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"Ihre Tochter hat jemanden totgefahren"

Eine Görlitzer Rentnerin bekommt den Schock ihres Lebens - und fällt fast auf die besonders perfide Masche von Telefonbetrügern rein.

In Nordrhein-Westfalen warnte die Polizei 2017 vor dreisten Telefonbetrügern, die sich als Polizisten ausgeben.
In Nordrhein-Westfalen warnte die Polizei 2017 vor dreisten Telefonbetrügern, die sich als Polizisten ausgeben. © dpa

Der Schreck fuhr sofort in alle Glieder: Der Mann am anderen Ende der Leitung hatte der 81-jährigen Görlitzerin eben gesagt, dass ihre Tochter einen Unfall hatte. Mit ihrem Auto sei sie mit einem Radfahrer kollidiert, der verstorben sei. Nun sei sie bei der polnischen Polizei. Im Hintergrund schrie eine verzweifelte Frauenstimme „Mama, Mama.“

Frau R.* ist das am vergangenen Freitag tatsächlich passiert. Die Rentnerin sitzt im Rollstuhl, hat in der Tat zwei Töchter. Eine lebt in Görlitz, die andere in Berlin. „Meine Schwester rief mich aus Berlin an und berichtete vom seltsamen Anruf, den die Mutter bekommen habe und dass sie fix und fertig sei“, erzählt die Tochter. Sie versicherte der Schwester in Berlin, dass alles in Ordnung sei, sie auf Arbeit wäre. Als sie aufgelegt hat, düst sie sofort zur Wohnung der Mutter.

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Die weiß inzwischen, dass sie einer neuen, besonders krassen Betrugsmasche zum Opfer gefallen ist. Sie ist immer noch völlig zittrig und fertig. „Was soll nur mit den Enkeln werden, wenn die Tochter ins Gefängnis kommt, das habe ich sofort gedacht“, berichtet sie. Zum Glück begreift sie nach einigen Minuten, dass das alles so nicht stimmen kann und teilt dem Anrufer mit, jetzt bei der Görlitzer Polizei anzurufen, um zu erfahren, wo genau die Tochter überhaupt ist.

Diese Frage nämlich hatten ihr die vermeintlichen Polizisten in der Leitung nicht beantwortet. Nur, dass die Tochter gerade nebenan im Labor sei und Blut abgenommen bekäme - wegen der Prüfung auf Alkohol und Drogen. Und überhaupt habe sie einen Nervenzusammenbruch erlitten, deshalb sei sie für die Mutter nicht persönlich zu sprechen.

Das nämlich hatte Frau R. versucht zu erreichen. „Mir kam dann komisch vor, dass sie im Hintergrund Mama rief. Meine Tochter sagt nie Mama, sondern Mutti“, erzählt die Rentnerin. Von dem Vorfall hat sie in den vergangenen Tagen vielen Leuten erzählt, zum Einen, weil ihr das beim Verarbeiten des Erlebnisses geholfen habe, zum Anderen natürlich, um andere davor zu bewahren, auf die Betrüger reinzufallen. „Viele sagen mir, dass ihnen das auch passiert wäre, wären sie angerufen worden.“

Frau R. ist nicht die Erste, die einen solchen Anruf bekam. Die Görlitzer Polizei bestätigt, dass die Telefonbetrugsversuche zurzeit wieder Hochkonjunktur haben. Schockanrufe haben dabei den lange „beliebten“ Enkeltrick abgelöst. Laut Polizeisprecherin Anja Leuschner fing die neue Welle mit den Corona-Anrufen im vorigen Jahr an. „Beispielsweise hieß es da, der Neffe sei schwer an Corona erkrankt und würde sterben, wenn er nicht ein bestimmtes Medikament bekäme“, erzählt Anja Leuschner. Das kostete dann angeblich viel Geld - um die 20.000 Euro - und müsste sofort gebracht werden.

Perfekt inszenierte Anrufe

Die neuen Schockanrufe im Zusammenhang mit der Legende eines Verkehrsunfalls, in den angebliche Familienangehörige verwickelt sind, kamen dann im Sommer 2020 auf. Seither gab es in der Polizeidirektion Görlitz fünf angezeigte vollendete Fälle. Der höchste Einzelschaden belief sich auf über 35.000 Euro. Im Fall von Frau R. wollten die Unbekannten 4.000 bis 6.000 Euro haben - damit die Tochter auf Kaution freigelassen werden könne. Als Frau R. zu Bedenken gibt, dass sie so viel nicht habe, entgegnen die Anrufer, dass sie doch noch wertvollen Schmuck hätte.

