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"Dieses Leuchten erinnert an die Heimat östlich von Görlitz"

Viele schmücken im Advent ihre Wohnungen mit lange gehüteten Schätzen. Die SZ stellt einige vor. Zum Beispiel Ursula Kahl mit ihrem schlesischen Christleuchter.

Von Ines Eifler
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Ursula Kahls "Weihnachtsschatz" ist ein schlesischer Christleuchter, wie sie ihn aus ihrer Kindheit in Rothwasser kennt.
Ursula Kahls "Weihnachtsschatz" ist ein schlesischer Christleuchter, wie sie ihn aus ihrer Kindheit in Rothwasser kennt. © Martin Schneider

Für Ursula Kahl beginnt mit jedem 1. Advent eine besondere Zeit des Erinnerns und der Traditionen. Das geht in diesen Tagen vielen Menschen so, doch die 82-Jährige gehört zu den wenigen, die im schlesischen Rothwasser (heute Czerwona Woda) geboren wurden und das Gedenken an ihren Heimatort gut 20 Kilometer östlich von Görlitz bis heute lebendig halten. Besonders in der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit.

Den Christleuchter mit den Kerzen auf drei Etagen, den kleinen Weihnachtskugeln, den Perlenschnüren und dem "Engelshaar" stellt sie in ihrer Wohnung in Görlitz-Rauschwalde Jahr für Jahr von Neuem auf. Er ist ein Schatz, den sie hütet, weil er sie an "zu Hause" erinnert. Private "Weihnachtsschätze" wie diesen – geerbt, bewahrt aus Kindheitstagen, mit besonderen Erinnerungen verbunden – stellen SZ und Sächsische.de in den kommenden Wochen in loser Folge vor.

"Alles wurde uns abgenommen"

Ursula Kahls Schatz, den sie seit fast 60 Jahren in der Adventszeit schmückt und für ihre Familie leuchten lässt, ist ein Erinnerungsstück auf den zweiten Blick. Denn der Christleuchter stammt nicht original aus Schlesien, er ist nachgebaut. Echten Adventsschmuck aus ihrer Heimat hat Ursula Kahl nach 1945 nie mehr besessen. "Wir durften ja nur das Allernotwendigste von zu Hause mitnehmen", sagt sie, "und fast alles, was wir hatten, wurde uns abgenommen."

Sie war kaum sechs Jahre alt, als ihre Familie – drei Generationen, Frauen und Kinder – zum Kriegsende 1945 Rothwasser verlassen musste und gezwungen war, die eigene Fleischerei und das Wohnhaus aufzugeben. "Wir konnten uns nicht vorstellen, dass dies endgültig sein würde."

Über die Tschechoslowakei ging es über Umwege nach Görlitz, zuerst noch mit dem Auto, später mit dem Leiterwagen, in dem die beiden Großmütter saßen. Nur in ihrem Puppenwagen konnte die damals kleine Ursula ihren Teddy, etwas Schmuck und Geld nach Görlitz schmuggeln, wo die Frauen den aus dem Krieg heimgekehrten Vater wieder trafen.

Weil die Stadt übervoll von Flüchtlingen war, die aus Schlesien kamen oder wieder dahin zurück wollten, insgesamt 100.000 Menschen, kam die Familie für eine Zeit nach Thüringen und erst später wieder nach Görlitz. "Meine Eltern hofften dann noch einige Jahre, dass wir wieder nach Rothwasser zurück dürfen", sagt Ursula Kahl. "Sie haben nie groß über diese Zeit, den Krieg und die Flucht, gesprochen."

Familien begannen, Weihnachtsschmuck nachzubauen

Als klar war, der Weg nach Hause ist abgeschnitten, begannen die schlesischen Familien, neben der Pflege ihrer Traditionen etwa in der Küche, geliebte Gegenstände nachzuempfinden und nachzubauen. Zu diesen Traditionen gehörte auch der Christleuchter, der übrigens nicht nur in Schlesien, sondern zum Beispiel auch in Siebenbürgen vom "Licht der Welt" kündet.

Ursula Kahl erinnert sich, dass am Heiligabend die etwa 60 Konfirmanden des kommenden Jahres in die große Kirche ihres Heimatortes einzogen. Die "Rothwasser-Chronik", zu der die früheren Bewohner des Ortes beitrugen, nachdem sie 1990 in großer Zahl wieder zusammenfanden und von da an über Jahre regelmäßig ihr Heimatdorf besuchten, enthält Fotos von einem solchen Einzug.

"Die Jungen trugen jeder einen Christleuchter in den Händen", sagt Ursula Kahl. "Und die Mädchen brachten mit Wachsstöcken Licht ins Dunkel der Kirche." Das waren schmale kegelförmige Lichter aus gewickelten Bienenwachsschnüren. Auch ein solches Licht hat sie aufbewahrt. "Bis zum Ende der Weihnachtszeit sorgten die Christleuchter dann zusammen mit den Christbäumen in den Häusern für Gemütlichkeit."

Engelshaar gab es in der DDR nicht

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg besaß Ursula Kahl noch keinen eigenen Leuchter. "Wir bekamen unseren um 1960 von einem Ehepaar aus Rothwasser geschenkt", erzählt sie. "Sie hatten auch nichts von daheim mitbringen können und den Leuchter nachgebaut."

In den Jahren der DDR sei es nicht immer einfach gewesen, ihn richtig zu schmücken. "Engelshaar zum Beispiel – gab es gar nicht", sagt Ursula Kahl. "Wir haben dafür mit Watte improvisiert." Doch heute ist der Christleuchter wieder so reich geschmückt, wie sie es aus ihrer Kindheit kennt. "Und er wird leuchten, so lange wir diese Tradition noch bewahren können."