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Streit ums Stalag

Wohnbaupläne auf dem Lagergelände rufen nun internationale Medien auf den Plan. Ihre Kritik weist der Zgorzelecer Bürgermeister scharf zurück.

1939 zwangen die Deutschen polnische Soldaten das eigentliche Stammlager zu bauen. 2015 wurde das heutige Gedenkzentrum, das "Europäische Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur" eröffnet.
1939 zwangen die Deutschen polnische Soldaten das eigentliche Stammlager zu bauen. 2015 wurde das heutige Gedenkzentrum, das "Europäische Zentrum Erinnerung, Bildung, Kultur" eröffnet. © www.wolfgang-wittchen.de

Im Spätsommer hat Eberhard Schiller zuletzt das ehemalige Stalag VIII A in Zgorzelec besucht. In einem Leserbrief schildert der 80-jährige Görlitzer seine Eindrücke. Dass dort Wohnhäuser entstehen sollen - das könne er sich nicht vorstellen, "in einer Gegend des Grauens".

Das Stalag VIII A war ein deutsches Kriegsgefangenlager. Die Wehrmacht hielt hier bis 1945 rund 120.000 Soldaten gefangen: Polen, Franzosen, Belgier, Serben, Jugoslawen, sowjetische, später britische, italienische und amerikanische Soldaten. Nun haben dieser Tage auch international Medien über das Stalag - seit Kriegsende auf Zgorzelecer Boden - berichtet: die französische Tageszeitung Le Figaro, The First News in Großbritannien, das italienische Nachrichtenportal Quotidiano. Das Thema: die Pläne, auf dem Gelände Wohnhäuser zu bauen. Begeisterung lässt sich aus keinem der Beiträge herauslesen. Der Zgorzelecer Bürgermeister Rafal Gronicz dagegen verteidigt das Vorhaben.

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Ein Drittel der Lagerfläche wurde verkauft

Er bestätigt, ein Teil des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers wurde an einen Investor verkauft, allerdings nicht durch die Stadt Zgorzelec. Die Towazystwo Budownictwa Spolecznego (TBS) - die Soziale Wohnbaugesellschaft - habe ihre Teilfläche, die ihr seit 2003 gehörte, verkauft.

Mai 2004: Das Gelände ist schon seit Jahrzehnten eine Brache. Im März 2004 entschied der Zgorzelecer Stadtrat, dass hier Wohnbebauung möglich sein würde.
Mai 2004: Das Gelände ist schon seit Jahrzehnten eine Brache. Im März 2004 entschied der Zgorzelecer Stadtrat, dass hier Wohnbebauung möglich sein würde. © Archiv: Peter Chemnitz

"Das Gebiet, über das wir sprechen", so Gronicz, "ist ein Streifen Land, der sich auf der nördlichen Seite der Gasse befindet, die durch das Stalag führt." Er umfasse etwa ein Drittel des Areals, reiche im Norden bis zur Aleja Ujazdowska. Zwei Drittel des Areals gehören der Stadt und seien nicht verkauft worden.

Neu seien die Wohnbaupläne nicht. 2004 habe der Zgorzelecer Stadtrat den lokalen Raumordnungsplan, in dem die TBS-Fläche bereits zur Bebauung vorgesehen war, beschlossen: Zgorzelec hat ein Problem, das auch Görlitz kennt - kaum Bauland. "Derzeit gibt es innerhalb der Stadtgrenzen nur etwa 40 Hektar Land für Wohnbebauung", erklärt Gronicz. Die Pläne für das ehemalige Stalag seien damals auch mit dem Woiwodschafts-Denkmalpfleger abgestimmt gewesen. Baracken etwa stehen auf dem betreffenden Teilstück nicht mehr, daher "schien der Verkauf zur Bebauung rund 16 Jahre später nicht umstritten."

"Wir wollen nicht vor der Erinnerung davonlaufen"

Unmittelbar nach dem Überfall auf Polen zwangen die Deutschen die ersten polnischen Insassen, die zunächst an der heutigen Ulica Lubaska inhaftiert waren, das eigentliche Stammlager im damaligen Görlitzer Stadtteil Moys aufzubauen: etwa 30 Hektar, insgesamt 60 Baracken. Von ihnen steht keine mehr, das Material wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wahrscheinlich verkauft, um das zerstörte Warschau wieder aufzubauen. Der bekannteste Insasse war der französische Komponist Olivier Messiaen, der im Lager das "Quartett auf das Ende der Zeit" komponierte.

"Ich bin natürlich für das Gedenken an die Geschichte", sagt Rafal Gronicz. "Insbesondere an eine so tragische Geschichte wie die des Zweiten Weltkrieges. Polen war das erste Opfer der Aggression von Nazi-Deutschland, und nach dem Krieg erbte es viele tragische Denkmäler, die es pflegt, in dem es sie als Mahnmal behandelt."

Nach 1945 standen viele Orte und Bewohner Polens plötzlich mit den Überresten des Krieges und der deutschen Vernichtungsmaschinerie da - mit denen sie nun umgehen mussten, bis heute. Während sie vor ganz anderen Problemen standen. Für Millionen Polen war - etwa durch die Westverschiebung Polens und die Zwangsumsiedlungen aus den damaligen Ostgebieten - längst noch nichts vorbei. Als deutsches Kriegsgefangenenlager - nun auf polnischem Boden - geriet das Stalag VIII A auch aus dem Blick.

