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Lebt an der Neiße ein Volk von Existenzgründern?

Ein Forschungsinstitut in Bonn kam zu dem Schluss, dass die Zunahme von Existenzgründungen nirgends so hoch sei wie im Landkreis Görlitz. Stimmt das?

Von Gabriela Lachnit
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2012 wurde die deutsche Niederlassung der Schweizer Skan AG in Görlitz/Hagenwerder gegründet. Hier entwickelt und baut sie Isolatoren und Reinraumanlagen für die pharmazeutische und chemische Industrie.
2012 wurde die deutsche Niederlassung der Schweizer Skan AG in Görlitz/Hagenwerder gegründet. Hier entwickelt und baut sie Isolatoren und Reinraumanlagen für die pharmazeutische und chemische Industrie. © Nikolai Schmidt

Im Landkreis Görlitz gründen besonders viele eine Firma. Das legt eine Statistik des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn nahe. Bei der Gründungsintensität belegt der Landkreis Görlitz im Jahr 2019 der Statistik zufolge Platz drei von 401 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten. Das heißt, von 10.000 Menschen zwischen 18 und 65 Jahren gründen statistisch 117,6 eine Firma.

Das gute Abschneiden des Landkreises Görlitz kann sich das Institut, das den Mittelstand erforscht und begleitet, im Detail nicht erklären. Was die Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK) zu der Studie sagt, besprachen sächsische.de und die SZ mit Lars Fiehler. Er ist der Geschäftsführer Standortpolitik und Kommunikation bei der IHK Dresden.

Lars Fiehler ist Geschäftsführer Standortpolitik und Kommunikation bei der Industrie- und Handelskammer Dresden.
Lars Fiehler ist Geschäftsführer Standortpolitik und Kommunikation bei der Industrie- und Handelskammer Dresden. © IHK Dresden

Herr Fiehler, waren Sie überrascht von der Studie?

Wir wussten, dass das Bonner Institut in Ostsachsen unterwegs war. Der Bericht über den besonderen Gründergeist an der Neiße erfreute uns - wie wir uns immer über positive Nachrichten aus unserem IHK-Bezirk freuen. Allerdings waren wir verwundert, dass der Landkreis Görlitz mit Gründern, Start-ups und dem Innovationsgeschehen an Städten wie Berlin und München vorbeigezogen sein soll.

Ist das Ergebnis der Studie also eher Wunschdenken?

Zahlenmäßig ist das Ergebnis leicht zu erklären, allerdings ist deren Spezifik offenbar außerhalb der Region unbekannt. Mehr als zehn Prozent der Firmen im Landkreis Görlitz haben polnische Chefs. Viele davon sind Briefkastenfirmen, die es nur auf dem Papier gibt.

Welchen Zweck erfüllen diese Briefkastenfirmen?

Eine deutsche Geschäftsadresse ist der kürzeste Weg, in Deutschland tätig zu sein. Vor allem im Bauhaupt- und -nebengewerbe, in der Gastronomie und für Lkw-Fahrer beispielsweise hat eine "Niederlassung" in Deutschland Vorteile. Menschen, die weiter in Polen leben, nutzen die günstigeren Lebenshaltungskosten in ihrer Heimat, arbeiten aber im Landkreis Görlitz oder anderswo in Deutschland. Das treibt die Zahl der angemeldeten Firmen überdurchschnittlich nach oben.

Ist das rechtens?

Ja, das ist legitim, denn in der EU herrscht Niederlassungsfreiheit. Allerdings muss man das bei der Interpretation von Zahlen wie in der Bonner Studie berücksichtigen.

Also doch kein Volk von Existenzgründern an der Neiße?

Weder bei der Gesamtzahl an Firmengründungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl noch in einzelnen Branchen sticht der Landkreis Görlitz innerhalb Sachsens heraus. Im Gründungsgeschehen hat sich hier aber einiges getan, dank der Ansiedelung von Firmen und Instituten wie Skan, das Zentrum für Luft- und Raumfahrt oder das Fraunhofer-Institut. Aber auch die Hochschule und Co-Working-Spaces gaben einen Schub. Görlitz ist eine Stadt der kurzen Wege, es gibt eingespielte Netzwerke. All das sind Standortvorteile, die auch im Strukturwandel eine große Rolle spielen.

Inwiefern?

Die Zukunft der Lausitz liegt nicht allein im Tourismus, sondern auch in Industrie und Handwerk. Es ist schwer, hier Großindustrie anzusiedeln. Konzerne tun sich schwer, sich für einen Standort zu entscheiden, wo vorher nichts war. Tesla in Brandenburg ist da sicher eine Ausnahme, hat aber auch Probleme, zum Beispiel genügend Mitarbeiter zu finden. Also muss sich die Wirtschaft vor allem aus dem Bestand heraus entwickeln. Unternehmer vor Ort müssen in die Lage versetzt werden, gesund zu wachsen und Wertschöpfung zu betreiben, also produktiv und innovativ tätig zu sein.