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Wie die "Görls" in die 2. Handball-Bundesliga wollen

Der neue Görlitzer Handballverein für Frauen und Mädchen hat ehrgeizige Ziele. Träumerei ist das nicht.

Die Begeisterung beim Frauenhandball war in Görlitz schon so manches mal groß. Darauf will der neue Verein aufbauen.
Die Begeisterung beim Frauenhandball war in Görlitz schon so manches mal groß. Darauf will der neue Verein aufbauen. © H.-E. Friedrich

Der 8. März 2021 könnte für die Görlitzer Sportgeschichte einmal ein wichtiges Datum sein - wenn das Realität wird, was sich die Gründer des neuen Vereins „Görlitzer Handballclub – die Görls“ vorgenommen haben.

Das Spitzenteam des Görlitzer Frauenhandballs soll mittelfristig in die zweithöchste deutsche Spielklasse, in die 2. Bundesliga, aufsteigen. Und den eigenen Nachwuchs auf dem Weg dahin mitnehmen.

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Nun könnte man ein solches Ziel als Träumerei abtun. Zuletzt spielten die Görlitzerinnen als Koweg Görlitz in der Mitteldeutschen Oberliga (4. Liga), mit einem Mini-Kader und Befürchtungen, die Saison personell und auch finanziell durchzustehen. Von Aufstieg - immerhin war Koweg 2019 Oberligameister und verzichtete aus nichtsportlichen Gründen - war längst keine Rede mehr: zu unrealistisch.

Jetzt aber ist alles anders. Das liegt vor allem daran, dass sich mit Thomas Birnstein ein Initiator gefunden hat, der als Vizepräsident und Manager bereits zwei ostsächsische Frauenhandballvereine (HC Sachsen Neustadt-Sebnitz und HC Rödertal) in die 2. Bundesliga geführt hat, aus einer keinesfalls besseren Ausgangslage. Jetzt will das der 72-jährige Immobilienmakler (Geschäftsführender Gesellschafter der Beate Protze Immobilien GmbH Dresden) ein drittes Mal, diesmal in Görlitz.

Warum startet das Projekt jetzt und in Görlitz?

Präsidentin Elisabeth Puschmann und Vizepräsident Thomas Birnstein wollen die "Görls Görlitz" gemeinsam mit vielen Mitwirkenden bis in die 2. Bundesliga führen.
Präsidentin Elisabeth Puschmann und Vizepräsident Thomas Birnstein wollen die "Görls Görlitz" gemeinsam mit vielen Mitwirkenden bis in die 2. Bundesliga führen. © privat

Dass sich Thomas Birnstein jetzt in Görlitz für Frauenhandball gerade in Görlitz engagiert, hat mehrere Gründe. Über sein Engagement in Neustadt-Sebnitz und den HC Rödertal hat er den Görlitzer Frauenhandball schon lange verfolgt. "Früher habe ich die besten Görlitzer Handballerinnen versucht abzuwerben, meistens erfolgreich, zum Beispiel Katrin Kamin, Anne Kandler, Anja Noack, Annett Richter, Dagmar Lange und Daniela Kriegel", erzählt er.

Einige wichtige Akteure des Görlitzer Frauenhandballs der vergangenen Jahre kennt Birnstein schon lange. Der langjährige Koweg-Trainer Jörg Adam hat zuvor das Handballteam in Neustadt-Sebnitz bis in die 2. Bundesliga geführt, seine Frau Jeanette hat er dort über den Manager kennengelernt. Auch die erfolgreiche Nachwuchstrainerin Kathrin Täschner gehört dazu, sie stammt aus Sebnitz. Beruflich hat Birnstein in letzter Zeit immer mehr in Ostsachsen zu tun.

Nicht zuletzt hat der Immobilienmakler auch im privaten Bereich sein Glück in Görlitz gefunden und könnte sich vorstellen, hier seinen Altersruhesitz zu finden. "Ich hatte schon 2019, als bei den Görlitzer Handballerinnen über Aufstieg oder Nichtaufstieg in die 3. Liga nachgedacht wurde, meine Hilfe als Berater angeboten. Jetzt, unter den neuen persönlichen Voraussetzungen, kann und will ich mich deutlich mehr einbringen. Und die Corona-Krise ist dafür gar kein so schlechter Zeitpunkt für einen solch hoffnungsvollen Ansatz."

Mitstreiter waren schnell gefunden, viele hatten sich ja schon zuvor bei Koweg für Mädchen- und Frauenhandball engagiert, dort aber wirkte die Situation festgefahren.

Warum nicht unter dem Dach von Koweg?

Thomas Birnstein ist der Meinung, dass dieses ehrgeizige Projekt nicht in einem "Mehrspartenverein" realisierbar ist, sondern die Konzentration auf die eine sportliche Sache erfordert. "Das sage ich aus eigener Erfahrung, weil ich schon die Diskussionen mit den männlichen Handballern im selben Verein erlebt habe." Bei den "Görls" müsse man keine Rücksichten auf Männerhandball oder andere Sportarten nehmen. Auch für Sponsoren ist viel klarer, wohin ihre Unterstützung nun fließt.

