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Kampf mit Klischees

Der Protest gegen den Abriss zweier Villen ist von Liebe zu Architektur und Sorge vor vielen Autos geleitet. Doch dahinter steht auch Abneigung gegen Winfried Stöcker.

An einer der beiden Stadtvillen am Postplatz war der Protest gegen Stöckers Pläne an der Fassade ablesbar.
An einer der beiden Stadtvillen am Postplatz war der Protest gegen Stöckers Pläne an der Fassade ablesbar. © Nikolai Schmidt

Ein Gastkommentar von Frank Seibel*

Eine Kletterburg aus Holz, bunte Wimpel im Garten. Dahinter die klassizistische Villa mit Balkon, nicht mehr schick, aber gut in Schuss und offenkundig mit Fantasie bewohnt. Eine Villa Kunterbunt mitten in der Stadt.

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Ich erinnere mich an eine Lesung vor gut zwanzig Jahren, mit Texten von Charles Bukowski und anderen „wilden“ Poeten. Der Eigentümer des Hauses war ein Frankfurter Literaturprofessor, der hier am Görlitzer Postplatz aufgewachsen war. Schon damals stand zur Debatte, dieses Haus und die benachbarte Villa abzureißen, damit mehr Platz ist für das City-Center. Der Professor dachte nicht daran und machte sein Elternhaus zu einer bunten soziokulturellen Insel, bevölkert von jungen Leuten.

Diese Zeit mit ihren schrägen Kultur-Ereignissen war eine besondere. Insofern finde ich es schade, dass die alte Villa einer Parkhaus-Zufahrt weichen soll. Gleichwohl halte ich den jetzigen Protest dagegen für unangemessen und ideologisch motiviert. Städtebaulich haben die beiden verbliebenen Villen wohl keine Bedeutung mehr. Schon seit dem Abriss des „Café Posteck“ Mitte der 1990er Jahre zugunsten des C&A-Kaufhauses ist das bauliche Ensemble auf dieser Seite des Postplatzes aufgelöst. Der Bau des City-Centers mit seinem großen Parkhaus hat Anfang der 2000er Jahre den Bruch noch vertieft. Natürlich ist vor allem die Villa in der Ecke schön anzusehen und für sich genommen wertvoll. Vielleicht ist sie es auch wert, in ihrem Bestand verteidigt zu werden, auch weil sie eine der ersten soziokulturell bunten Ecken in der Görlitzer Innenstadt war.

Kaufhaus ist Herzensache vieler Görlitzer

Aber was steht dagegen? Die Wiederbelebung des Kaufhauses ist nicht nur eine Herzenssache der wohl allermeisten Görlitzerinnen und Görlitzer. Dieses Kaufhaus ist von größter städtebaulicher Bedeutung, weil es der zentrale Energie- und Begegnungsort in der Görlitzer Innenstadt war und wieder werden kann. Die Revitalisierung dieses Dreh- und Angelpunktes wiegt weit schwerer als der Erhalt zweier Baudenkmale, von denen nur eines überhaupt genutzt und gepflegt wird. Sie wiegt auch schwerer als der Erhalt der kunterbunten Villa, so schön die Erinnerungen an diesen Ort auch sein mögen. Die Emotionalität, mit der nun die angebliche Verschandelung dieses Straßenzuges angeprangert wird, scheint weniger von denkmalpflegerischen und städtebaulichen Gedanken geleitet zu sein. Vielmehr wird hier ein ziemlich archaischer Kampf gegen einen als bedrohlich charakterisierten Investor erkennbar.

Doch der Investor, der das Kaufhaus samt dem umliegenden Areal entwickeln möchte, geht bislang durchaus nicht rücksichtslos gierig vor. Das Bekenntnis des Bauherrn Winfried Stöcker zur Wiederbelebung des Kaufhauses folgt zunächst einmal einem ganz romantischen Impuls (und ist darin der soziokulturellen Neubesiedlung der alten Postplatz-Villa nicht unähnlich). Der Professor für Labormedizin möchte erklärtermaßen das Herz der Stadt wieder zum Schlagen bringen. Es ist die Stadt seiner Kindheit; ganz in der Nähe, in Bernstadt, ist er aufgewachsen.

