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Görlitzer Forscher fürchten um heimische Schneckenarten

Senckenberg-Forscher bewiesen, dass die Spanische Wegschnecke vor 30 Jahren in Ostsachsen eingeschleppt wurde. Nun haben sie eine Bitte an die Menschen.

Dr. Heike Reise (rechts) ist Schneckenforscherin bei Senckenberg in Görlitz. Hier betreut sie zwei junge Frauen im FÖJ.
Dr. Heike Reise (rechts) ist Schneckenforscherin bei Senckenberg in Görlitz. Hier betreut sie zwei junge Frauen im FÖJ. © Foto: SZ-Archiv

Gärtner und Landwirte klagen derzeit in und um Görlitz über eine Schneckenplage. Fragt man ältere Gärtner in Görlitz, können diese sich an ein derart massives Vorkommen der braunen Spanischen Wegschnecke in ihrer Jugendzeit nicht erinnern.

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Das sei gar kein Wunder, sagt Dr. Heike Reise. Sie ist Schneckenforscherin am Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Denn die Spanische Wegschnecke wurde erst in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre in Ostsachsen eingeschleppt. "Sie kam vorher hier nicht vor, das können wir belegen", sagt Dr. Reise. "Genetische Untersuchungen zeigen zudem, dass die Einschleppung mehr als einmal erfolgte."

Der deutsche Name der Art lässt vermuten, dass man ursprünglich angenommen hatte, der Schädling wäre aus Spanien eingeschleppt worden. Aber das ging auf die Verwechslung mit einer ähnlichen Art zurück. "Über den tatsächlichen Ursprung wird immer noch gerätselt", sagt Frau Reise. Eine Zeit lang wurde auch angenommen, dass die Spanische Wegschnecke schon immer in Mitteleuropa heimisch gewesen wäre. Basierend auf neuer Forschung mit besserer Datengrundlage korrigierten Forscher diese Annahme. Ein Gebiet irgendwo im südwestlichen Frankreich erscheint demnach als wahrscheinlichstes Ursprungsgebiet.

Explosionsartige Vermehrung

Eingeschleppt wurde die Spanische Wegschnecke nach Ostsachsen wahrscheinlich über Pflanzen, Erdaushub oder Gemüse. Die ersten Funde in Görlitz stammen von 1994. Um das Jahr 2000 herum gab es in Görlitz eine explosionsartige Vermehrung der Schädlinge. "Innerhalb von 20 Jahren hat die Spanische die Schwarze Wegschnecke völlig aus dem Stadtgebiet verdrängt", erklärt Frau Reise. Auf dem Görlitzer Hausberg, der Landeskrone, gibt es keine Schwarzen Wegschnecken mehr, wenige Kilometer weiter westlich auf dem Rotstein bei Sohland kommen jetzt beide Arten zusammen vor. Die ausgedehnten Wälder der Königshainer Berge bieten der Schwarzen Wegschnecke jedoch noch einen Lebensraum.

Warum sich die spanische Schnecke hier so massiv ausbreiten konnte, ist in ihrer Vermehrungsfreudigkeit und ihrer Anpassungsfähigkeit begründet. Selbst mit der heimischen Schwarzen und Roten Wegschnecke verpaarte sie sich. Das Ergebnis waren Hybriden, die sich ebenfalls fortpflanzten, wobei sich mit jeder Generation immer mehr die Gene der Spanischen Wegschnecke durchsetzten.

Der Mensch hilft beim Einschleppen

Die Einschleppung von Arten ist allerdings keine neue Erscheinung. Auch bei den Schnecken nicht. Dr. Heike Reise berichtet über eine Unterart der Roten Wegschnecke von den britischen Inseln, die es erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Görlitz gab und die es bis zur Invasion der Spanischen Wegschnecke nicht mehr über die Neiße nach Zgorzelec geschafft hat. Sie kam und kommt dort nicht vor.

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An der Einschleppung von Tieren und Pflanzen in neue Lebensräume hat der Mensch großen Anteil. Dr. Reise befürchtet, dass die hier heimischen Schwarzen Wegschnecken, die sich in naturnahe, große Waldgebiete zurückzogen, auch dort bald von der Spanischen Wegschnecke verdrängt werden. Denn mit jeder Fuhre Gartenabfall oder Erdaushub, die im Wald entsorgt wird, gelangen auch Spanische Wegschnecken oder deren Gelege mit in den Wald. Dort können sie sich ungestört vermehren, denn Fressfeinde hat die Spanische Wegschnecke nicht. Igel oder Kröten, die gerne andere Schnecken fressen, würden an dem Schleim, den die Spanische Wegschnecke reichlich absondert, ersticken.

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