merken
PLUS Görlitz

Fehlerteufel spielt in "Torstraße 1" eine Hauptrolle

Für die Serie wurde eine Görlitzer Straße zum Berliner Scheunenviertel. Dafür wurden Geschäfte mit jiddischen Namen ausgestaltet. Nicht immer ohne Fehler.

Die verwandelte Weberstraße zog während der Dreharbeiten zu "Torstraße 1" viele Schaulustige an
Die verwandelte Weberstraße zog während der Dreharbeiten zu "Torstraße 1" viele Schaulustige an © Peter Chemnitz

So ernst hatte es Andreas Neumann-Nochten gar nicht gemeint. Er winkt ab. "Wenn eine Schaufenster-Aufschrift eine halbe Sekunde in einem Film zu sehen ist - wer nimmt das wahr?", fragt er. "Und wie viele Menschen in Deutschland können Jiddisch oder Hebräisch lesen?"

Andreas Neumann-Nochten vor dem Gemälde seines Urgroßvaters Itzchak Horowitz. Neumann-Nochten hat selbst jüdische Wurzeln.
Andreas Neumann-Nochten vor dem Gemälde seines Urgroßvaters Itzchak Horowitz. Neumann-Nochten hat selbst jüdische Wurzeln. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Es geht um die Kulisse der Serie "Torstraße 1". Für etwa zwei Wochen war die Weberstraße in Görlitz verwandelt - in das Scheunenviertel im Berlin der 1920er Jahre. Dieses war jüdisch geprägt - mit zahlreichen Geschäften jüdischer Inhaber und fliegenden Händlern. Bereits in den 1920er Jahren, etwa während der Inflation, gab es im Scheunenviertel antisemitische Ausschreitungen.

Anzeige
Gut beraten an der TUD
Gut beraten an der TUD

Seit 30 Jahren gibt es die Zentrale Studienberatung. Leiterin Cornelia Blum sagt, welche Sorgen immer aktuell sind – und was die Pandemie verändert hat.

Dreh zog Schaulustige an - auch Jiddisch-Kenner

Pelzwaren, Bäckerei und Café, Wäscherei, Geflügelverkauf auf der Straße, Glaswaren, eine hebräische Buchhandlung, Stoffwaren - so wurde die Görlitzer Weberstraße zu einer belebten Straße voller Geschäfte. Detailreich wurden Schaufenster und Straße ausgestattet, bis hin zu Pferdeäpfeln auf dem Pflaster. Richtig verwandelt sah alles aus - was zahlreiche Görlitzer und Touristen anlockte, wenn die Kamera nicht lief.

Allerdings gehörten auch Sprachwissenschaftler zu den Schaulustigen. Denen prompt auffiel, dass sich bei den Requisiten der Fehlerteufel eingeschlichen hat. Genau genommen bei der Beschriftung der Schaufenster.

Bibel darf ins Schaufenster - Torarolle nicht?

Während Neumann-Nochten darüber eher schmunzelt, nimmt es Joachim Filliés ernster. Er arbeitet als Sprecherzieher in Görlitz. In einem Leserbrief beklagt er: "fehlende Buchstaben, falsche Buchstaben, manchmal Hebräisches." Das Scheunenviertel in Berlin um 1900 sei aber eher ein Arme-Leute-Viertel gewesen, "Hebräisch sprachen allenfalls Rabbiner." Er finde es erschreckend, dass so viel Fehlerhaftes damit letztlich im Film festgehalten werde. "Die größte Dummheit ist allerdings die Thorarolle in einem Schaufenster." Als etwas Heiliges werde diese damals wie heute nicht zur Schau gestellt.

Tatsächlich ist bei den Beschriftungen der Geschäfte manches nicht ganz korrekt, bestätigt Andreas Neumann-Nochten. Er ist nicht nur Zeichner in Görlitz, sondern auch Theologe. Die hebräische Sprache studierte er in Naumburg. "Das Hebräische kennt keine Vokale, nur Konsonanten", erklärt er. "Natürlich werden trotzdem Vokale gesprochen, in der Schriftsprache werden diese durch Punktierungen angezeigt." Das Jiddische sei ein aus dem Mittelhochdeutsch hervorgegangener Dialekt, in dem Konsonanten umfunktioniert wurden zu Vokalen, erklärt Neumann-Nochten eine Grundlage. Wegen dieser Unterschiede sei wohl mutmaßlich ab und an ein Buchstabe abhanden oder dazu gekommen.

