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Was tun mit den unsanierten Häusern?

Eine Studie macht Vorschläge für die Zukunft Reichenbachs. Darin ist gar die Rede von gesellschaftlichem Scheitern und von Verwahrlosung. Doch es fehlt an Geld.

Der Reichenbacher Marktplatz mit seinen historischen Gebäuden ist Mittelpunkt der Stadt und oft wenig belebt.
Der Reichenbacher Marktplatz mit seinen historischen Gebäuden ist Mittelpunkt der Stadt und oft wenig belebt. © Constanze Junghanß

Die Vorschläge und Erkenntnisse der deutsch-polnischen Revivel-Studie haben es in sich. Dort heißt es unter anderem, man solle das Hotel und ein Café am Marktplatz wiederbeleben, um den Tourismus zu fördern. Für innerstädtische Bausubstanz werden Nutzungskonzepte für Junges Wohnen und Mehrgenerationenwohnen empfohlen. Historische Bauten in der Innenstadt könnten Treffpunkte für junge Menschen werden – wenn sie instand gesetzt sind.

Von Wirtschaftsförderung in Zusammenhang lokaler Traditionen wie der Glaskunst ist die Rede, von soziokulturellen Gegebenheiten, die das Stadtmarketing ebenso betonen sollte, wie räumliche Potenziale ist die Rede. Das klingt hoffnungsvoll. Die Analyse stellt allerdings den Reichenbachern auch ein „wenig ausgeprägtes Bewusstsein“ für das kulturelle Erbe aus. „Angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Gesamtlage, wird der unsanierte Gebäudebestand offenbar als Zeichen eines gesellschaftlichen Scheiterns und der Verwahrlosung“, gesehen, heißt es in dem Schriftstück.

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Die Alte Apotheke wird nun vom Sächsischen Immobilienmanagment verwaltet.
Die Alte Apotheke wird nun vom Sächsischen Immobilienmanagment verwaltet. © Constanze Junghanß

Die Studie kostete mehr als eine Million Euro. Bezahlen musste Reichenbach dafür nichts, wie Bürgermeisterin Carina Dittrich sagt. Die Stadt hat diese Studie auch gar nicht in Auftrag gegeben. Vielmehr widmeten sich wissenschaftliche Einrichtungen und deren Partner – wie das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung, das Internationale Hochschulinstitut Zittau der TU Dresden und das Institut für Territoriale Entwicklung der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen - Fragen, wie Baukultur mehr Lebensqualität aktivieren kann. Zehn Städte – davon auf deutscher Seite Görlitz, Zittau, Bautzen und Reichenbach – und sechs auf polnischer Seite, machten mit. Die Studie lief fast zwei Jahre und endete Ende Dezember 2020. Reichenbach werden davon 26 Seiten gewidmet.

Doch was bringt das der Stadt eigentlich? Der Politik in Dresden und beim Bund solle damit gezeigt werden, wo und welche Problemlagen es gibt, erklärt Carina Dittrich. Die scheinen in Reichenbach vor allem hinsichtlich der Finanzlage groß. „Wir müssen jeden Euro umdrehen, sind im Haushaltstrukturkonzept“, sagt sie. Die Altschulden müssten getilgt werden. Die sind millionenschwer. Mit Sicherheit sei es beispielsweise wichtig, das ehemalige Hotel am Reichenbacher Bad, welches in der Studie erwähnt wird, wieder zum Leben zu erwecken. Nur die Stadt kann es weder kaufen noch betreiben.

Das ehemals imposante Hans an der Mittelstraße steht seit Jahrzehnten leer und wird nun zwangsversteigert.
Das ehemals imposante Hans an der Mittelstraße steht seit Jahrzehnten leer und wird nun zwangsversteigert. © Constanze Junghanß

Das Hotel gehört einem privaten Eigentümer, der seit Jahren versucht, das Objekt zu veräußern. Ohne Erfolg bisher. Und auch gegen den Leerstand kann die Stadt nichts tun, geschweige denn ein Café auf dem Marktplatz errichten. Bis auf ein Gebäude befinden sich alle Häuser am Markt in privater Hand, ein Teil steht leer. Die wenigen Objekte, die der Stadt noch selbst gehören, werden und wurden zum Großteil verkauft, da Reichenbach auch kein Geld für die Pflege und Instandsetzung hat. In den letzten Jahren waren das beispielsweise das Herrenhaus in Biesig, Mehrfamilienhäuser in der Innenstadt, die ehemalige Schule in Sohland oder ein kompletter Wohnblock im Neubaugebiet.

Dazu komme, dass die Marktgebäude unter Denkmalschutz stehen und damit keinem Neubau weichen dürften. „Und nicht alle Eigentümer der leer stehenden Häuser sind greifbar“, sagt die Bürgermeisterin. Manche zahlten keine Grundsteuer, sodass beim Amtsgericht eine Zwangsversteigerung angestrebt werden könnte. Bei der Mittelstraße 5 – einem ruinösem Haus neben dem Netto-Markt – ist das jetzt so der Fall. Die Alte Apotheke gegenüber dem Rathaus dagegen wurde vor zwei Jahren „herrenlos“ gestellt. Das Sächsische Immobilienmanagement habe das historische Gebäude unter seinen Fittichen.

Stadtentwicklungskonzept muss her

„Probleme lösen wird die Studie nicht, sie gibt nur Anregungen und Strategieempfehlungen“, stellt Carina Dittrich klar. Die Teilnahme habe sich trotzdem gelohnt: Mit anderen Städten und geladenen Vertretern der Stadt habe es spannende Zusammenkünfte gegeben. Ein Stadtentwicklungskonzept soll erarbeitet werden. Dessen Ziel soll sein, regionale Wirtschaftskreisläufe in Gang zu bringen. Wie konkret das passiert, bleibt unklar. Als Kooperationspartner sind unter anderem der Bahnhof und das Hotel aufgelistet, die der Stadt nicht gehören und die beide leer stehen. Als weitere Kooperationspartner stehen auf dem Papier Schloss Krobnitz, das Haus der Heimat und das „Mengelsdorfer Labor MeLab“. Dort will der Verein Gedes ein altes Rittergut zum Leben erwecken und ein Projektlabor errichten, welches sich unter anderem mit Digitalisierung in der Landwirtschaft und künstlicher Intelligenz beschäftigt.

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