bei der Frage nach dem Ausweichquartier hatte die Stadt zuletzt, bei der Sanierung der Grundschule Königshufen, auf eine Einmietung in Weinhübel gesetzt. Um die Kapazitäten der Schulen zu erweitern, haben einige Schulen Container-Klassenzimmer im Hof. Was einige Stadträte sehr kritisch sehen. Als vor einigen Jahren die Oberschule Rauschwalde die ersten Container bekam, sollen die in ihrer Ausstattung tatsächlich nicht glücklich ausgewählt worden sein. Danach bekam die Scultetus-Oberschule Container, die Schulleitung soll durchgesetzt haben, dass die Qualität eine andere ist. „Sie stehen in ihrer Ausstattung einem normalen Klassenzimmer eigentlich in nichts nach“, schätzt Detlef Lieder ein. Nichtsdestotrotz hofft er, dass das Thema fünfte Oberschule nicht völlig vom Tisch ist. Bis dahin wäre es auch wichtig, die gesamte Görlitzer Schulsituation in den Blick zu nehmen.

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