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„Ich will endlich mehr Mongolisch lernen“

Der Chefzoologe des Görlitzer Senckenberg-Museums Hermann Ansorge geht in den Ruhestand. Was er jetzt plant, verrät er im Interview.

Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Ansorge mit Schädeln des Przewalski-Pferdes im Görlitzer Humboldthaus des Senckenberg-Museums.
Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Ansorge mit Schädeln des Przewalski-Pferdes im Görlitzer Humboldthaus des Senckenberg-Museums. © Paul Glaser

Ende des Monats geht Hermann Ansorge, Abteilungsleiter für Zoologie und stellvertretender Chef des Senckenberg-Museums für Naturkunde in Görlitz, Hochschulprofessor und Wolfsexperte in den Ruhestand. 40 Jahre lang war er an der Einrichtung tätig.

Senckenberg verliere damit jemanden, der sehr viel Wissen, ein großes Netzwerk und besondere Forschungsschwerpunkte habe, sagt Museumsleiter Willi Xylander. In den 1990er-Jahren habe er Görlitz zu der europäischen Adresse für die Fischotter-Forschung gemacht. Auch beim Thema eingewanderter, nicht heimischer Arten, habe der gebürtige Hallenser viel geleistet. Doch was sagt Hermann Ansorge, Jahrgang 1955, selbst. Die SZ hat nachgefragt.

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Herr Professor Ansorge, das Senckenberg-Museum in Görlitz besitzt tolle Exponate zur Naturwissenschaft – was würden Sie gern aus der Sammlung mitnehmen?

Ich bin nicht der Mensch, der sich Felle oder so etwas daheim hinlegt. Es ist auch der Ehrenkodex eines hauptberuflichen Naturwissenschaftlers, nicht das zu sammeln, wozu er forscht. Was ich mir mitnehmen möchte, ist die gute Laune. Aber da sehe ich keine Gefahr, dass die abhanden kommt.

Spitzmäuse, Fischotter, Wölfe – welches Lebewesen hat Sie in Ihren Berufsjahren am meisten fasziniert?

Die Parasiten der Tiere. Flöhe, zum Beispiel. Es ist Wahnsinn, was die leisten. Da friert man einen toten Fischotter drei Wochen lang ein, dann wird er für die Untersuchung aufgetaut und schon fangen die Flöhe wieder an zu krabbeln. Auch Vögel sind faszinierend. Ich habe ja als Ornithologe begonnen und meine Diplomarbeit zu Singvögeln im Stadtgebiet Bitterfeld-Wolfen geschrieben. Bis heute biete ich Vogelstimmen-Wanderungen an. Da kommen 40, 50 Leute; 2020 musste das wegen Corona leider ausfallen. Die größte Entdeckung war für mich allerdings das Alpenspitzmaus-Vorkommen auf der Lausche. Wir haben hier das einzige östlich der Rhön.

Aber befragt wurden Sie vermutlich vor allem zum Wolf, oder?

In den letzten Jahren schon. Früher ging es auch viel um den Fischotter und um eingewanderte Tiere wie den Marderhund. Denn diese Neozoen stehen im Verdacht, mit unseren heimischen Arten in Konflikt zu kommen. Ich habe mir im Bereich der Säugetierfauna immer auch selbst Themen gesucht, wo es darum ging, dringlich Wissen zusammenzutragen. Da gab es beispielsweise mal ein Freiwilliges Ökologisches Jahr zum Thema: Mäuse in der Oberlausitz.

Ganz aktuell – gibt es eine neue Erkenntnis zu den Wölfen in Sachsen oder Deutschland, die Sie überrascht, gefreut, besorgt hat?

Faszinierend war, dass wir mithilfe von Wildtierkameras und Untersuchungen von Genetikern aus Gelnhausen festgestellt haben, dass es in einigen Rudeln zu Doppelreproduktionen gekommen ist. Das heißt, da haben sich zwei Fähen mit je einem anderen Rüden verpaart – innerhalb eines Rudels. Sie haben sich im selben Territorium aufgehalten. Das ist vermutlich nicht neu bei einem so dichten Bestand und gutem Nahrungsangebot wie hier. Und es gibt Hinweise darauf in alter russischer Literatur. Wir konnten es nun aber nachweisen. Interessant war auch, dass der Wolf, wo er die Gelegenheit dazu hat, reichlich Biber frisst. Das hatten wir zwar erwartet, haben es bei Untersuchungen aber konkret festgestellt.

