merken
PLUS Görlitz

Warum Sören Anders 10.000 Euro für ein Tattoo ausgibt

Der 32-jährige künftige Görlitzer Sören Anders trägt einen besonderen Körperschmuck. Der ist ihm viel Geld, Zeit und auch Schmerzen wert.

Sören Anders gehört zu den etwa 25 Prozent der Männer in Deutschland, die ein Tattoo als Körperschmuck tragen.
Sören Anders gehört zu den etwa 25 Prozent der Männer in Deutschland, die ein Tattoo als Körperschmuck tragen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Neugierig schauen bestimmt viele Kunden, aber ihn anzusprechen, getraute sich bislang nur eine Kundin: Sören Anders trägt auf seinem Arm ein großes, farbiges Tattoo. Der Phönix darauf ist ein Hingucker.

Sören Anders arbeitet bei der Bäckerei Schwerdtner und ist Verkäufer in der Filiale im Kaufland im Görlitzer Stadtteil Weinhübel.

Anzeige
Festivalstimmung in der Lausitz
Festivalstimmung in der Lausitz

80 Veranstaltungen an 50 Orten: Das Lausitz Festival will Kultur erlebbbar machen. Mit Vielfalt, bekannten Namen und dem feinen Gespür für Zwischentöne.

Umzug bald nach Görlitz

Seit Anfang Juni arbeitet der 32-Jährige dort. Jetzt, in der Urlaubszeit, springt er mitunter auch in anderen Filialen ein. "Je nachdem, wo jemand gebraucht wird", sagt der gebürtige Bautzener, der noch dort lebt, jedoch bald nach Görlitz umziehen möchte. Vorwiegend aus beruflichen Gründen, aber auch aus privaten. Noch ist er auf der Suche nach einer passenden Wohnung in der Neißestadt.

Anders als bei einem früheren Arbeitgeber, darf Sören Anders sein Tattoo jetzt auch zeigen, muss es während der Arbeitszeit nicht verdecken. Und so lugt es aus dem Schwerdtner-T-Shirt hervor. Den Kopf des Phönix' verbirgt der T-Shirt-Ärmel. Doch die farbigen, geschwungenen Federn auf dem tätowierten Arm lassen ahnen, wie sie am Körper des Vogels verwurzelt sind.

Erstes Tattoo misslang

Alles begann etwa 2015. Eine Freundin organisierte für Sören Anders einen Termin bei einem privaten Tätowierer. Denn schon immer hatte sich der Freund einen Phönix auf seinem Körper gewünscht. Warum ausgerechnet der? "Für mich ist der Phönix ein Symbol dafür, dass es egal ist, was passiert, letztlich stehst du immer wieder auf", erklärt der 32-Jährige. Vielleicht sind es auch eigene Erfahrungen, die ihn so denken lassen. Denn der gelernte Garten- und Landschaftsbauer fand beispielsweise erst über Umwege heraus, dass das Verkaufen seine eigentliche Berufung ist.

Ein Phönix ziert den Arm des künftigen Görlitzers.
Ein Phönix ziert den Arm des künftigen Görlitzers. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Mit dem Tattoo-Ergebnis auf seinem Oberarm war Sören Anders aber nicht zufrieden. Es war einfach nicht das Richtige. Dann stieß er in Pirna, wo er zeitweise tätig war, auf Paul von der Tätowierstube Pain(t)-Time. Zuvor fragte Sören Anders bei mehreren Tätowierern an, ob an dem misslungenen Tattoo noch etwas zu retten sei. "Manche wollten, doch schließlich kam immer das aber", erklärt Anders. Von Paul dagegen kam die Zusage: "Ich helfe dir".

Das misslungene Tattoo rückgängig zu machen, war nicht möglich. Doch Paul schlug dem künftigen Görlitzer vor, ein Cover-up-Tattoo zu machen. Diese Tattoo-Vertuschung ist das Tätowieren über ein vorheriges Tattoo mit einem neuen, modifizierten Tattoo. Nach einem intensiven, zweistündigen Gespräch waren sich Paul und Sören Anders einig. Das Vertrauen und die Chemie zwischen den beiden Männern stimmte offenbar.

