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Was Jauernicks Turmkugel preisgab

Ein Tag der Überraschungen: In der Pfarrei Heiliger Wenzel in Görlitz wurden zwei Kartuschen geöffnet. Obendrein gab es am selben Tag lang ersehnte Post.

Pfarrer Roland Elsner (links) hilft Hausmeister Jack Murad beim Öffnen der Kartuschen aus der Jauernicker Turmkugel.
Pfarrer Roland Elsner (links) hilft Hausmeister Jack Murad beim Öffnen der Kartuschen aus der Jauernicker Turmkugel. © Martin Schneider

Dass seine Schachtel noch an Ort und Stelle war - für Wolfgang Ulbricht ist das schon eine kleine Sensation. 1963 hatte der Jauernicker in eine Uhrenschachtel ein Schreiben gelegt - und im Dach der Jauernicker Kirche versteckt. Er hatte damals im Baubetrieb seines Vaters mitgearbeitet, auch am Turm der Kirche. Heute ist sein Schreiben, das auf den 5. Juli 1963 datiert ist, ein wertvoller Zeitzeugenbericht. Denn was Ulbricht da niedergeschrieben hatte, schilderte die damaligen politischen Verhältnisse, Mauerbau und Unzufriedenheit der Bevölkerung inklusive. "Ich war politisch Verfolgter, hatte 1963 gerade ein Jahr Haft hinter mir und noch zwei Jahre Bewährung. Das hätte niemand finden dürfen."

Gut versteckter Brief

Hat auch niemand, so gut wie es versteckt war. Nachdem Ulbricht am Donnerstag in der Pfarrei Heiliger Wenzel in Görlitz seinen Brief verlesen hatte, ging es darum, ein noch größeres Geheimnis zu lüften: Denn mit der Uhrenschachtel war Anfang Juni auch die vergoldete Turmkugel von der Kirche in Jauernick-Buschbach geholt worden - so wie das bei Sanierungen üblich ist. Und saniert wird aktuell. Die katholische Kirche, die zur Pfarrei Heiliger Wenzel in Görlitz gehört und wohl die älteste Kirche der Oberlausitz ist, bekommt aktuell ein neues Dach. Vielmehr wird der gesamte Turm saniert, denn es bestand die Gefahr, dass er umkippt. Alles war morsch, weshalb die Kirchgemeinde die Stiftskirche schon seit November 2018 nicht mehr betreten durfte. Gottesdienste finden seither in der evangelischen Bergkapelle nur wenige Meter von St. Wenzeslaus entfernt statt.

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Für insgesamt 800.000 Euro wird der Turm nun saniert. Just am Donnerstag kam der lang herbeigesehnte Fördermittelbescheid vom Freistaat Sachsen über 200.000 Euro. "Darüber freuen wir uns sehr", so Pfarrer Roland Elsner. "Dass wir trotz des fehlenden Bescheids und der damit ungewissen Finanzierung schon mit dem Bau beginnen konnten, verdanken wir dem Bistum, das eingesprungen ist." Insgesamt 420.000 Euro steuert es bei, die restlichen 180.000 Euro kommen von der Gemeinde - aus Spenden und Rücklagen.

Viel kleinere Summen, aber überaus wertvolle, offenbarten schließlich die beiden Kartuschen, die in der Turmkugel gewesen waren. Eine jüngere, die 1994 eingebracht wurde und eine, die aus dem Jahr 1963 stammt. In der jüngeren fanden sich neben D-Mark-Münzen auch einige Zeitungen - so die Sächsische Zeitung vom 27. November 1993 mit einem Beitrag über den Kirchturm, aber auch kirchliche Zeitungen oder den "Kleinen Kunstführer Nr. 2172" über die Jauernicker Kirche.