Welche Wirbeltiere der Oberlausitz haben sich in den letzten Jahren gut entwickelt und wo sieht es düster aus?

Der Biber hat sich gut etabliert. Der Wolf auch, ob man ihn mag oder nicht. Der Fischotter-Bestand ist stabil, das kann man der Zahl der verunfallten Tiere entnehmen. Die ist seit Mitte der 1990er relativ gleichbleibend. Der Iltis ist sehr rar geworden. Beim Hamster gibt es nur noch ein Restvorkommen bei Leipzig – 2006 wurde in der Oberlausitz der letzte im Maul eines Fuchses bei Zittau gesehen. Der Gartenschläfer ist inzwischen aber wohl ganz verschwunden.

Den Arten fehlen Lebensräume?

Beim Hamster spielt die Art der Landwirtschaft eine Rolle – schnelle Fruchtfolge, es wird tief gepflügt. Und wenn der Bestand erst einmal auf ein gewisses Level gesunken ist, ist eine Art ganz schnell verschwunden. Dem Iltis fehlen die Strukturen in der Landschaft, aber auch alte Feldscheunen, in denen er sich zurückziehen konnte. Was mit dem Gartenschläfer passiert ist, wissen wir nicht. Der Oberlausitzer Biologe Sven Büchner forscht aktuell dazu. Dass der Bestand in der Sächsischen Schweiz nicht mehr nachzuweisen ist, kann eigentlich nichts mit dem Lebensraum zu tun haben. Dort hat sich ja nichts verändert.

Wie sieht es aus bei den Vögeln?

Da sind vor allem die Offenlandarten gefährdet – Wiesenpieper und Rebhuhn zum Beispiel. Aber es sind auch Arten wieder aufgetaucht, wie das Blaukehlchen und die Grauammer, die lange weg waren.

Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit sind Projekte in der Mongolei. Wann ist es denn damit losgegangen?

Ich konnte schon als Student in Halle als Vertretung für jemanden erstmals in die Mongolei reisen. Das Thema habe ich mit nach Görlitz gebracht.

Seit 1980 lebt und arbeitet Hermann Ansorge in der Oberlausitz. Er bleibt auch als Ruheständler Senckenberg, der Forschung und Ausbildung treu.
Seit 1980 lebt und arbeitet Hermann Ansorge in der Oberlausitz. Er bleibt auch als Ruheständler Senckenberg, der Forschung und Ausbildung treu. © Paul Glaser

Haben Sie schon mal in einer Jurte übernachtet?

Immer wieder. Es riecht darin wunderbar nach Schaf. Und das Besondere ist, auch im Winter bei minus 30 Grad sorgt der Steinkohleofen dafür, dass es nicht völlig auskühlt. Wir haben aber meist in kleinen Zelten übernachtet und wurden einmal im Mai von einem Schneesturm überrascht.

Sprechen Sie Mongolisch?

Einige Worte ja, wirkliche Kommunikation geht nicht. Aber ich habe mir vorgenommen, da etwas mehr zu lernen.

Wie sieht die Senckenberg-Arbeit in dem Land aus?

Wir unterrichten dort seit vielen Jahren Studierende und machen sie fit dafür, ihre heimische Flora und Fauna zu erfassen. Viele kommen mit uns erstmals ins Landesinnere ihrer Heimat. Wir selbst nutzen die Zeit dort für Erkundungen der Biodiversität der Mongolei. Wir haben unter anderem eine Mäuseart entdeckt, die im Land zuvor nicht nachgewiesen worden war. Und wir haben uns viel mit den dortigen Wildeseln und den Przewalski-Pferden befasst. Dieses Jahr wollen wir die Lebensräume des Gobi-Bären aufsuchen, von dem gibt es aber nur noch etwa 50 Tiere.

