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"Die Stadträte wollen uns melken"

Anbieter von Stadtrundfahrten in Görlitz sind sauer über die neuen Stellplätze – nicht nur wegen der hohen Preise.

Ingo Menzel betreibt mit dem Stadtschleicher seit fast 20 Jahren Stadtrundfahrten in Görlitz.
Ingo Menzel betreibt mit dem Stadtschleicher seit fast 20 Jahren Stadtrundfahrten in Görlitz. © Pawel Sosnowski/80studio.net

Ingo Menzel hat schon ein Schreiben aufgesetzt.

Oberbürgermeister, Verwaltung, Europastadt GmbH und alle Stadträte haben es am Sonntagabend erhalten. Was die Räte da am Donnerstag beschlossen haben, sei für ihn keineswegs umsetzbar. Bisher konnte der „Stadtschleicher“ eine Haltestelle für seine Stadtrundfahrten-Busse auf dem Görlitzer Obermarkt kostenlos nutzen – gemeinsam mit der Konkurrenz.

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Von null auf 1.417 Euro

Bewirbt sich Menzel dieses Jahr auf den angestammten Platz vor der Dreifaltigkeitskirche, werden 1.417 Euro Stellplatzgebühr fällig – pro Monat. „Pro Jahr hätte ich diese Summe ja okay gefunden“, sagt Menzel. Aber pro Monat? „Um das reinzukriegen, müsste ich pro Fahrgast statt zwölf künftig 16 bis 17 Euro verlangen.“ Und in den Wintermonaten sei es komplett unrealistisch, das einzuspielen. Die Gebühren kommen für ihn zum Un-Zeitpunkt: „Wegen Corona haben wir seit Monaten Berufsverbot. Es wird Jahre dauern, bis wir uns allein davon erholen“, sagt er.

Und nun auch noch die Gebühr, die 14-mal so hoch ist, wie von der Stadtverwaltung vorgeschlagen. 100 Euro im Monat hatte das Rathaus anvisiert. Die Stadträte wüssten nicht, was sie da tun: „Nur zwei Fraktionen haben sich bei mir nach der Situation erkundigt – und selbst das erst zwei Tage vor dem Beschluss“, so Menzel. Wenn der Beschluss so umgesetzt wird, könne er nicht wie gewohnt weitermachen. „Dann werde ich mich umfirmieren“, sagt er. Was er damit meint, will er momentan noch nicht verraten, auch nicht ansatzweise.

Oldtimerbus ist reparaturanfällig

Sein Mitbewerber Hans-Ulrich Koinzer bietet als „Stadtrundfahrten Koinzer“ Fahrten mit einem in Zittau gebauten Garant-Oldtimerbus an. „Der braucht mehr Reparaturen als jeder andere und hat eine geringere Sitzplatzzahl“, sagt Koinzer. Da seien 630 Euro im Monat für einen der kleineren Stellplätze vor dem Napoleonhaus keineswegs bezahlbar: „Das kann ich nicht erwirtschaften.“ Er kann die Höhe der Summe nicht verstehen, schließlich sei er es gewesen, der 2002 das Thema Stadtrundfahrten in Görlitz überhaupt erst begonnen hat „Die Stadt war selbst nicht fähig, das aufzubauen. Und jetzt, wo die Räte merken, dass wir Geld bringen, wollen sie uns melken“, sagt er. Sollte der Beschluss tatsächlich so umgesetzt werden, dann werde er aufhören: „Ich bin sowieso in Rente.“ Den Bus würde er verkaufen: „In einer anderen Stadt freuen sie sich darüber, es existieren nur drei restaurierte Busse dieses Typs.“

Attraktivität wird nicht beachtet

Frustriert ist auch Stefan Menzel, der Betreiber des großen Görliwood-Busses, aus dem inzwischen sogar zwei Busse geworden sind: Der Alte, der über 30 Jahre alt ist, und ein Neuer von etwa sechs Jahren, der die aktuellen Schadstoffnormen erfüllt und deshalb künftig hauptsächlich eingesetzt werden soll. Doch die Höhe der Gebühren ärgert Stefan Menzel nicht: „Für den guten Standplatz sind 1.400 Euro völlig gerechtfertigt.“ Ihn stört stattdessen, dass die Gebühren pro Quadratmeter überall gleich hoch sind: „Die Attraktivität eines Stellplatzes wird überhaupt nicht berücksichtigt.“ 1.100 Euro im Monat für den aus seiner Sicht unattraktiven Stellplatz vor der Staatsanwaltschaft findet er zu hoch.

Stefan Menzel ist der Betreiber des Görliwood-Busses und Inhaber zahlreicher Casinos in Görlitz und Umgebung.
Stefan Menzel ist der Betreiber des Görliwood-Busses und Inhaber zahlreicher Casinos in Görlitz und Umgebung. © SZ/Sebastian Beutler

So will er sich nun auf den 1.400-Euro-Platz vor der Dreifaltigkeitskirche bewerben. Dort will ihn das Rathaus aber nicht haben. Grund: Der zwölf Meter lange und 15 Tonnen schwere Görliwood-Bus könne nicht am Obermarkt-Brunnen wenden. Er sei zu lang und zu schwer. Menzel sieht das nicht ein: „Dort dürfen Liefer-LKWs einfahren, die deutlich schwerer sind.“ Gegenüber denen fühlt er sich diskriminiert. Er nutzte die Fragestunde im Stadtrat, um das Thema anzusprechen, bekam aber nur eine ausweichende Antwort. Auch eine Anfrage der SZ zu diesem Thema konnte das Rathaus am Montag nicht beantworten.

Pferde sollen in den Stall

Pferdedroschken sollen nach dem Stadtratsbeschluss gar nicht mehr auf dem Obermarkt stehen, sondern vor dem Kaisertrutz – für 105 Euro Stellplatzgebühr pro Monat. Axel Gürntke von der Firma „Kutsch- & Kremserfahrten Axel Gürntke“ aus Radeburg ist das im Moment egal. „So, wie es derzeit aussieht, werde ich wohl nach dem Lockdown gar nicht nach Görlitz zurückkehren“, sagt er. Hintergrund: Das Veterinäramt habe ihm mitgeteilt, dass er bei Temperaturen von 27 Grad aufwärts keine Droschkenfahrten mehr anbieten dürfe, sondern seine Pferde in den Stall bringen solle. „Das ist doch sinnlos“, schimpft Gürntke: „Ich kann doch bestellte Fahrten nicht absagen, weil mehr als 27 Grad sind.“ Der Landkreis war am Montag nicht in der Lage, die Fragen der SZ zum Thema Veterinäramt zu beantworten.

Sollten Gürntke und die anderen ernst machen, wird es künftig einsam auf dem Stadtrundfahrten-Markt. Aktuell hoffen einige aber noch, dass der Stadtrat die Gebühren nach Anhörung der Anbieter neu verhandelt. Darum hat Ingo Menzel die Räte in seinem Schreiben jedenfalls gebeten.

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