merken
PLUS Görlitz

Mutter und Sohn erhalten gemeinsam Abschlusszeugnis

Heike und Justin Geduhn sind beide Schulabbrecher. Nun drückten sie gemeinsam noch mal die Schulbank.

Justin und Heike Geduhn haben eine ungewöhnliche Geschichte: Zusammen holten sie ihren Realschulabschluss nach.
Justin und Heike Geduhn haben eine ungewöhnliche Geschichte: Zusammen holten sie ihren Realschulabschluss nach. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Eine Abschlussfeier hat Heike Geduhn noch nie erlebt. Bis vorigen Freitag, als sie in der Aula der Oberschule Innenstadt ihr Abschlusszeugnis überreicht bekam. Sie gehört zu den Besten: 1,5 ist ihre Abschlussnote. Schönes Blumenkleid, schick gemacht – wie man es sich vorstellt bei einer Abschlussfeier. Aber Heike Geduhn ist kein Teenager mehr, sondern 42 Jahre alt. Ihr Sohn Justin ist 19. Die beiden eint viel: Sie sind Schulabbrecher. Und sie haben jetzt ihren Realschulabschluss nachgeholt – zusammen.

Geschafft haben sie das an der Abendschule, die an die Oberschule Innenstadt angeschlossen ist. 15.30 Uhr geht hier die erste Unterrichtsstunde los, nach 20 Uhr endet die letzte.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Heike Geduhn ist 1997 ohne Abschluss von der Schule gegangen. Arbeit fand sie später dennoch, als Verkäuferin. Der Gedanke, keinen Abschluss zu haben, habe manchmal an ihr genagt. "Aber ich hätte mir wahrscheinlich keine größeren Sorgen gemacht, wenn ich die Arbeit nicht verloren hätte." Aber das passierte. Sie fand eine neue Stelle, arbeitete als Schulbegleiterin in der Görlitzer Jahnschule, wo Jungen und Mädchen mit geistigen Behinderungen lernen. "Mir hat der Beruf des Heilerziehungspflegers sehr gefallen."

Kampf gegen alte Muster

Als sie sich erkundigte, welche Voraussetzungen der Beruf fordere, hieß es, Realschulabschluss mindestens. "Ich habe dann einfach eine Bewerbung für die Abendschule geschrieben." Heike Geduhn zuckt die Schultern. "Ich war 39. Man hat einen anderen Blick auf die Dinge." Sie wurde angenommen. Schule, erklärt sie, war plötzlich etwas anderes als früher. "Mir hat es viel mehr Spaß gemacht, weil man mit dem Alter mehr Interesse und häufig einen praktischen Bezug zum Lehrstoff hat."

Die andere Seite: "Ein Kampf war es bis zum Schluss." Gegen die Schulunlust - das war der Grund, warum sie damals ihren Abschluss nicht machte und auch ihr Sohn Justin die Schule vor wenigen Jahren mit 16 ohne Abschluss verließ. "Keine Lust, schlechte Noten", sagt er. Dahinter kann sich viel verbergen, bei den beiden das gleiche: Es fehlte das Ziel. "Man weiß einfach nicht, wofür", sagt Justin Geduhn. Es kamen Schicksalsschläge hinzu, über die aber nichts in der Zeitung stehen sollen. "Ich bin zur Schule gegangen, damit es keine Strafe gibt, war aber nur physisch da."

"Man bekommt sich nicht hochgezogen"

Heike Geduhn kennt das Gefühl von einst. Ihre Arbeitsstellen machten ihr immer Freude. "Aber früher in der Schule war immer der Gedanke: Wofür soll ich das machen?" Die meisten wüssten irgendwann, wohin es beruflich gehen soll. "Bei mir blieb das leider aus." Gespräche mit den Eltern, den Lehrern, "bei mir hat da nichts gefruchtet. Man nimmt es wahr, nickt, aber bekommt sich nicht hochgezogen." Das kratze am Selbstwertgefühl. Und der Gedanke "bist halt zu dumm" halte Einzug.

Drei Jahre besuchte Heike Geduhn nun die Abendschule. Vier dürfen es maximal sein: Man wiederholt die achte und neunte Klasse. Schließen die Schüler diese mit dem qualifizierenden Hauptschulabschluss ab, geht es weiter mit der Zehnten. Ansonsten wird nochmals die neunte Klasse wiederholt.

"Ohne sie wäre ich nicht hier gewesen"

Auch Justin Geduhn hält in der Aula der Oberschule Innenstadt sein Zeugnis in der Hand: 2,8. Einen Realschulabschluss zu schaffen – vor wenigen Jahren nicht denkbar. "Ohne sie wäre ich nicht hier", sagt Justin Geduhn über seine Mutter. Am Anfang waren die beiden noch an unterschiedlichen Schulen. Justin konnte, zufällig als seine Mutter in der neunten Klasse war, über eine Jobcenter-Maßnahme ebenfalls die Neunte nachholen.

