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So lief das Impfen in Reichenbach

Damit kein Chaos wie in Niesky beim mobilen Impfen entsteht, gab es Nummern – und heißen Tee aus dem Rathaus.

Von Constanze Junghanß
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Rund um das Via-Regia-Haus bildete sich am Morgen auch in Reichenbach eine lange Warteschlange.
Rund um das Via-Regia-Haus bildete sich am Morgen auch in Reichenbach eine lange Warteschlange. © Constanze Junghanß

Volksmusik. Irgendwas Irisches. Helga Petrauschke hat ihr Handy auf laut gestellt. Die Leute in der Impfschlange könnten ja gegen die Kälte ein bisschen Squaredance tanzen, sagt die Mengelsdorferin. Manche wippen mit den Füßen. Es ist ziemlich frisch.

Frau Petrauschke sitzt in ihrem fahrbaren Seniorenmobil am Ende der Impfschlange, die sich gegen Mittag stark verkleinert hat. 20 Jahre leitete die Rentnerin die Seniorentanzgruppe in Reichenbach. Jetzt muss sie vielleicht noch eine oder eineinhalb Stunden warten, bevor sie drankommt. Musik ist ihr Leben. Warum nicht mit ein paar fröhlichen Tönen den Wartenden ein Lächeln ins Gesicht zaubern?

Im Via-Regia-Haus ist am Freitag das mobile Impfteam des DRK Löbau vor Ort. 250 Impfdosen von Moderna und Biontech werden verimpft.

Kein Termin beim Hausarzt

Die Menschenschlange am Morgen ist lang, die Stimmung trotzdem gut, Stadtverwaltung und die Impfwilligen vorbereitet. Letztere sind auf lange Wartezeiten eingestellt. Los geht die Impfaktion 9 Uhr. Bereits über eine Stunde zuvor stellen sich die Leute an, die Schlange reicht vom Alten Ring bis zur Ecke Käuffer-Straße. Günter, der aus der Gemeinde Markersdorf von seinem Sohn zum Impfen gefahren wurde und seinen Familiennamen nicht nennen möchte, will sich den Booster geben lassen. „Meine zweite Impfung ist schon im März gewesen, beim Hausarzt bekomme ich keinen Termin“, sagt er. Ihm fällt das Gehen schwer.

Umso dankbarer sind der Rentner und andere Senioren, dass es im Rathaus nebenan Sitzmöglichkeiten gibt. Sogar Tee in Thermoskannen stellt die Stadtverwaltung bereit. Bianka Senger von der Stadtinformation geht gegen Mittag mit der Kanne herum, schenkt den draußen Frierenden heißen Weihnachtstee ein.

Ungeimpfte spüren den sozialen Druck

Eine Frau – ebenfalls aus Markersdorf, die ebenso wie alle anderen anonym bleiben wollen, nennt als Impfgrund „den Druck. Ich will meine Ruhe und auf Arbeit keinen Stress haben“, sagt sie. Und auch, dass sie als bisher Ungeimpfte im Quarantänefall kein Geld mehr bekäme. Sorge vor Corona habe sie eher weniger.

Nur komme man nun als Ungeimpfte nicht mehr so richtig weiter. Ein junges Paar steht auch zur Erstimpfung an. Beide hatten bereits Corona, mit einem milden Verlauf, wie sie erzählen. Da das jedoch schon ziemlich lange her sei, wollen sie sich nun impfen lassen. Brauchen sie da einen oder zwei Pikse? Erst nach der Beratung durch den Arzt wissen sie: Zwei Impfungen sind notwendig. „Damit haben wir aber schon fast gerechnet“, sagt der Mann.

Ein Rosenbacher berichtet, er sei zweimal mit AstraZeneca geimpft worden. „Da kann ich ja jetzt nicht einfach aufhören“, sagt er. Über die Art und Weise der Aufklärung seitens der Politik zeigt er sich enttäuscht. Er hoffte ebenso, wie viele andere, dass die Immunität nach zwei Impfungen vorhanden ist. So sei das anfangs kommuniziert worden. „Irgendwann gehen wir sicher zum 4. oder 5. Mal impfen“, überlegt der Rosenbacher.

Mittlerweile sind fast drei Stunden Wartezeit vergangen. Nummern wurden gleich am Anfang verteilt, damit feststeht, wie lange die Dosen reichen. Für ein kleines Durcheinander allerdings sorgt, dass die Nummern nicht nach Reihenfolge vergeben werden. Vielmehr sind die Zettelchen eine Art „Eintrittskarte“, dass man auch wirklich drankommt. Wer die Reihe verlässt, soll sich wieder von hinten anstellen, erklärt ein Mitarbeiter beim Verteilen der Nummern. Deshalb trauen sich anfangs die älteren Herrschaften auch nicht ins warme Rathaus und andere gar nicht erst aus der Reihe heraus. Doch die Umstehenden versichern ihnen, dass sie den Platz frei halten werden.

Moderater Ansturm in Reichenbach

Ein Mann hat kein Glück. Er muss sich später wieder ganz hinten anstellen. Gegen Mittag sind von den 250 Dosen noch etwa 40 übrig. Schon fast ein Novum, wie ein DRK-Mann sagt. In anderen Orten wie Zittau seien die Impfnummern bereits eine viertel Stunde nach Impfbeginn vergeben gewesen. Gegen 14.15 Uhr waren auch in Reichenbach alle Dosen verimpft.