Vorgekommen sind solche Fälle in den Landkreisen Görlitz und Bautzen gleichermaßen. Ob die Polizei zu den Tätern wenig weiß oder nur wenig preisgeben will, ist unklar. „Zu den Tätergruppierungen werden aus kriminaltaktischen Gründen keine Auskünfte erteilt“, heißt es. Klar ist aber, dass laut Frau R. ihr Anrufer akzentfreies Deutsch gesprochen habe. Eine Nummer hat sie auf ihrem Display aber nicht gesehen, diese war unterdrückt.

Die Polizei mahnt dringend, bei seltsamen und unerwarteten Anrufen skeptisch zu sein. Neben diesen neuen, perfekt inszenierten Schockanrufen gibt es auch die anderen Maschen weiterhin, den Enkelanruf genau wie den Gewinnanruf. Dabei wird erzählt, man habe etwas gewonnen, müsse aber eine Summe überweisen, um den Gewinn zu bekommen. Anja Leuschner von der Polizei sagt: „Angerufene sollten immer sofort skeptisch sein, wenn ein Unbekannter per Telefon nach Geld, Wertgegenständen oder sensiblen Daten fragt. Niemals sollte man Geld oder andere Wertgegenstände an Geldkuriere übergeben.“ Kinder und Enkel sollten ihre Eltern und Großeltern über die gängigen Maschen und Tricks der Betrüger aufklären. Bevor sich die Angerufenen auf irgendetwas einlassen, sollten sie Kontakt zu Ihren Angehörigen oder der Polizei aufnehmen.

Auch ahnungslose Dritte sind involviert

Präventiv wendet sich die Polizei auch immer wieder an Taxiunternehmen, Bankangestellte und Verkäufer. Ohne es zu ahnen, sind diese oft zwischen geschalten, wenn die Geschädigten dabei sind, auf eine Masche hereinzufallen. Sie nehmen beispielsweise ein Taxi, um zur Bank oder zum Übergabeort zu fahren. Oder sie kommen zur Bank, um einen hohen Betrag abzuheben. Beim Gewinnversprechen sollen in vielen Fällen Google-Play-Karten in Tankstellen oder Einkaufsmärkten erworben werden. Achtung ist demnach geboten, sollte eine ältere Personen Code-Karten für mehrere hundert Euro erwerben wollen. Die meist lebensälteren Menschen werden von den Betrügern emotional derart unter Druck gesetzt, dass sie es nicht wagen, sich den Anweisungen zu widersetzten. Die Senioren sind nervös und angespannt. Darauf sollte das Umfeld achten, eben der Taxifahrer oder die Bankangestellten, sagt Anja Leuschner.

Polin warf 40.000 Zloty zum Fenster raus

Übrigens kommen solche Anrufe beileibe nicht nur in Deutschland vor. Erst am Mittwoch büßte eine Seniorin in Zgorzelec 40.000 Zloty (knapp 8.800 Euro) ein. Wie das Onlineportal Zgorzelec info unter Berufung auf die Polizei meldete, hatte der Anrufer die Frau darüber informiert, dass sich drei Ganoven in ihrem Hausflur aufhielten und ihre Ersparnisse möglicherweise gefährdet sein könnten. In einem fast zweistündigen Telefonat redete er auf die Frau ein, ihr erspartes Geld sicherheitshalber aus dem Fenster zu werfen, wo es sicher in Empfang genommen würde. Als der angebliche Beamte mitbekam, dass die Frau zeitgleich per Handy mit Verwandten telefonierte, soll er sie angeschrien haben, dies zu unterlassen, er sei von der Polizei und sie sei damit sicher. Als wenig später Verwandte eintrafen, hatte die manipulierte und desorientierte Seniorin ihre Ersparnisse von 40.000 Zloty bereits aus dem Fenster geworfen.

Frau R. ist ein böses Ende erspart geblieben. Trotzdem schaut sie seitdem immer argwöhnisch aufs Display, wenn das Telefon klingelt und geht nicht ran, wenn es keine Nummer anzeigt. Und auch mit ihrer Balkontür ist sie vorsichtiger geworden. Nie hat sie sie vorher abgeschlossen, warum auch - im dritten Stock. Ihre Meinung dazu hat sie jetzt geändert. (mit kpl)

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