Wolfgang Ulbricht öffnet ein mit Wachs versiegeltes Päckchen, in dem sich uralte Münzen befinden. Die kleine Kasia darf bei Öffnung dieses Schatzes dabei sein.
Wolfgang Ulbricht öffnet ein mit Wachs versiegeltes Päckchen, in dem sich uralte Münzen befinden. Die kleine Kasia darf bei Öffnung dieses Schatzes dabei sein. © Martin Schneider
Diese beiden Kapseln waren im Juni aus der Kirchturmspitze in Jauernick geholt worden - dazu die private Uhrenschachtel von Wolfgang Ulbricht, in der er einst einen Brief und einige DDR-Münzen versteckt hatte.
Diese beiden Kapseln waren im Juni aus der Kirchturmspitze in Jauernick geholt worden - dazu die private Uhrenschachtel von Wolfgang Ulbricht, in der er einst einen Brief und einige DDR-Münzen versteckt hatte. © Martin Schneider
Pfarrer Roland Elsner und der Kirchenrat sind begeistert von der Fülle alter Dokumente und den vielen Münzen.
Pfarrer Roland Elsner und der Kirchenrat sind begeistert von der Fülle alter Dokumente und den vielen Münzen. © Martin Schneider
Münzen aus dem 18. Jahrhundert. Die kleineren Geldstücke waren auf Anhieb nicht alle identifizierbar, ebenso das Schriftstück kaum zu entziffern.
Münzen aus dem 18. Jahrhundert. Die kleineren Geldstücke waren auf Anhieb nicht alle identifizierbar, ebenso das Schriftstück kaum zu entziffern. © Martin Schneider
Eines der Fotos, die sich in der Turmkugel verbargen: Es zeigt eine Erstkommunion in Reichenbach - vermutlich in den 1920- oder 1930-Jahren.
Eines der Fotos, die sich in der Turmkugel verbargen: Es zeigt eine Erstkommunion in Reichenbach - vermutlich in den 1920- oder 1930-Jahren. © undefined
Der Jauernicker Kirchturm vermutlich bei seiner letzten Sanierung in den 1960er-Jahren.
Der Jauernicker Kirchturm vermutlich bei seiner letzten Sanierung in den 1960er-Jahren. © undefined
Danilo Otto von der Firma Walkowiak & Brendle Anfang Juni beim Demontieren der Turmkugel auf dem Kirchturm in Jauernick-Buschbach.
Danilo Otto von der Firma Walkowiak & Brendle Anfang Juni beim Demontieren der Turmkugel auf dem Kirchturm in Jauernick-Buschbach. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Pfarrer Roland Elsner mit einer Sächsischen Zeitung vom November 1993.
Pfarrer Roland Elsner mit einer Sächsischen Zeitung vom November 1993. © Martin Schneider

Der eigentliche Schatz offenbarte sich aber in der älteren Kartusche. So schnell gab sie ihn wohl auch deshalb nicht preis. Hausmeister Jack Murad aus Syrien brauchte ein Weilchen, bis er sie geöffnet hatte. Immerhin musste alles mit größter Vorsicht geschehen, nichts sollte kaputtgehen. Als Erstes hielt Pfarrer Roland Elsner ein versiegeltes Päckchen in der Hand - Münzen. Sehr alte wie sich herausstellen sollte, denn sie waren den Vorfahren offenbar so kostbar, dass sie gleich doppelt verpackt und nochmals versiegelt waren. Nicht alle Stücke dieses Schatzes konnten Elsner oder die anwesenden Mitglieder des Kirchenrates gleich zuordnen. Aber fünf Lire von 1870 waren darunter, eine Münze mit der Aufschrift Wilhelm von Preußen, verschiedene Taler, Groschen und sogar 50 Drachmen. Alle mit Jahreszahlen aus dem 19. Jahrhundert. Dass auch ältere, schwerer zu identifizierende Stücke dabei sind - ist sehr wahrscheinlich.

Ältestes Dokument aus dem 17. Jahrhundert

Denn bei der letzten Öffnung der Turmkugel war das älteste Dokument von 1663. Es ist sicher auch unter den vielen Schriftstücken, die am Donnerstag aus der Kartusche geholt wurden. So viele, dass sie nicht mal eben schnell durchzusehen, geschweige denn zu lesen waren, denn viele waren in sehr alter Schrift, teilweise war das Papier bereits angegriffen. Man wolle vorsichtig sein und nun alles ganz in Ruhe sichten und dokumentieren. "Wir werden alles fotografieren und die interessantesten Stücke sicher auf unserer Homepage und im Kirchenblatt vorstellen", so Roland Elsner.

Ein paar einzeln eingewickelte Schwarzweiß-Fotos, die auch zum Vorschein kamen, waren so gut erhalten, dass sie kurz durchgesehen werden konnten. Darauf unter anderem zu sehen der eingerüstete Turm vermutlich aus den 1960er-Jahren. Wie einfach doch damals eine Rüstung zusammengezimmert wurde - und doch hielt, amüsierten sich die Männer des Kirchenrats und zeigten sie auch Bauleiter Steffen Herrmann. Dieser machte schließlich große Hoffnung, dass die Gemeinde Weihnachten wieder in ihrer Jauernicker Kirche wird feiern können. Alle Arbeiten liegen im Zeitplan, es gehe gut voran.

Bis dahin sollen all die am Donnerstag zum Vorschein gekommenen wertvollen Zeitdokumente wieder in der Turmkugel verstaut sein - auch einige neue Zeitdokumente und Münzen werden darin noch Platz finden müssen. Dann kommt alles wieder hoch hinauf auf den frisch sanierten Kirchturm - bis in einigen Jahrzehnten die nächste oder übernächste Generation wieder Hand anlegt an diesem alten Kirchlein, dessen Grundsteine aus dem 9. oder 10. Jahrhundert stammen.

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