merken
PLUS Görlitz

Übertriebene Abreibung führt ins Gefängnis

Das Landgericht Görlitz schickt einen der beiden jungen Männer wegen erpresserischen Menschenraubes ins Gefängnis, den anderen nicht.

© David-Wolfgang Ebener/dpa

Dass sie für jene Abreibung, die sie einem Bekannten am 10. Januar 2021 in Görlitz verpasst haben, im Gefängnis landen könnten, wurde den 18 und 22 Jahre alten Tätern erst viel zu spät klar. Am Dienstag aber verurteilte das Landgericht Görlitz unter Vorsitz von Richter Christian Strauch den älteren der beiden Täter wegen erpresserischen Menschenraubes zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten, den Jüngeren zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten, verbunden mit einer Vielzahl von Auflagen und einer zweieinhalbjährigen Bewährungszeit - ein letzter Warnschuss, wie Richter Strauch es formulierte.

Vor die Haustür gelockt

Strauch sagte in seiner Urteilsbegründung, dass es aufgrund der Geständnisse der beiden und der Zeugenaussage des Opfers kaum Zweifel am Tathergang gab. Das Motiv, es ging dabei um Geld, Streit um Internet-Chats, Rache für früher, blieb zwar etwas im Dunkeln, aber sicher ist, dass der ältere der beiden Angeklagten das Opfer per Telefon vor die Haustür lockte, wo er von der Anwesenheit des zweiten Angeklagten überrascht wurde und wo er Faustschläge und Kopfstöße kassierte. Aus Angst vor weiteren Schlägen und ausgesprochenen Drohungen gab es den beiden wie gefordert sein freigeschaltetes Handy und die Wohnungsschlüssel. Dann ging es hinauf in die Wohnung, wo das Opfer weitere Schläge und Kopfstöße kassierte und beraubt (Receiver, Computerspiele) wurde. Als die Täter weg waren, ging das Opfer trotz der ausgesprochenen Drohung für diesen Fall zu einem Freund und informierte die Polizei.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

Das Landgericht bewertet diese Tat als erpresserischen Menschenraub, weil die Täter sich des Opfers unter Ausnutzung dessen Angst bemächtigt und ihn danach beraubt hatten. "Er hatte wegen der überraschenden Anwesenheit eines zweiten Täters keine Chance, sich dem zu entziehen", erklärte Richter Christian Strauch. Und weil sie ihn in die Wohnung zwangen, sei der Tatbestand des erpresserischen Menschenraubes erfüllt. "Wenn sich die beiden mit ihm in seiner Wohnung getroffen hätten, wäre das nicht der Fall", so Strauch weiter. Die anderen Straftatbestände - Raub, versuchte räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung - treten hinter diesen Menschenraub, der mit einer Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren sanktioniert wird, zurück.

Mehrere mildernde Umstände

Allerdings gibt es gleich mehrere mildernde Umstände: Der Menschenraub war von sehr kurzer Dauer - maximal eine halbe Stunde. Die Beute war klein und wurde größtenteils zurückgegeben oder ersetzt. Die Verletzungen des Opfers waren glücklicherweise nicht schwerwiegend und das umfassende Geständnis der beiden trug zur Aufklärung bei. Das Gericht ordnete die Straftat deshalb als minderschweren Fall des erpresserischen Menschenraubes ein, Mindeststrafe ein Jahr.

Für den 22-jährigen Angeklagten erfüllte sich die Hoffnung auf eine Bewährungsstrafe aber nicht. Das Gericht verurteilte ihn als "Rädelsführer" der Straftat zu 27 Monaten Freiheitsentzug. Richter Christian Strauch sagte dem Angeklagten zudem: "Selbst wenn wir zu einer Strafe unter zwei Jahren gekommen wären, hätten wir keine Bewährung mehr ausgesprochen. Sie sind mehrfach einschlägig vorbestraft und haben sich auch von Gefängnisaufenthalten nicht beeindrucken lassen. Ihre Sozialprognose ist für eine weitere Bewährung einfach zu schlecht."

Weiterführende Artikel

Wenn eine Abreibung aus dem Ruder läuft

Wenn eine Abreibung aus dem Ruder läuft

Vor dem Landgericht Görlitz müssen sich zwei junge Männer wegen Menschenraubes verantworten. Aber war es wirklich so schlimm?

Anders sieht es beim 18-jährigen Angeklagten aus, den die Erfahrung der fünfmonatigen Untersuchungshaft beeindruckt zu haben scheint. Er wurde nach Jugendstrafrecht verurteilt, erhält eine Bewährungsstrafe und die Chance, schnell den richtigen Lebenspfad einzuschlagen. Er hat mehrere Auflagen peinlichst genau zu befolgen: Sozialstunden, Bewährungshelfer, sozialer Trainingskurs und Suchtberatung. Aber: Der junge Mann kam sofort in Freiheit. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Mehr zum Thema Görlitz