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Verschollene Werke Johannes Wüstens entdeckt

Der Künstler hat Spuren bis nach Paris und Prag hinterlassen. Jetzt wurden bisher unbekannte Grafiken von ihm gefunden. Und seine Familie meldete sich in Görlitz.

In der Galerie der Moderne im Kaisertrutz ist Johannes Wüsten als einzigem Görlitzer Künstler eine ganze Abteilung gewidmet, hier mit dem Kunsthistoriker Kai Wenzel.
In der Galerie der Moderne im Kaisertrutz ist Johannes Wüsten als einzigem Görlitzer Künstler eine ganze Abteilung gewidmet, hier mit dem Kunsthistoriker Kai Wenzel. © Nikolai Schmidt/Archiv

Solche Glücksfälle sind selten: Als neulich eine Dame den Hamburger Haushalt ihrer verstorbenen Eltern und ihres Bruders auflöste, entdeckte sie in einer Zeichnungsmappe einen colorierten Holzschnitt, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Signiert von: Johannes Wüsten, im Jahr 1919.

Da war der Görlitzer Künstler gerade 23 Jahre alt. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, aus dem er verwundet zurückgekehrt war, hatte er für eine Zeit in Hamburg gelebt und dort die expressionistische Künstlergruppe "Hamburger Sezession" mitbegründet. "Dieser Holzschnitt ist eine der frühesten Arbeiten von Johannes Wüsten", sagt der Kunsthistoriker Kai Wenzel von den Görlitzer Sammlungen, "als er noch auf der Suche nach seinem eigenen künstlerischen Weg war."

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Das einzige Exemplar des frühen Holzschnitts "Maske I" von Johannes Wüsten wurde vor Kurzem bei einer Haushaltsauflösung in Hamburg gefunden.
Das einzige Exemplar des frühen Holzschnitts "Maske I" von Johannes Wüsten wurde vor Kurzem bei einer Haushaltsauflösung in Hamburg gefunden. © Johannes Wüsten, Scan: privat

Es sei das einzige bekannte Exemplar des Holzschnitts "Maske I". Ein weiteres befand sich im Besitz der Hamburger Kunsthalle, wurde aber im Rahmen der nationalsozialistischen Aktion "Entartete Kunst" 1937 beschlagnahmt und vernichtet. In einem Werkverzeichnis, das 1973 begleitend zu einer Ausstellung in Leipzig entstand, wurde das Werk zwar genannt, galt aber als verloren. Im Besitz der Stadt Görlitz befinde sich "nur eine Handvoll" der Hamburger Arbeiten Johannes Wüstens, sagt Kai Wenzel.

Wüstens Neffe meldete sich in Görlitz

Dass nun eines der verlorenen geglaubten Blätter wieder auftauchte, freute nicht nur den Kunsthistoriker, der das Grafische Kabinett der Görlitzer Sammlungen und damit auch einen großen Teil der Kunst Johannes Wüstens verwaltet. Wer das Görlitzer Museum über den Fund informierte, war der Berliner Neffe Johannes Wüstens: Thomas Wüsten. "Ich habe meinen Onkel nicht mehr kennengelernt", sagt der 75-Jährige, "aber zu seiner Witwe Dorothea hatte ich ein enges Verhältnis, sie kannte mich von Geburt an."

Die Künstlerin Dorothea Koeppen-Wüsten war es auch, die nach dem Zweiten Weltkrieg zusammentrug, was von der Kunst ihres Mannes noch auffindbar war. "Von einem echten Nachlass kann man bei Johannes Wüsten nicht sprechen", sagt Kai Wenzel, "sondern eher von einem Rest, der davon geblieben ist."

Werk durch Exil weit verstreut

Denn der Künstler, der vor allem Dürers Technik des Kupferstichs zu neuem Leben erweckte und es darin zu hoher Meisterschaft brachte, musste als Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten 1934 von Görlitz nach Prag emigrieren. Später floh er nach Paris, wo er 1939 interniert wurde, aus dem Lager entkam, bis 1941 illegal im besetzten Frankreich blieb und sich dann schwer erkrankt in ein deutsches Militärlazarett begab.

