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Theater sehnt sich nach Publikum

Die Sänger, Musiker und Tänzer können nun länger nicht auftreten als im ersten Lockdown. Glücklich ist keiner darüber. Genug zu tun haben die Künstler trotzdem.

Wie froh war man im Sommer im Theater, eine Lösung für Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen gefunden zu haben. Jetzt ist es schon seit November zu.
Wie froh war man im Sommer im Theater, eine Lösung für Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen gefunden zu haben. Jetzt ist es schon seit November zu. © André Schulze/Archiv

Seit Ende November haben die meisten Mitarbeiter des Theaters einander nicht mehr gesehen. Da war das Haus schon seit vier Wochen geschlossen, aber weil noch unklar war, wie es im Dezember weitergeht, probten die Künstler für das Weihnachtskonzert, für die Oper "Don Pasquale", für die nächste Tanzpremiere und hofften, bald wieder vor Publikum auftreten zu können.

Dann wurde der Lockdown verlängert. Inzwischen sind die meisten Theatermitarbeiter in Kurzarbeit. Im Theater herrscht Betriebsruhe bis Ende Februar. Aber nahezu keiner glaubt daran, dass danach wieder Vorstellungen möglich sind.

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Allerschwierigste Zeit in Künstlerlaufbahn

"In meiner künstlerischen Laufbahn ist es die allerschwierigste Zeit, die ich je erlebt habe", sagt die Sopranistin Yvonne Reich, die in den wenigen Wochen dieser Spielzeit mit dem Solostück "Diven sterben einsam" zu erleben war. "Vor allem, dass ein Ende nicht absehbar ist, schlägt aufs Gemüt." Natürlich sei es "Jammern auf hohem Niveau", wenn man die Situation der Theatermitarbeiter mit den weltweiten Auswirkungen der Pandemie ins Verhältnis setze. Oder mit der Lage vieler freier Künstler, die seit März nicht mehr auftreten können und ihr Erspartes aufbrauchen.

Yvonne Reich als Theaterdiva Jane Percy Mulligan in "Diven sterben einsam" am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz im September 2020.
Yvonne Reich als Theaterdiva Jane Percy Mulligan in "Diven sterben einsam" am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz im September 2020. © Artjom Belan

"Ich fände es sinnvoll, in allen Kultureinrichtungen hochwertige Entlüftungsanlagen einzubauen", sagt Yvonne Reich, "denn ich sehe nicht ein, warum immer die Kunst am stärksten beschnitten wird." Dass sie im Lockdown Langeweile habe, könne sie nicht behaupten. "Ich habe jetzt mehr Zeit für die Politik", sagt die Bürger-für-Görlitz-Stadträtin. "Was mir sonst wenig Raum für Freizeit lässt, ist jetzt mein Notanker."

Alles andere als lustig

Auch ihr Kollege Hans-Peter Struppe weiß die Zeit zu nutzen. "Nicht arbeiten zu können, ist für uns alles andere als lustig", sagt der Opernsänger. Man könne zwar zu Hause üben, um die Stimme fit zu halten, dafür sei auch Zeit innerhalb der Kurzarbeit vorgesehen, aber ohne ein konkretes Ziel sinke die Motivation. Wenigstens könne er weiter Gesangsunterricht an der Musikschule am Fischmarkt geben, allerdings nur online.

Außerdem gehe er einmal pro Woche Blutplasma spenden, auch an Versammlungen des Betriebsrats des Theaters nehme er teil. So habe er einige soziale Kontakte. "Aber es ist deprimierend, nicht zu wissen, wann wir wieder arbeiten können", sagt Hans-Peter Struppe. "Optimisten rechnen mit Ostern, andere gehen davon aus, dass wir erst mit dem Sommertheater wieder in Erscheinung treten." Die Ungewissheit sei schwer auszuhalten.

Für die Tänzer beginnt erst jetzt die leere Zeit

Allein die Tänzer sind noch nicht so lange ohne Aufgabe wie die meisten anderen Theatermitarbeiter. Weil sie Ende November mitten in der Entwicklung ihres Stücks "Zerrinnerung" steckten und ihr Probenraum über eine hochwirksame Luftaustauschanlage verfügt, durften sie noch bis ins neue Jahr proben und das Stück so weit voranbringen, dass sie später gut daran weiterarbeiten können.

