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Junge Frau will Selbstmorde an Teufelsbrücke stoppen

Die eigene schmerzliche Erfahrung gab einer jungen Görlitzerin den Mut, im Stadtrat zu sprechen und Maßnahmen für die Brücke zu fordern.

Wirkt so unscheinbar und hat doch schon so viel Leid gebracht: die Teufelsbrücke auf der Eichdorffstraße in Görlitz.
Wirkt so unscheinbar und hat doch schon so viel Leid gebracht: die Teufelsbrücke auf der Eichdorffstraße in Görlitz. © Martin Schneider

Gänsehautmoment im Görlitzer Stadtrat: Sichtlich aufgeregt und mit zitternder Stimme trat in der Sitzung am Donnerstag eine junge Frau mit dem Namen Anna ans Mikrofon, um in der Bürgerfragestunde etwas anzusprechen, was ihr auf der Seele brennt.

Sie erzählte die Geschichte ihres Bruders und seines Freundes. Es sei kein reger Kontakt gewesen, aber sie waren immerhin oft gemeinsam spazieren. Eines Tages ging der Freund wieder raus - unter dem Vorwand, sich mit Annas Bruder zu treffen. Doch er kam nicht an. Stattdessen mussten Anna und ihr Bruder dann von ihrem Vater die schreckliche Nachricht erfahren, dass der Junge sich in Görlitz das Leben genommen hat. Er ist von der Teufelsbrücke gesprungen.

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Ab April 2022 ist Esmeralda Conde Ruiz die neue Residenzkünstlerin des Schaufler [email protected] Dresden. Was sie vorhat, gab es so bisher noch nie.

Der Fußgängerweg auf der Teufelsbrücke: Zwar gibt es hier zur Sicherheit Plexiglas, doch wer fest entschlossen ist, kann sie trotzdem erklimmen, um zu springen.
Der Fußgängerweg auf der Teufelsbrücke: Zwar gibt es hier zur Sicherheit Plexiglas, doch wer fest entschlossen ist, kann sie trotzdem erklimmen, um zu springen. © Martin Schneider

Anna weiß, dass er nicht der erste war, der sich dieses Bauwerk ausgesucht hatte, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Es passiert fast jedes Jahr hier ein solches Unglück, schon zu DDR-Zeiten, wie Anna von ihrer Großmutter weiß. Die perfekte Brücke für einen Suizid, heißt es. Anna will, dass das endlich aufhört. „Es geht hier nicht nur um eine Seele, sondern um viele.“

Sie möchte, dass unter die Brücke ein Netz gespannt wird, damit hier keiner mehr tödliche Verletzungen erleidet. Eindringlich appellierte sie an die Stadträte, hier aktiv zu werden. „Wenn es um Ihre Kinder gehen würde, um Ihre Enkel.“

Vor ihrem bewegenden Auftritt im Stadtrat hatte die junge Frau schon im Rathaus versucht, etwas zu erreichen, war bei Oberbürgermeister Octavian Ursu, beim Leiter des Denkmalamtes - ohne Erfolg. Das sei nicht so einfach. „Ich möchte mehr, als nur eine Begründung hören, warum es nicht geht“, sagte Anna den Stadträten und regte auch an, dem Bautzener Beispiel zu folgen, die hier mit der Friedensbrücke eine ähnliche problematische Stelle haben. Auch von ihr sprangen schon etliche Menschen in den Tod.

Schön anzusehen, doch Bautzen hat mit seiner Friedensbrücke ein ähnliches Problem wie Görlitz mit der Teufelsbrücke. Immer wieder wählen Menschen diese Brücken für ihren Freitod aus.
Schön anzusehen, doch Bautzen hat mit seiner Friedensbrücke ein ähnliches Problem wie Görlitz mit der Teufelsbrücke. Immer wieder wählen Menschen diese Brücken für ihren Freitod aus. © Archiv: Uwe Soeder

Die Stadt hat deshalb schon vor einiger Zeit ein Banner angebracht - mit der Telefonnummer der Telefonseelsorge Oberlausitz. Hier kann jeder Mensch anrufen, der in einer Notlage ist, nicht mehr weiter weiß. Ob es in der Ausnahmesituation, in der ein Mensch über Selbstmord nachdenkt, in jedem Fall etwas bringt, kann niemand sagen. Aber vielleicht in manchen.

Der Stadtrat (BfG) und Arzt Rolf Weidle unterstützt das Anliegen von Anna. „Wir müssen alles versuchen, um dort Abhilfe zu schaffen, ich würde da auch mithelfen“, sagte er im Stadtrat. In über 20 Jahren, die er selbst als Notarzt tätig war, habe er selber mehrere Rettungseinsätze erlebt, bei denen es um Selbstmord beziehungsweise den Versuch ging. „Es gelang immer wieder, solche Patienten auch wiederzubeleben. Die meisten waren später glücklich über ihre Rettung.“ Zu sagen: Wer sich das Leben nehmen will, findet schon einen Weg, das sei ihm zu pauschal, so Weidle.

Bürgermeister wollen sich um das Thema kümmern

Oft seien es Verzweiflungsaktionen, die wenig später möglicherweise nicht mehr gemacht worden wären. Vielleicht nach einem Telefonat? Oder nachdem man sicher im Netz gelandet ist?

Auch OB Octavian Ursu und Bürgermeister Michael Wieler versuchten, die richtigen Worte zu finden. „Was passiert ist, ist sehr dramatisch, wir haben das Thema auch nicht zum ersten Mal“, sagte Octavian Ursu und versprach Anna, das noch einmal mit ins Rathaus zu nehmen - auch wenn viele Gründe dagegen sprechen, die Brücke zu sichern. „Vieles liegt auch nicht in unserer Macht“, so Ursu. Es ist immerhin eine Bahnbrücke.„Dieses ist kein normales Anliegen für uns“, sagte auch Michael Wieler, „und nicht einfach, damit umzugehen.“ Selbst bei der Deutschen Bahn gebe es keine Stelle, die für solche Fälle Ansprechpartner wäre. Man wolle sich nun fachlichen Rat suchen, wie man damit umgehen könnte.

An der Bautzener Friedensbrücke wurde immerhin ein Banner angebracht, die Kontakte zur Oberlausitzer Telefonseelsorge. Vielleicht rettet es Leben, wenn ein verzweifelter Mensch im entscheidenden Moment diese Nummer sieht - und wählt.
An der Bautzener Friedensbrücke wurde immerhin ein Banner angebracht, die Kontakte zur Oberlausitzer Telefonseelsorge. Vielleicht rettet es Leben, wenn ein verzweifelter Mensch im entscheidenden Moment diese Nummer sieht - und wählt. © Archiv: Uwe Soeder

Die Debatte um Maßnahmen an der Teufelsbrücke flammt jedes Mal auf, wenn sich wieder ein Mensch dort hinunterstürzt - so auch 2016. Schon da forderten einige Görlitzer bei Facebook, die Brücke zu sichern. Einer schrieb damals: „Gibt es denn überhaupt keine Möglichkeit, diese Brücke irgendwie so zu sichern, dass kein Lebensmüder eine Chance hat, sich dort vor einen Zug zu stürzen? So ein meterhoher Zaun wie im Stadion oder so was in der Art? Seit ich denken kann, passiert an dieser Stelle mindestens einmal im Jahr so etwas.“

Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen unter 0800 1110111 und 0800 1110222 oder auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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