Der Künstler Johannes Wüsten brachte es vor allem als Kupferstecher zu hoher Meisterschaft. Ihm kommt das Verdienst zu, diese von Albrecht Dürer entwickelte Technik wiederbelebt und für die Moderne fruchtbar gemacht zu haben.
Der Künstler Johannes Wüsten brachte es vor allem als Kupferstecher zu hoher Meisterschaft. Ihm kommt das Verdienst zu, diese von Albrecht Dürer entwickelte Technik wiederbelebt und für die Moderne fruchtbar gemacht zu haben. © privat

Damit fiel er der Gestapo in die Hände, wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt und starb 1943 an offener Tuberkulose im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Deshalb waren seine Hinterlassenschaften weit verstreut und sind es wohl teilweise bis heute. Seine Frau forschte in Wüstens Freundes- und Bekanntenkreisen in Prag und Paris nach und versuchte zu bewahren, was nach dem Krieg von Werken ihres Mannes übrig war. Da er aber auch Werke verkauft hatte, zum Beispiel über die berühmte und älteste Hamburger Kunstgalerie "Commeter", zu der er von Görlitz aus weiter Kontakt hielt, dürften sich noch viele seiner Arbeiten in Privatbesitz befinden.

Nachlass in Berlin

Den Teil seines Nachlasses, den seine Frau zusammentrug und zu dem originale Druckstöcke gehören, Zeichnungen, weitere Grafiken und Privatdokumente, verwahrte nach Dorothea Koeppen-Wüstens Tod im Jahr 1974 in Berlin der jüngere Bruder Johannes Wüstens, der Kunsthistoriker Ernst Wüsten. Später übernahmen dessen Witwe und ihr Lebensgefährte die Nachlasspflege, kümmerten sich auch um das oft noch zu wenig gewürdigte künstlerische Werk Dorothea Koeppen-Wüstens, und gaben diese Aufgabe schließlich an Thomas Wüsten weiter.

Das Künstlerehepaar Dorothea und Johannes Wüsten.
Das Künstlerehepaar Dorothea und Johannes Wüsten. © privat

"Dass sich jemand bei uns meldet, weil er ein Werk meines Onkels gefunden hat, kommt äußerst selten vor", sagt Wüstens Neffe. Die Dame, die den Holzschnitt versteckt in einer Mappe ihrer Eltern fand, konnte ihn über Recherchen auf seiner Homepage www.johannes-wuesten.de und Nachfragen bei Thomas Wüsten identifizieren. Wie der Schnitt in den Besitz der Familie kam, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Die Dame habe ihn gerahmt und sich an die Wand gehängt. "Es freut mich, dass er ihr gefällt und jetzt einen festen Platz hat", sagt Thomas Wüsten.

Holzschnitt gehört eigentlich ins Museum

Kai Wenzel sagt allerdings: "Dieser Holzschnitt 'Maske I' ist ein Objekt, das eigentlich in ein Museum gehört." Die Görlitzer Sammlungen gingen jedoch nicht offensiv mit einem Kaufinteresse auf Kunsteigentümer zu. "Wenn die Besitzerin aber signalisieren würde, dass sie den Druck verkaufen möchte, würden wir sofort versuchen, ihn zu erwerben." Das wisse die Dame bereits, habe sich aber entschieden, den Druck zu behalten.

Eine andere Rarität von Johannes Wüsten konnten die Görlitzer Sammlungen hingegen mithilfe ihres Fördervereins im Jahr 2020 erwerben: eine Zeichnung aus dem Jahr 1935, die in einem Prager Antiquariat aufgetaucht war.

Diese Zeichnung von Johannes Wüsten aus dem Jahr 1935 tauchte 2020 in einem Prager Antiquariat auf, die Görlitzer Sammlungen erwarben sie.
Diese Zeichnung von Johannes Wüsten aus dem Jahr 1935 tauchte 2020 in einem Prager Antiquariat auf, die Görlitzer Sammlungen erwarben sie. © Johannes Wüsten, Scan: Görlitzer Sammlungen

In seiner Prager Exilzeit habe Wüsten unter anderem in der Prager Satirezeitschrift "Simplicus", später "Simpl", publiziert, die der aus Görlitzer stammende jüdische Rechtsanwalt Hans Nathan dort herausgab, ebenfalls Exilant in Prag. "Es könnte sein, dass Wüstens Zeichnung als Illustration für eine Ausgabe dieser Zeitschrift gedacht war", sagt Kai Wenzel, "sie wurde jedenfalls noch nirgends publiziert und ist, anders als der Holzschnitt 'Maske I', auch in dem Leipziger Werkverzeichnis von 1973 nicht erwähnt."

Am 6. Oktober jährt sich der Geburtstag Johannes Wüstens zum 125. Mal. Nur noch wenige Menschen dürften am Leben sein, die ihn gekannt haben oder einen persönlichen Bezug zu ihm haben. Es könnte also sein, dass in Zukunft weitere bislang verschollene Werke Wüstens aus Privatbesitz auftauchen.

Anlässlich des Jubiläums im Herbst hat sich Kai Wenzel eine Sonderführung durch die Johannes-Wüsten-Abteilung der Galerie der Moderne im Kaisertrutz vorgenommen. Dort sind die wichtigsten Werke von Johannes Wüsten aus der Görlitzer Sammlung zu sehen.

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