Allerdings ist unbestritten, dass sich das Kaufhaus gerade wegen seiner herausragenden Schönheit kaufmännisch nicht vernünftig betreiben lässt. Dagegen steht der prachtvolle Lichthof im Zentrum, der die Verkaufsflächen begrenzt. Zwischen kaufmännischem Pragmatismus und nackter kapitalistischer Gier liegen gleichwohl Welten. Es brächte ja nichts, das Kaufhaus neu zu starten in der Gewissheit des baldigen erneuten wirtschaftlichen Zusammenbruchs. So erscheint die Verknüpfung mit dem City-Center und dem angrenzenden Parkhaus sinnvoll. Auch eine Vergrößerung des Parkhauses und die Schaffung weiterer Verkaufsflächen sind zunächst kein Indiz für Gier und Maßlosigkeit.

Stöcker ist kluger Kaufmann

Dass Winfried Stöcker sich bei seinen baulichen Investitionen durchaus von Idealen und von sozialen Einstellungen leiten lässt, ist rund um den Sitz der von ihm aufgebauten Firma Euroimmun in Bernstadt zu besichtigen. Das Wohl der Mitarbeiter, von der Top-Kantine mit angeschlossenem Park bis zur Kindertagesstätte im Ort, spielt dort eine große Rolle. Kein dummer Gewinnmaximierer gönnt den Angestellten seines Unternehmens solch großzügige Bedingungen. Ein kluger Kaufmann aber durchaus. Der Vorwurf, in der Görlitzer Innenstadt tobe sich ein gieriger Investor aus, läuft also offensichtlich ins Leere.

Doch vielleicht geht es doch um etwas anderes. Prof. Dr. med. Winfried Stöcker ist einerseits ein erfolgreicher Labormediziner und großzügiger und durchaus sozial eingestellter Arbeitgeber. Andererseits hat er durch menschenverachtende und fremdenfeindliche Äußerungen weit über die Grenzen der Region hinaus Aufmerksamkeit erregt. Und er hat ein Konzert zugunsten von Flüchtlingen verhindert, das in seinem Kaufhaus stattfinden sollte. Das ist fünf Jahre her. Aber es war kein Ausrutscher. Stöcker hat sich seither verschiedentlich auch politisch geäußert und sich dadurch den Ruf eines erzkonservativen, ja eines reaktionären Menschen erworben. Und sozial eingestellt ist er womöglich nur, soweit das soziale Leben seinem ganz persönlichen, konservativen Weltbild entspricht. Doch ist es deshalb angemessen, ein grobes Feindbild aus den Klischees „übler Nazi“ und „skrupelloser Kapitalist“ zu schnitzen und sich daran abzuarbeiten? Stöckers Gesinnung allein darf nicht zum Maßstab dafür werden, ob man sein unternehmerisches Handeln gutheißt oder ablehnt.

Dass Winfried Stöcker ultimativ den Abriss der Häuser zur Bedingung dafür macht, die von der Stadtplanung und den meisten Bürgern ersehnte Kaufhaus-Belebung weiterzuverfolgen, mag schlechter Stil sein. Aber rechtfertigt dies ein trotziges „Wir lassen uns nicht erpressen“? Die Frage ist doch: Wer nimmt dieses „Wir“ für sich in Anspruch und mit welchem Recht? Das „Wir“ der Stadtgesellschaft wird vom demokratisch gewählten Stadtrat repräsentiert, der wiederum integraler Bestandteil der kommunalen Verwaltung ist. Gehen „wir“ doch mal davon aus, dass sich die zuständigen Amts- und Sachgebietsleiter sowie die politisch verantwortlichen Bürgermeister gegen Erpressungsversuche wehren würden. Ist es dann vielleicht eher so, dass der örtliche Denkmalschutz den Wert des Denkmals Kaufhaus stärker gewichtet als den der beiden alten Villen? Dann läge gar kein Ringen mit erpresserischen Methoden vor, sondern ein Einvernehmen. Welches „Wir“ kann dann für sich beanspruchen, erpresst zu werden?

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*Gastkommentator Frank Seibel lebt in Görlitz und leitet unter anderem den Verein Meetingpoint Music Messiaen, der sich auf deutscher Seite der Erinnerung an das Stalag VIIIA und seinen prominentesten Gefangenen, Olivier Messiaen, widmet.

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