Nachdem der Zgorzelecer Lehrer Roman Zgobicki und in den 1990er Jahren die Görlitzer Schriftstellerin Hannelore Lauerwald die Stalag-Geschichte aus dem Vergessen holten, initiierte Mitte der 2000er, auf Lauerwalds Forschungen aufbauend, der Theaterregisseur Albrecht Goetze den Verein Meetingpoint Music Messiaen, der gemeinsam mit der polnischen Stiftung "Erinnerung, Bildung, Kultur Stalag VIII A" das Gedenkzentrum betreibt.

Bei einem Workshop sortiert ein Jugendlicher bei Ausgrabungen Fundstücke. Regelmäßig lädt der Messiaen-Verein zum Workcation-Projekt in das Stalag VIII A ein.
Bei einem Workshop sortiert ein Jugendlicher bei Ausgrabungen Fundstücke. Regelmäßig lädt der Messiaen-Verein zum Workcation-Projekt in das Stalag VIII A ein. © Archiv: Pawel Sosnowski/80studio.net

"Wir wollen nicht vor der Erinnerung davonlaufen", so Rafal Gronicz. Daher habe sich die Stadt von Beginn an etwa finanziell an dem Gedenkzentrum beteiligt. Andere Städte in ähnlicher Lage, so Gronicz, hätten sich auf Tafeln oder Gedenksteine beschränkt, "aber wir haben zusammen mit unseren Partnern einen Ort geschaffen, an dem die Erinnerung studiert, gelernt und erforscht wird."

Kritik kommt nun aber auch von polnischer Seite, etwa Magorzata Tracz, für die polnischen Grünen im Sejm. Denn belegt ist auch, dass das Stalag VIII A Tausende Todesopfer forderte. Krankheit, Epidemien, Kälte, auch Hinrichtungen - Schätzungen gehen von rund 10.000 Todesopfern aus. Betroffen waren vor allem sowjetische und später italienische Kriegsgefangene. Le Figaro zitiert die Warschauer Denkmalpflegerin Katarzyna Pawlak-Weiss: Wenn auch nur noch eine Brache da ist, gelte es gerade, die Weite als Zeugnis für das Ausmaß zu erhalten. Kinga Hartmann, Leiterin des Stalag-Gedenkzentrums sagt, es habe ihres Wissens nach in den vergangenen Jahren auch andere Einschätzungen und Ansichten seitens des Denkmalschutzes gegeben. Daher wundere sie sich, warum sich die Stadt Zgorzelec jetzt so auf die Aussagen von 2004 beziehe.

Die Kritik von Tracz sieht Gronicz, selbst Mitglied der regierungskritischen PO, insofern positiv, dass die Stadt seit Jahren versuche Geld zu bekommen, das helfen würde, das bestehende Gedenkzentrum zu entwickeln, "bislang ohne Erfolg". Nun hoffe er, dass dem Interesse der Abgeordneten auch Taten folgen.

Kritik in den Medien weist er aber zurück: "Die Medien haben das Thema publik gemacht", so Gronicz, "aber viele Jahre lang kamen sie nicht hierher, sie interessieren sich nicht für das, was wir taten." Das Stalag sei kein vergessener Ort, sondern lebendig, etwa mit Führungen, den Messiaen-Tagen, Workshops, Konzerten. "Wie kann man von uns sagen, dass wir uns nicht erinnern. Es ist verletzend."

Desinteresse und Erinnerung: Stalag im Zwiespalt

Aus Groniczs Antwort geht aber auch hervor, vor welchem Zwiespalt das Stalag-Gelände steht. Die Bemühungen um Erinnerung auf der einen Seite. Die überlebe nur, wenn man die Menschen auch erreiche. Heute aber sei das Stalag - im Süden von Zgorzelec - weit weg von der Stadt und den Menschen. Spaziergänger würden das Gelände nur als Erholungsort betrachten.

Oder als Müllablageplatz. So hatte etwa der Görlitzer Eberhard Schiller in seinem Leserbrief geschildert, wie häufig er im Sommer auf Müll stieß, Autoteile bis Plaste. Seine Kritik richte sich nicht gegen die Gedenkstätte, aber das Umfeld, den ungepflegten Friedhof in der Nähe, die teils versteckten Müllplätze.

Es würde das Ansehen der Bewohner nicht zum Schlechten verändern, wenn man ihnen näherbringt, um was für einen besonderen Ort es sich handelt, argumentiert Gronicz. Würde das Stalag näher an die Menschen rücken, etwa durch die Anbindung ans Busnetz, könnte das dem Areal einerseits helfen, hatte kürzlich Frank Seibel, Leiter des Messiaen-Vereins, erklärt. Es müsse aber ein klarer Abstand zum früheren Lagergelände gewahrt bleiben.

Dass es aber anders kommen könnte, befürchtet Kinga Hartmann. Ihres Wissens nach reiche das Bebauungsgebiet direkt bis an die nördliche Seite des Hauptweges, der durchs Stalag führt. Direkt auf der anderen Straßenseite ist etwa der Gedenkstein für die Opfer des Stalag und das Gedenkzentrum. An dem sei die Stadtverwaltung tatsächlich finanziell beteiligt, ebenso die Gemeindeverwaltung wie auch die Kreisverwaltung, erzählt Kinga Hartmann, "dafür sind wir auch sehr dankbar." Ebenso sicherten aber etwa auch der Messiaen-Verein und eigene Einnahmen, etwa durch Vermietungen, die Finanzierung. Sie steht den Wohnplänen skeptisch gegenüber. Sie erwarte eine öffentliche Debatte zur Zukunft des Stalag-Geländes. Und vor allem archäologische Untersuchungen vorab.

Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza zitierte Rathaussprecherin Renata Burdosz: Dort, wo die Häuser gebaut werden sollen, habe es keine Hinrichtungen geben, seien keine menschlichen Überreste gefunden worden. So genau wurde das nie untersucht, so Kinga Hartmann.

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