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Wie der Lebenshof über den Lockdown kommt

Trotz Einbußen wegen Corona steht das Projekt in Ludwigsdorf nicht auf der Kippe. Dort gibt es jetzt Keramik-Unikate per Post.

Von Constanze Junghanß
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Weihnachtstasse und Weihnachtsbrettchen gehörten in den vergangenen Jahren zu den Verkaufsschlagern.
Weihnachtstasse und Weihnachtsbrettchen gehörten in den vergangenen Jahren zu den Verkaufsschlagern. ©  privat

Der kleine Engel mit dem Lockenhaar beißt ins Pfefferkuchenherz und kaut genüsslich. Platz genommen hat das Flügelwesen auf einem abgesägten Baumstamm – vielleicht mitten im Wald. Neben seinen winzigen Strichfüßen stapeln sich Geschenke. Die Szene ist auf der Weihnachtstasse und auf dem Weihnachts-Frühstücksbrett zu sehen. Hergestellt beim Lebenshof Ludwigsdorf. Ein beliebtes Geschenk für Heiligabend, wie Micha Seifert vom Lebenshof weiß. Er ist der Fachanleiter der Keramikwerkstatt. Seit über 20 Jahren gibt es den. „In der Produktionsschule werden Jugendliche auf ihren Hauptschulabschluss vorbereitet“, erzählt er. Gleichzeitig lernen die jungen Leute handwerkliche Fähigkeiten. Neben der Keramikwerkstatt gibt es die Tischlerei, Garten und Hauswirtschaft.

Tasse, Brettchen, Kerzenhalter, Wichtel-Elch, Baumbehang und viele Dinge mehr stellen Jugendliche auf dem Lebenshof her. Verkauft werden die Handarbeitserzeugnisse – von denen jedes Stück ein Unikat ist - im Lebenshof-Laden Görlitz auf dem Obermarkt. Hauptverkaufszeit sind die Weihnachtsmärkte. Die finden coronabedingt nicht statt. Und auch der Lebenshof-Laden ist seit Montag zu. Der Laden ist Teil der Finanzierung des Lebenshofs. Finanzielle Einbußen durch die Beschränkungen sind da vorprogrammiert. Micha Seifert rechnet mit einem „erheblichen Verlust.“ Steht damit das Lebenshof-Projekt nun auf der Kippe? „Nein, so drastisch braucht man das nicht zu sagen“, betont Micha Seifert.

Vor allem der Weihnachtsmarkt fehlt

Allerdings sei es für die Jugendlichen schon traurig, dass sie wegen Corona in diesem Jahr weniger Erfahrungen im Bereich Verkauf sammeln konnten. Vor allem der Weihnachtsmarkt und damit der direkte Austausch mit den Kunden war in der Vergangenheit für die Ludwigsdorfer Keramiker der Höhepunkt gewesen. Denn da erlebten die jungen Leute oft viel Wertschätzung und Lob für ihre Arbeit. Diese positive und aufbauende Erfahrung fehle nun, wenngleich die Schützlinge von Micha Seifert Verständnis und Einsicht angesichts der schweren Situation zeigten. Um nun doch noch ein bisschen was vom Weihnachtsgeschäft zu haben, bieten die Lebenshof-Leute Interessenten, die noch ein besonderes Geschenk suchen, an, sich beim Lebenshof telefonisch oder per E-Mail zu melden. Die Keramik würden dann per Post versendet.

24 Jugendliche können in Ludwigsdorf berufliche Erfahrungen sammeln, acht von ihnen arbeiten in der Keramikwerkstatt. Die Jugendlichen, die Micha Seifert betreut, haben alle ihre eigene Geschichte. Biografien mit einem Knick zumeist. Probleme spielen in der Regel eine Rolle. Manchmal haben Alkohol- oder Drogenkonsum dazu geführt, dass sie die Schule nicht abgeschlossen haben. Der Lebenshof gibt ihnen eine Chance, neu zu starten. Zwar gebe es auch Abbrecher, wie Micha Seifert erzählt. Im letzten Jahr allerdings – und darauf ist er ein bisschen stolz – haben von den Keramikern sechs eine Prüfungszulassung für den Hauptschulabschluss geschafft, fünf bestanden die Prüfung.

Viele Ausländer dabei

„In diesem Jahr haben wir einen hohen Prozentsatz ausländischer Jugendliche dabei“, sagt der 47-Jährige. Da ist die Problemlage eine ganz andere: Ein junger Afghane drückt da zum Beispiel nochmal in Deutschland die Schulbank, um einen Abschluss zu machen. Dessen Ausbildung als Goldschmied sei in Deutschland nicht anerkannt worden, so Micha Seifert.

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