Doch dann noch die Zehnte dranhängen? "Ich hätte es aus eigenem Antrieb nicht gemacht und sagte mir: keinen Fuß mehr über die Schwelle einer Schultür", gesteht Justin Geduhn ein. "Ich habe ihn überredet", sagt seine Mutter. Sie wollten aber unbedingt in die gleiche Klasse. "Es war ein Versuch. Die Frage war nur, was passiert, wenn Justin lieber zu Hause bleiben will, wie reagiere ich dann?"

Aber es funktionierte. "Ich lerne am besten über das Hören", sagt Justin Geduhn. So wiederholte Heike Geduhn zu Hause laut den Stoff. Auch früher habe sie natürlich versucht, ihrem Kind in der Schule zu helfen. "Aber jetzt konnte ich das viel besser, weil ich im Stoff steckte."

Zwischen Selbstzweifeln und Stolz

Ans Aufgeben habe sie nie gedacht, "aber zwischenzeitlich dachte ich schon: Das schaffen wir nicht." Gerade im Lockdown. Der bedeutete auch für die Abendschüler Homeschooling, viel selbstständiges Lernen. Heike Geduhn und ihr Sohn waren in den Jahren außerdem weiter auf Sozialleistungen angewiesen. Denn morgens arbeiten, am Nachmittag bis in den späten Abend in der Schule sitzen, dann noch lernen für Leistungskontrollen und Klausuren, "das hätte ich nicht geschafft", sagt sie.

Jetzt, mit ihrem Abschluss in der Hand, sagt sie, an der Herausforderung sei sie gewachsen. "Ich wusste nicht, dass ich so ehrgeizig bin." Trotzdem fehle ihr noch immer das Selbstwertgefühl. Früher sei die Familie enttäuscht gewesen. "Jetzt erwartet jeder was." Ein konkreter Plan sei noch immer nicht da, sagt Justin Geduhn. "Aber wir haben uns etwas vorgenommen". Mutter und Sohn verraten jedoch nicht, was. Zu groß ist die Sorge zu scheitern.

Viele Gründe für Schulabbruch

Dass nicht jeder Lebenslauf geradlinig verläuft, kann Michael Reimann bestätigen, der acht Jahre lang leitender Lehrer der Abendschule war, bevor er 2020 in den Ruhestand ging. "Kindergarten, Schule, Abschluss, Ausbildung oder Studium, Beruf – das ist nicht immer die Regel", sagt er. Soziale Probleme, familiäre Katastrophen, psychische Erkrankungen, Lernprobleme – es kann viele Gründe dafür geben.

Auf der anderen Seite werden Berufsbilder immer komplexer. "Selbst die Straße kehrt mittlerweile eine Maschine, mit der man sich auskennen muss", sagt Michael Reimann. So habe er Hauptschüler kennengelernt, die merkten, dass sie mit ihrem Abschluss nicht weit genug kommen. "Das sind diejenigen, die für den Realschulabschluss kämpfen und es schaffen. Beeindruckend." Auch hochintelligente Schüler habe er an der Abendschule gehabt. Seit 2015 holen viele Migranten einen in Deutschland anerkannten Abschluss nach – auch eine Herausforderung, etwa weil Deutsch als Zweitsprache an der Abendschule, anders als an den Regelschulen, nicht vorgesehen ist.

2021 haben 14 Schüler ihren Haupt- oder Realschulabschluss an der Görlitzer Abendschule geschafft. "Wir hatten schon stärkere Klassen", sagt Schulleiter Thomas Warkus. Eine Schwierigkeit für Abendschule: Ihre Schülerzahl lässt sich nicht über Geburtenstatistik prognostizieren. Auf der anderen Seite steht Lehrermangel. Zusätzlich Personal binden müssen, obwohl Sollstärken nicht immer erreicht werden - Thomas Warkus fürchtet, dass die Abendschule keine lange Zukunft mehr haben könnte.

"Dabei hat sie ihre Berechtigung. Zu uns kommen Schüler aus dem ganzen Landkreis. Für ihn bedeute die Abendschule: "Es ist die zweite Chance, wenn man die erste verpasst oder nicht erkannt hat." Diese wahrzunehmen falle vielen ohnehin schwer. Wenn sie dann noch nach Bautzen zur nächsten Abendschule fahren müssten, wäre das eine weitere Hürde, meint Warkus. "Dann würden es viele wahrscheinlich gar nicht versuchen."

Mehr zum Thema Görlitz