Das heißt, Sie machen als Wissenschaftler weiter?

Uns wurde gerade die Förderung für eine Sommerschule in der Mongolei bewilligt. Hoffen wir mal, dass wir fahren können und uns Corona nicht ausbremst. Ich werde das weitermachen, was Spaß macht und was sein muss. Ich unterrichte zunächst meine Studenten und Studentinnen weiter und prüfe sie, betreue auch die Doktor-, Master- und Bachelorarbeiten. Außerdem werde ich als ehrenamtlicher Mitarbeiter von Senckenberg berufen. Das heißt, ich darf weiter am Senckenberg-Museum forschen, muss mich aber weitgehend selbst um finanzielle Mittel bemühen. Aber das tue ich schon lange – ich habe auch für meinen Nachfolger oder die Nachfolgerin vorgesorgt und für die nächsten Jahre zusätzliche Gelder eingeworben.

Dann werden Sie nicht aus der Lausitz wegziehen?

Nein, ich lebe seit 1980 in der Region. Als ich damals hier ankam aus dem Chemiedreieck Halle- Leipzig-Bitterfeld war das wie Urlaub. Irgendwann fühlt es sich so an, als sei man immer schon dagewesen.

Das Senckenberg Museum wird umziehen, eigentlich sollte es jetzt soweit sein. Doch es wird wohl noch eine Weile dauern – bedauern Sie es, dass Sie den Umzug nicht mehr mitmachen?

Wollen wir hoffen, dass es mit dem Umzug klappt. Das Thema steht schon länger an, anfangs war von 2014 die Rede. Wir wissen nicht, wie sich Corona finanziell auswirkt, ob sich da wieder etwas verzögert. Aber nein, ich bedauere das nicht. Ich freue mich aber, wenn es wird.

Wie sind Sie zur Zoologie gekommen? Gab es den Großvater mit der Schmetterlingssammlung oder den tollen Biolehrer?

Als kleiner Junge wollte ich Zoodirektor werden. Aber das wäre mir aus heutiger Sicht zu sehr die Arbeit eines Managers. Ich bin dann in Leipzig in die Schule gegangen, dort gab es eine Arbeitsgemeinschaft Natur und Biologie. Da habe ich mitgemacht. Außerdem ist in der Stadt ein ornithologischer Verein aktiv – darüber bin ich zur Vogel-Forschung gekommen.

Wie ist es denn heute um den naturwissenschaftlichen Nachwuchs bestellt?

Das Interesse ist da und man kann es fördern. Das tun wir unter anderem in Zittau an der Hochschule im Studiengang Ökologie- und Umweltschutz. Es geht dabei um die Bestimmung von Arten, darum, was es in Deutschland gibt, welche Bedeutung die Pflanzen und Tiere für das Ökosystem haben und welche naturschutzfachliche Relevanz sich für Planungen ergibt, beispielsweise beim Bau von Straßen oder bei Bauvorhaben in sensiblen Naturgebieten. Unsere Arbeit hat da einiges bewirken können – Amphibientunnel unter der Autobahn 4 zwischen Kodersdorf und Weißenberg oder Tunnel für Fischotter, wir konnten helfen, alte Feldgehölze bei Königshain für die Haselmaus zu erhalten und haben mit dafür gesorgt, dass es keinen großen Gastronomie-Bau auf der Lausche gibt, weil es dort immer noch das besondere Alpenspitzmaus-Vorkommen gibt.

Sie sind Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft der Oberlausitz – bleiben Sie der im Ruhestand treu?

Natürlich. Ich bin nach der Wiedergründung der Gesellschaft 1990 sofort Mitglied geworden, habe aber aus beruflichen Gründen nie einen Sitz in einem Ausschuss übernommen. Als der Ruhestand herangerückt ist, hat der langjährige Vorsitzende, Fritz Brozio, mich da aber ins Boot geholt. Jetzt bin ich also in so einem Gremium, solange ich arbeite, fehlt mir dafür aber noch die Zeit.

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