Kunstwerk ist noch nicht fertig

Das Bild auf Sören Anders' Arm ist das Ergebnis von etwa 30 Arbeitsstunden. Die gleiche Zeit kommt noch hinzu, bevor der Phönix fertig ist. Wenn alles passt und die Pandemie den Tätowierstudios nicht wieder eine Schließzeit auferlegt, soll das Kunstwerk im nächsten März fertig sein. Der nächste Termin ist für Oktober vorgesehen.

Die Tätowiersitzungen muss Anders beruflich abklären. Schließlich entsteht mit der Tätowierung eine Wunde. Mit der will er weder Kunden abschrecken noch sich selbst in Gefahr bringen. Also ist die Zeit der langärmeligen T-Shirts die beste Tätowierzeit. Fortgesetzt werden soll das Tattoo schließlich vom Oberarm auf die rechte Körperseite. Zehn Jahre gibt sich Sören Anders dafür Zeit. Und etwa 10.000 Euro. Denn der farbige Körperschmuck hält ein Leben lang und ist nicht billig.

Tipps für Tätowier-Willige

Deshalb und damit es lange schön aussieht, pflegt Sören Anders das Bild auf seinem Körper. "Dafür gibt es spezielle Tattoo-Cremes", benennt er ein Beispiel. Und er spart sich den Weg ins Fitness-Studio. "Würden meine Muskeln erheblich anschwellen, könnten sich Risse im Tattoo bilden", erklärt er.

Angst vor den Tausenden von Nadelstichen hat Sören Anders nicht. Er spürt den Schmerz, kann ihn aber aushalten. Lediglich an einer Stelle auf dem Schulterblatt fühlt er heftigen Schmerz, "da könnte ich schreien", sagt er. Die Menschen würden die Nadelstiche sehr unterschiedlich wahrnehmen, je nach Empfindlichkeit. Angst vor der Tätowiernadel müsse man aber nicht haben. Sören Anders rät, vor der Tätowierung gut zu essen und vor allem gut zu trinken. "Der Körper arbeitet und kämpft gegen diese absichtliche Verletzung der Haut an", sagt er. Seine erste Sitzung beispielsweise habe sechs Stunden gedauert.

Tätowierer sollte Ausbildungsberuf sein

Sören Anders fühlt sich in dem Tattoo-Studio seiner Wahl gut aufgehoben. Nicht nur die Chemie stimmt zwischen ihm und dem Tätowierer. "Ich fühle mich wohl dort, das Ambiente stimmt, die Hygiene auch, der Arbeitsplatz ist gut vorbereitet und aufgeräumt, die Ausstrahlung des Tätowierers gefällt mir", erklärt er. Dennoch hegt er einen Wunsch: Tätowierer sollte ein Ausbildungsberuf sein. Die Ausbildung für Tätowierer ist in Deutschland aber nicht gesetzlich geregelt. Jeder, der dies möchte, kann diese Tätigkeit ausüben. "Tätowierer sollten ihr Handwerk wirklich verstehen, weil ihre Kunstwerke dauerhaft auf dem Körper zu sehen sind", sagt Sören Anders.

Weiterführende Artikel

Vielen Tattoo-Farben droht ein Verbot

Vielen Tattoo-Farben droht ein Verbot

Zwei Pigmente sollen gesundheitlich bedenklich sein. Die Tattoo-Szene wehrt sich gegen ein europaweites Aus.

Das Tattoo geht den Chef (meist) nichts an

Das Tattoo geht den Chef (meist) nichts an

Darf der Arbeitgeber bei der Körperkunst seiner Angestellten mitreden? In manchen Fällen lautet die Antwort "ja".

Wenn Eltern Tattoo oder Tunnel ablehnen

Wenn Eltern Tattoo oder Tunnel ablehnen

Das Kind möchte eine Tätowierung oder ein großes Loch im Ohrläppchen. Erlauben oder nicht?

Darf der Chef Tattoos verbieten?

Darf der Chef Tattoos verbieten?

Prinzipiell kann jeder selbst entscheiden, ob er sich etwas stechen lässt. Doch es gibt Ausnahmen.

Sein Phönix wird ein Kunstwerk, das er mit Stolz und Freude trägt. Denn heutzutage sind Tattoos nicht mehr stigmatisiert wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und bis hinein in die 1970er-Jahre. "Ich freue mich, wenn es auch anderen Menschen gefällt", sagt Sören Anders - und hat auch nichts dagegen, wenn es mancher mal erwähnt.

Mehr zum Thema Görlitz