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Verkehrswende: Richtet Görlitz Pop-up-Radwege ein?

Die Deutsche Umwelthilfe schrieb deswegen an Oberbürgermeister Ursu. Doch selbst Fahrradgruppen sehen das nicht als drängendstes Problem an.

Diese Straße in München war bis vor Kurzem für Autos in beide Richtungen befahrbar, einen Radweg gab es nicht. Nun dürfen Autos nur noch in eine Richtung fahren, pro Seite gibt es einen Radweg. Pop-up-Radweg ist der Begriff für so eine Umwidmung.
Diese Straße in München war bis vor Kurzem für Autos in beide Richtungen befahrbar, einen Radweg gab es nicht. Nun dürfen Autos nur noch in eine Richtung fahren, pro Seite gibt es einen Radweg. Pop-up-Radweg ist der Begriff für so eine Umwidmung. © dpa

Pop-up-Radweg – was soll das bloß wieder sein? Mit dieser Frage musste sich jetzt das Görlitzer Rathaus befassen. Oberbürgermeister Octavian Ursu nämlich bekam Anfang Februar Post von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Die Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutzorganisation fordert die Einrichtung von Pop-up-Radwegen in Görlitz.

Gemeint ist die kurzfristige Umwidmung von bisherigen Auto-Fahrspuren zu Radwegen. Zudem fordert sie verkehrsberuhigte Straßen sowie innerorts Tempo 30 oder weniger im gesamten Nebenstraßennetz. Dafür nennt sie zwei Hintergründe. Erstens: Der Radfahrerverkehr nimmt immer mehr zu. „Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums vom September 2020 gab ein Viertel der Befragten an, das Fahrrad deutlich häufiger zu nutzen als noch im Vorjahr“, schreibt die DUH an OB Ursu. Auch der Fußgängerverkehr habe deutlich zugenommen. Die Corona-Pandemie verstärke dabei eine Tendenz hin zu Radfahrer- und Fußgängerverkehr, die sich schon seit Jahren abzeichne.

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Normale Radwege brauchen lange

Und zweitens: „In der Regel nehmen sich Kommunen zwei bis zehn Jahre Zeit, um Fahrradwege zu planen und einzurichten“, schreibt die DUH. Das müsse schneller gehen, innerhalb weniger Wochen oder Monate. Viele Städte weltweit, aber auch einige deutsche Kommunen hätten voriges Jahr gezeigt, dass das möglich ist. Eine Umwidmung zum Pop-up-Radweg gehe nun mal viel schneller als der komplette Neubau eines Radweges. „Dieses schnelle Tempo bei der Verkehrswende muss zum Standard werden“, schreibt die DUH. Sie versteht sich als politisch unabhängiger Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutzverband sowie als Umwelt-Lobby. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hingegen kritisierte im März 2017, die DUH sei „ein von Abmahnungen lebender Interessenverein“.

Konkrete Straßen, die sie für geeignet hält, benennt die DUH nicht. Stattdessen verschickt sie ihre Forderung an alle Städte, die ihr von Bürgern vorgeschlagen werden. Bereits Ende Januar hatte die DUH formale Anträge in 101 Städten gestellt, jetzt kamen noch einmal 135 weitere hinzu. In Ostsachsen sind neben Görlitz auch Dresden und Hoyerswerda betroffen. „Unser Antrag ist allgemein gehalten und gibt Kommunen Hinweise, wie sie ihre Radverkehrspläne beschleunigt umsetzen können“, bestätigt Marlen Bachmann von der DUH auf Nachfrage. Nächste Woche werde es aber zusätzlich die Möglichkeit geben, dass Bürger mit einem Musterschreiben den Antrag unter Nennung von Straßenabschnitten konkretisieren können.

Stadt soll bis 12. März antworten

Die DUH hat die Stadt Görlitz um eine Stellungnahme bis zum 12. März gebeten. Eine Antwort sei bisher noch nicht eingegangen, sagt Marlen Bachmann. Aber bis 12. März sei ja auch noch ein bisschen Zeit. Auf SZ-Nachfrage reagiert das Rathaus eher verhalten. Bürgermeister Michael Wieler berichtet, dass es viele Lobbygruppen gibt: „Die eine fordert mehr Radwege, die nächste mehr Taxispuren, die dritte mehr Platz für Busse.“

Bauamtsleiter Torsten Tschage hat derweil schon konkret über Pop-up-Radwege nachgedacht. „Die einzige Straße, in der das in Görlitz infrage kommt, ist der Weinberg“, sagt er. Bergab hat die Stadt bereits vor einiger Zeit einen Radweg am rechten Fahrbahnrand markiert. Bergauf hingegen teilen sich Radfahrer bisher einen Weg mit Fußgängern. Wenn die Arbeiten der Stadtwerke am Weinberg abgeschlossen sind, will die Stadt hier etwas ändern: „Dann bekommen Radfahrer auch bergauf ihren eigenen Fahrstreifen.“ Das soll nicht nur vorübergehend passieren, sondern dauerhaft. Tschage kann aber noch nicht genau sagen, wann es soweit sein wird: „Das hängt vom Baufortschritt der Stadtwerke ab.“

Der Weinberg – hier bei einem Stau an der polnischen Grenze im Mai 2020 – ist die einzige Straße in Görlitz, die die Stadtverwaltung für einen neuen Radweg für geeignet hält.
Der Weinberg – hier bei einem Stau an der polnischen Grenze im Mai 2020 – ist die einzige Straße in Görlitz, die die Stadtverwaltung für einen neuen Radweg für geeignet hält. © Nikolai Schmidt

Ansonsten habe die Stadt in den vergangenen Jahren schon viele solcher Angebotsstreifen für Radfahrer auf Straßen markiert, zuletzt auf der Dr.-Kahlbaum-Allee, zuvor beispielsweise auf Bautzener-, Rauschwalder- und Reichenbacher Straße. Es sind keine baulich getrennten Radwege, aber es entspricht exakt dem Konzept der Pop-up-Radwege: Da, wo bisher Auto-Fahrspuren waren, ist nun Platz für Radler.

Kein wichtiges Thema für den ADFC

Auch die Görlitzer Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) reagiert zurückhaltend auf den Vorstoß der DUH. „Pop-up-Radwege sind aus Sicht des ADFC Görlitz im Moment kein wichtiges Thema“, sagt der neu gewählte Sprecher Peter Schellin: „Wir sehen auch keine zwingende Notwendigkeit, gegenwärtig solche Radwege in Görlitz anzulegen.“

Der ADFC kümmere sich aber sehr wohl darum, die Bedingungen für die Radfahrer in Görlitz zu verbessern. Das betreffe derzeit vor allem die weitere Öffnung von Einbahnstraßen, etwa auf der Jauernicker Straße. „Auch die Fortführung der Verkehrsführung für Radfahrer im unteren Teil der Reichertstraße – an der Melanchthonschule – braucht eine Lösung, nachdem der im Radwegekonzept der Stadt Görlitz dort vorgesehene Radweg durch den Bau von Parkplätzen ersatzlos weggefallen ist“, erklärt Schellin.

Der Landesverband hält sich raus

Der ADFC-Landesverband hält sich aus dem Thema ganz raus, sagt Sprecher Janek Mücksch: „Uns fällt es natürlich schwer, die Situation in den einzelnen Städten konkret abzuschätzen.“ Da könne die ADFC-Ortsgruppe Görlitz mehr sagen. Klingt also, als ob die DUH mit ihren Forderungen recht allein dasteht. Was in Großstädten tatsächlich ein wichtiges Thema ist, muss es in Görlitz noch lange nicht sein.

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