Im jiddischen "Weinberg" fehlt unter anderem das zweite "e". Jiddisch hat Vokale - das Hebräische nicht.
Im jiddischen "Weinberg" fehlt unter anderem das zweite "e". Jiddisch hat Vokale - das Hebräische nicht. © privat

"Wem fällt das schon auf?"

"Es sind Kleinigkeiten", sagt Neumann-Nochten. "Und wenn man die fertige Serie sieht - wer kann das so schnell entziffern?" Anderes scheint historisch sehr genau zu sein. So wurde mindestens ein Geschäft nachgebaut, dass es so wirklich im Scheunenviertel gab: Aus der heutigen Messerschleiferei Lattka auf der Weberstraße wurde die "Krakauer Fleischhalle".

Die "Krakauer Fleischhalle" in Berlin im Original.
Die "Krakauer Fleischhalle" in Berlin im Original. © privat

Neumann-Nochten ist hin- und hergerissen. Augenzwinkern auf der eine Seite. Er geht davon aus, dass in der Serie sicher andere Dinge wichtiger sind als die hundertprozentig richtige hebräische Rechtschreibung - die außer Fachleuten ohnehin niemandem auffallen dürfte. Auf der anderen Seite hätte sich manches aber eben vermeiden lassen. Von der "Krakauer Fleischhalle" in Berlin gibt es historische Fotos. "Auf dem Schaufenster in der Weberstraße wurde jiddischer Text hinzugefügt", prompt mit Fehlern. So wenig bedeutsam die Rechtschreibung von "Wurst" sein mag - "zum Teil hat man auch Schrifttypen genutzt, die es damals noch nicht gab. Da denke ich schon, das könnte man doch recherchieren."

So sieht die "Krakauer Fleischhalle" in Görlitz aus.
So sieht die "Krakauer Fleischhalle" in Görlitz aus. © privat

Während der Dreharbeiten zu "Torstraße 1" habe er manchmal zurückgedacht an 2013, als in Görlitz "The Grand Budapest Hotel" entstand. "Die waren bei solchen Dingen extrem pingelig." Womöglich auch eine Frage des Budgets - "The Grand Budapest Hotel" war eine Hollywood-Produktion. Ob auch die Macher von "Torstraße 1" Fachberatung an der Hand haben? Anzunehmen. Die Produktionsfirma X-Filme steht für sehr erfolgreiche, hochwertige Produktionen, von "Lola rennt" bis zu "Babylon Berlin", eine weltweit erfolgreiche Serie.

SZ macht Illusionen kaputt

Auf eine SZ-Anfrage gib sich die zuständige Pressestelle aber verschnupft. Man wolle das Thema aktuell nicht weiter kommentieren. Jeder dieser Artikel mache die Illusion der Serie ein Stück weit kaputt.

So schnell dürfte die Illusion von "Torstraße 1" aber nicht kaputtgehen. Während der Dreharbeiten auf der Weberstraße kam es tatsächlich vor, dass eine ältere Dame ein Schuhgeschäft betrat und nach Garnen fragte - für den Film war das Schuhgeschäft zu einem Stoff-Laden geworden, täuschend echt. Und als das Filmteam ins Görlitzer Jugendstil-Kaufhaus geladen hatte, um "Torstraße 1" vorzustellen, hatte man wirklich das Gefühl, man könnte gleich ein bisschen shoppen: Für die Serie wurde das seit Langem leerstehende Kaufhaus wieder zu einem gefüllten, glanzvollen Kaufhaus. Manches in der Kaufhaus-Kulisse war echt und historisch, vieles andere musste auch hier in Handarbeit hergestellt werden, zum Beispiel lauter Seifen - weil es Seifen aus den 1920er nicht mehr gibt. "Es ist alles Fake, es ist eben Film", erklärte Produzent Stefan Arndt.

Mehr zum Thema Görlitz