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Viel Gegenwind für Görlitzer Verkehrsversuch

Die Stadt will die untere Jakobstraße zeitweilig für Autos sperren. Viele sind pauschal dagegen. Doch Ladeninhaber und Stadträte sehen auch Chancen.

Das Straßenfest „Deine Jakobstraße feiert!“ lief 2018 autofrei ab.
Das Straßenfest „Deine Jakobstraße feiert!“ lief 2018 autofrei ab. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Da hat Bürgermeister Michael Wieler auf Facebook eine mächtige Diskussion losgetreten: Nachdem er erst im Stadtrat und dann im Gespräch mit der SZ über die Pläne berichtet hatte, die untere Jakobstraße und die Bismarckstraße nächstes Jahr in einem Verkehrsversuch für ein paar Wochen oder Monate für Autos zu sperren, kommt die Diskussion nicht mehr zur Ruhe.

Die meisten Diskutanten sehen die Pläne – die allesamt auf Vorschlägen von Bürgern auf Bürgerratssitzungen beruhen, die aber in aller Regel schlecht besucht waren – überaus skeptisch. Auch Akteure aus der Innenstadt sind darunter, etwa Robert Navratiel, der auf der Hospitalstraße die Juweleria betreibt. „Ich finde die Idee super“, schreibt er voller Ironie: „Weiterführend sollte man Jakobstunnel und Brautwiesentunnel sperren und den Asphalt auf allen Straßen entfernen.“ Andere Nutzer fürchten um die Verkehrssicherheit vor dem Gymnasium am Wilhelmsplatz, wo der Verkehr stattdessen rollen könnte.

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Letzteres ist allerdings keineswegs sicher, er könnte auch über die Hospitalstraße abgeleitet werden. Das bestätigt auch Wieler. Er steht weiterhin zu seinen Aussagen aus dem ersten Interview, in dem er betont hatte, dass viele Punkte noch nicht geklärt seien und dass vorab ein gutes Konzept erarbeitet werden muss, wie der Verkehr stattdessen geführt werden soll. „Wenn wir dieses Konzept haben, werden wir darüber informieren“, sagt Wieler jetzt erneut. Es werde auch nötig sein, im Vorfeld zu einigen Akteuren Kontakt aufzunehmen, zum Beispiel zum Gymnasium.

Schulleiter hofft auf ein Gespräch

Bisher sei alles noch vage, informiert worden seien zuerst die Stadträte im Technischen Ausschuss (TA), dann in öffentlicher Stadtratssitzung und in der SZ. Weitere Infos oder gar Anwohnerschreiben gab es noch nicht – eben, weil noch nicht viel feststeht. Gymnasiumsleiter Wolfgang Mayer freut sich, dass Wieler ein Gespräch in Aussicht stellt: „Ich wäre tatsächlich nicht so glücklich, wenn der Verkehr an unserem Haus vorbeigeführt würde.“ Immerhin sei der Wilhelmsplatz der Pausenhof, alle Schüler müssten die Straße überqueren: „Im Moment geht es vom Verkehr her, aber mehr sollte es nicht werden.“

Die Ladeninhaber sehen das Ganze mit gemischten Gefühlen. „Man sollte erstmal mit den Einzelhändlern sprechen“, sagt Tobias Heid, der die Straßburgpassage und weitere Gebäude verwaltet. Wenn Parkplätze wegfallen, müsste geschaut werden, wo die Autos stattdessen im näheren Umfeld abgestellt werden können. Heid sieht aber gute Chancen, ein gemeinsames Konzept zu finden, wenn man im Vorfeld miteinander redet: „Vielleicht profitieren Einzelhandel und Gastronomie ja sogar davon, wenn man die Straße nett gestaltet, mit Blumenkübeln und Außengastronomie.“

Kunden müssen zum Laden fahren können

Ähnlich sieht es Stefan Wenzel vom Sportgeschäft Muskelkater. Gerade für Fußgänger sei der Verkehrsversuch sicher gut. „Aber wir haben auch Kunden, die vier bis sechs Paar Skier mit Schuhen zum Service bringen.“ Die müssten direkt vor dem Laden halten können und nicht die Skier von sonstwo hertragen. Er sehe Pro und Contra: „Das ist eine schwierige Entscheidung.“ Optikermeister Thomas Wünsche schräg gegenüber findet die Grundsatzidee gut: „Aber es sollte bitte vorher mit den betroffenen Anliegern geredet werden.“ Manche mussten im Lockdown schließen und könnten vielleicht nicht schon wieder eine Einschränkung verkraften. Wünsche schlägt vor, miteinander zu reden und dann vielleicht mehrere Optionen zu testen, eventuell auch einen verkehrsberuhigten Bereich.

Auch die Stadtpolitik ist hin- und hergerissen. Allerdings sagen gleich vier Fraktionen, dass es im TA keine Vorstellung des Verkehrsversuches gab. Wieler entgegnet: „Das war auch keine richtige Vorstellung, nur eine Erwähnung.“ Letzteres bestätigt zumindest Mirko Schultze (Linke), der prinzipiell weniger Autoverkehr begrüßt. Allerdings würden da zwei Straßen nicht reichen: „Wir brauchen ein Gesamtverkehrskonzept.“ Mike Altmann (Motor Görlitz) stimmt dem zu und fände es gut, im Vorfeld im TA darüber zu reden. Prinzipiell sei es aber zu begrüßen, wenn in der Verwaltung Offenheit für solche Themen da ist.

Karsten Günther-Töpert (Bürger für Görlitz) steht dem Verkehrsversuch aufgeschlossen entgegen – aber erst nächstes Jahr, wenn viele der aktuellen Baustellen erledigt sind. „Wenn man so etwas nicht versucht, findet man auch nichts heraus“, sagt er. Auch Matthias Urban (CDU) zeigt sich „aufgeschlossen für Dinge, die dem Bürger einen Mehrwert bringen.“ Auch anderswo, etwa auf der Landeskronstraße, seien auf diese Weise schon Änderungen erreicht worden, die gut funktionieren. Lutz Jankus (AfD) schreibt bei Facebook, ein neues Verkehrskonzept sei ja ganz schön. Allerdings fürchte er mit Blick auf Erfahrungen aus Berlin, dass „Straßen veröden, Läden umziehen oder ganz schließen.“ Stattdessen plädiert der AfD-Fraktionsvorsitzende eher dafür, dass die Stadt zunächst einmal eine autofreie untere Berliner Straße ab 11 Uhr täglich durchsetzt. „Das Schild ,Lieferverkehr bis 11:00 Uhr frei' scheinen viele so zu verstehen, dass ab 11 Uhr jeder die Straße runterbrettern darf.“

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