Den Schnitt des Videos "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen" der Görlitzer Tanzcompany für die Homepage des Theaters übernahm Choreograf Marko E. Weigert.
Den Schnitt des Videos "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzchen" der Görlitzer Tanzcompany für die Homepage des Theaters übernahm Choreograf Marko E. Weigert. © Artjom Belan

Außerdem schnitt Choreograf Marko E. Weigert die Videos einiger Produktionen, die man auf www.g-h-t.de anschauen kann, und auch mit Videodokumentationen früherer Theateraufführungen ist er befasst, zum Beispiel um dem zukünftigen Intendanten Daniel Morgenroth einen Einblick in die Arbeit des Theaters zu gewähren. Für die Tänzer beginnt jetzt die Zeit des Wartens auf die Wiedereröffnung.

Lieber im Testzentrum als nichts tun

Manche Theatermitarbeiter wollen in diesen Zeiten da mithelfen, wo Hilfe dringend nötig ist. So arbeiten der Regieassistent Benjamin Bley und zwei Maskenbildnerinnen im Testzentrum bei Birkenstock mit. "Ich bin nicht gern tatenlos", sagt Benjamin Bley. Deshalb habe er schon im ersten Lockdown angeboten, zum Beispiel für Menschen in der Risikogruppe einzukaufen.

Jetzt sagte er sofort zu, als er und die zwei Kolleginnen gefragt wurden, ob sie im Testzentrum mitarbeiten wollten. Nach einem Kurs zur Durchführung und Auswertung von Corona-Tests begannen sie am Montag ihren Einsatz. "Aber auch wenn daraus nichts geworden wäre, hätte ich die Zeit genutzt", sagt Benjamin Bley. So renoviere er gerade daheim und erledige "vieles andere, wozu man sonst nicht kommt". Kontakt zu den Theaterkollegen habe er trotz Lockdown. "Gehen wir sonst zusammen weg, treffen wir uns jetzt in Videochats und verbringen so manchen Abend gemeinsam."

Chorsänger aus Amerika oder Asien auf sich gestellt

Um die Kollegen, die keine engen Freunde, keine Familie, keine langjährigen Kollegen in Görlitz haben, macht sich Chordirektor Albert Seidl Sorgen. "Manche Chorsänger kommen aus Amerika oder Asien", sagt er, "und arbeiten erst seit ein oder zwei Jahren an unserem Theater." Wer es so weit bis nach Hause habe, könne nicht einfach heimfliegen. Schließlich sei ungewiss, wann die Arbeit in Görlitz wieder losgehe und wie schnell man wieder hier sein könne. Also seien die meisten Choristen in Görlitz geblieben, einige in kleinen Wohnungen, mit wenig Kontakt, ganz auf sich gestellt.

Im November probte der Theaterchor noch mit großen Abständen, doch zur Aufführung des Weihnachtskonzerts vor Publikum kam es nicht.
Im November probte der Theaterchor noch mit großen Abständen, doch zur Aufführung des Weihnachtskonzerts vor Publikum kam es nicht. © Nikolai Schmidt

"Für einen Sänger gibt es zwar immer etwas, woran er arbeiten kann." Oft sei es auch gut, etwas mehr Zeit dafür zu haben. "Aber nur für einen gewissen Zeitraum", sagt Albert Seidl. "Wir brauchen die Impulse von Kollegen und vom Publikum, damit zum Leben kommt, was wir einstudieren und vorbereiten." Ohne Auftritte fehle viel.

Musik ist Lebenselexier

Ebenso geht es den Orchestermusikern. Caroline Schenk, die in der Neuen Lausitzer Philharmonie erste Geige spielt, sagt, den ersten Lockdown habe sie gut ertragen, weil sie den ganzen Frühling in ihrem Garten verbringen konnte. "Aber jetzt fühlt es sich nicht mehr gut an." Auch in dem Luxus, weiter Gehalt zu bekommen, während viele freie Musiker nichts bekommen, fühle sie sich nicht wohl. Sie würde lieber für ihr Geld arbeiten.

Deshalb sei sie sehr glücklich gewesen, im Advent in den beiden Görlitzer Krankenhäusern für Patienten spielen zu können. Für sie als Orchestermusikerin sei Musik ein Lebenselexier. Nie habe sie deutlicher als bei diesen Auftritten gespürt, dass es den Zuhörern ebenso geht. "Deshalb hoffe ich, dass wir so bald wie möglich wieder auftreten können."

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