Mit Koweg hat Birnstein gesprochen und grünes Licht erhalten. Der bislang wichtigste Handballverein im Landkreis wird dem neuen Verein alle Spielrechte im weiblichen Bereich überlassen. Das bestätigt im Wesentlichen auch Koweg-Pressesprecher Robert Eifler, der gegenüber der SZ lediglich einschränkte: "Wenn nicht alle Frauen den leistungsorientierten Weg des neuen Vereins mitgehen wollen und uns signalisieren, dass eine Frauenmannschaft auch bei Koweg weiterspielen würde, könnten wir uns vorbehalten, das Spielrecht der 2. Mannschaft in der Verbandsliga bei uns zu belassen."

Aber insgesamt sei man an einem friedlichen Übergang interessiert, auch wenn der Weggang von knapp 100 Vereinsmitgliedern natürlich schmerzt. Letztlich blieb Koweg mit dem Wechsel der wichtigsten Übungsleiter zum neuen Verein auch keine wirkliche Alternative.

Welche Voraussetzungen bringt Görlitz mit?

Sportlich sogar bessere als Neustadt-Sebnitz und Rödertal zu Beginn der dortigen Projekte. Der weibliche Nachwuchs trainiert schon über viele Jahre auf hohem Niveau. „Wir bilden in Görlitz seit vielen Jahren tolle Handballerinnen aus. Fast 20 unserer Talente schafften in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Sprung in die drei höchsten Spielklassen des deutschen Frauenhandballs. Dazu mussten sie jedoch die Stadt verlassen. Das soll nicht so bleiben – Görlitz hat selbst das Potenzial für höherklassigen Handball“, heißt es in der Gründungs-Mitteilung des Vereins, und: „Die nächsten Talente stehen in den Startlöchern – in der Saison 2019/20 war unsere D‐Jugend das Beste, was Sachsen in dieser Altersklasse zu bieten hatte. Sollen wieder alle Talente abwandern? Nein, wir können und werden unseren, aber auch polnischen und tschechischen Talenten den Weg in die Bundesliga ebnen. Unser Ziel ist, die Europastadt Görlitz als ein Leistungszentrum im weiblichen Handball zu entwickeln“.

Und auch die in den vergangenen Jahren so erfolgreiche Koweg-Frauenmannschaft war gespickt mit Spielerinnen, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen. Das soll so bleiben. "Mit Kathrin Täschner haben wir eine der besten sächsischen Trainerinnen in unseren Reihen. Als Vizepräsidentin Nachwuchs kümmert sie sich außerdem um die sportliche Entwicklung aller unserer Mädchen, und wir sind sicher, dass die in den nächsten Jahren noch viel von sich reden machen werden“, sagt die Präsidentin Elisabeth Puschmann.

Wie will der neue Verein das alles finanzieren?

Einen Pool von Unterstützern aus der Wirtschaft aufzubauen, wird eine der Hauptaufgaben der nächsten Zeit. Thomas Birnstein ist da optimistisch: "Sport für Mädchen und Frauen hat ein gutes Image. Man hat sofort nahezu den kompletten weiblichen Teil der Bevölkerung hinter sich, aber auch die vielen vernünftigen Männer", sagt er augenzwinkernd, und ergänzt: „Das Selbstwertgefühl der Bürger einer Region identifiziert sich ganz entscheidend über den Sport. Von daher kann das Ziel 2. Bundesliga regelrecht elektrisieren. Eltern, Großeltern, Handballfans, Bürger, Wirtschaft, Politik und Verwaltung werden das Projekt unterstützen. In Neustadt/Sebnitz und Großröhrsdorf war es jedenfalls so ‐ warum sollte es in Görlitz anders sein?"

Birnstein selbst strahlt diesen Enthusiasmus aus und hat seine Mitkämpfer beim neuen Verein gehörig angesteckt. Wer von Anfang an dabei sein will, kann sich per E-Mail an [email protected] wenden. Die zugehörige Internetseite wird gerade aufgebaut.

Braucht es eine neue Spielstätte?

Die Jahnsporthalle, in der die Koweg-Frauen bislang gespielt haben, könnte auf Dauer den Anforderungen nicht genügen. Sie bietet gut 500 Zuschauern Platz, was in der 2. Bundesliga vielleicht nicht mehr ausreicht. Die wichtigsten Sponsoren können nicht wirklich extra empfangen und informiert werden, in einem VIP-Raum zum Beispiel, mit Catering und der Möglichkeit, miteinander oder auch mit den Handballerinnen zu sprechen. Thomas Birnstein sagt: "Das ist eher ein mittelfristiges Thema."

Was sind die nächsten Ziele?

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Das Präsidium hat erst einmal alle Hände voll zu tun, den Übergang von Koweg zu den Görls und den neuen Trainings- und Spielbetrieb zu organisieren. In den nächsten Wochen soll möglichst eine Trainerin für die erste Frauenmannschaft verpflichtet werden. Gleich mit einem Aufstieg durchzustarten ist unrealistisch. Präsidentin Elisabeth Puschmann dazu: „Im Herbst startet die erste Frauenmannschaft in der Mitteldeutschen Oberliga in die neue Saison, da geht es zunächst eher darum, die Klasse zu halten. Zahlreiche Abgänge und die anfangs sicherlich bescheidene finanzielle Ausstattung des Vereins lassen ein höheres Ziel vorerst nicht zu." Wichtig sei den Görls aber auch, dass sie ebenso als Förderer des Breiten‐ und Freizeitsports wahrgenommen werden. "Jedes Mädchen und jede Frau mit Spaß am Handball ist willkommen."

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