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Musiker spielen Barockwerk nach 360 Jahren wieder

In der Görlitzer Kreuzkirche erklingt ein Werk, das der Görlitzer Rat im 17. Jahrhundert komponieren ließ. Es war vergessen – bis diesen Sonntag.

Alexander Göpfert tritt am Sonnabend mit mehreren Musikerkollegen als Barockensemble "Collegium musicum Gorlicium" in der Evangelischen Kreuzkirche Görlitz auf.
Alexander Göpfert tritt am Sonnabend mit mehreren Musikerkollegen als Barockensemble "Collegium musicum Gorlicium" in der Evangelischen Kreuzkirche Görlitz auf. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Noten waren weder leicht zugänglich noch sind sie so spielbar wie angegeben. "Wir gehen davon aus, dass sie seit sehr langer Zeit nicht original aufgeführt wurden", sagt der Görlitzer Kontrabassist Alexander Göpfert.

Sein Vater, der Musikwissenschaftler Andreas Göpfert, fand heraus, dass eine "Studenten-Music" von Johann Rosenmüller existieren müsse, die dieser im Jahr 1654 als Auftragswerk für die Stadt Görlitz komponiert hatte.

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Görlitzer Barockmusiker fanden zusammen

Der Bärenreiterverlag besaß von dem Barockstück eine Notenfassung aus dem Jahr 1929, die an die damals romantische Spielweise angepasst und um einige nicht-originale Stimmen ergänzt worden war. Für den Musikwissenschaftler, seinen Sohn und ein neues Görlitzer Barockensemble ließ der Verlag die Noten nachdrucken. "In Görlitz gibt es eine ganze Reihe an Musikern für Alte Musik", sagt Alexander Göpfert, "wir nehmen uns schon lange vor, gemeinsam aufzutreten."

Zu diesem "Collegium musicum Gorlicium" gehören außer Alexander Göpfert der Fagottist Martin Bandel und der Posaunist Stefan Dedek von der Neuen Lausitzer Philharmonie, die Blockflötistin Susan Joseph, der Kantor der Innenstadtgemeinde Reinhard Seeliger, die Sopranistin Maria Skiba und Frank Pschichholz an der Theorbe von "The School of Night" sowie die Violinistin Annette Rössel aus Zittau. Mit dem Rosenmüller-Stück veranstalten die Kreuzkirchengemeinde und der Philmehr-Verein am 25. April, 17 Uhr, das erste Konzert des "Collegium musicum Gorlicium" im Rahmen einer musikalischen Andacht mit Pfarrer Albrecht Bönisch in der Evangelischen Kreuzkirche.

Komponist floh nach Italien

Die Geschichte von Johann Rosenmüller liest sich zwiespältig, auch mit Entsetzen, sollten die einstigen Vorwürfe stimmen. Der aus dem Vogtland stammende Komponist und Posaunist war zwischen 1640 und 1655 zeitweise stellvertretender Thomaskantor gewesen, verließ Leipzig dann aber fluchtartig in Richtung Italien, weil er bezichtigt wurde, mehrere Chorknaben "geschändet" zu haben. Obwohl einer der Jungen die Thomasschule verließ, um dem "grundlosen Gerede" zu entgehen, blieb der Vorwurf eines "unnatürlichen Vergehens" an Rosenmüller haften.

Dennoch war er ein beliebter Komponist und Posaunist, der sich später unter dem Namen Giovanni Rosenmiller am Markusdom in Venedig eine neue Existenz aufbaute. Von seinen musikalischen Fähigkeiten wussten offenbar auch die Görlitzer Ratsherren, die ihn 1654, ein Jahr vor seiner Flucht, mit der Komposition einer "Studenten-Music" beauftragten.

In barocker Weise vor 360 Jahren zuletzt in Görlitz gespielt

Mit "Studenten" seien allerdings keine angehenden Musiker gemeint, die in Görlitz studierten, sagt Alexander Göpfert, sondern eher musikalische "Dilettanten", also Laien, für die das Stück spielbar sein sollte. "Görlitz hatte ja kein Hoforchester wie etwa Dresden, aber sicherlich Stadtpfeifer, die bei vielen Anlässen auftraten."

Das frühbarocke Instrumentalstück von Johann Rosenmüller enthält 15 Sätze nach "spanischer Manière". Außerdem kommen am Sonntag Lieder verschiedener Zeitgenossen wie Angelius Silesius, Diederich von dem Werder, Johann Krieger, Christian Weise und Joseph Georg zu Gehör.

"Wir spielen die Werke auf barocken Instrumenten", sagt Alexander Göpfert. Die Anweisungen zur romantischen Spielweise in den Rosenmüller-Noten ignorieren die Musiker genauso wie die später hinzukomponierten Stimmen und spielen dafür in barocker Weise. "In dieser ursprünglichen Form wurde das Stück in Görlitz vielleicht vor über 360 Jahren zuletzt aufgeführt."

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