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Wie die Straßenbahn Görlitz eroberte

Bereits vor 125 Jahren begannen Arbeiten für die Görlitzer „Elektrische“. Vor hundert Jahren kam sie dann nach Rauschwalde.

Erst fuhr die Bahn über Leipziger und Rauschwalder Straße, ehe die Gleise 1931 auf Brautwiesenplatz und Brautwiesenstraße kamen. Diese Aufnahme stammt von 1961.
Erst fuhr die Bahn über Leipziger und Rauschwalder Straße, ehe die Gleise 1931 auf Brautwiesenplatz und Brautwiesenstraße kamen. Diese Aufnahme stammt von 1961. © Repro: Sammlung Ralph Schermann

Die Straßenbahn gehört zu Görlitz. Weil das nun einmal so ist, ist auch jeder Versuch ehrenwert, sie zu erhalten, auch wenn sie heute freilich weniger gebraucht wird als in ihren Anfangszeiten. Sie gehört und sie gehörte eben zum Stadtbild, selbst die oben zu sehende Postkarte mit Landeskrone und Bismarcksäule kam schon 1903 nicht ohne die „Elektrische“ aus. Diese wiederum kennt immer wieder Jubiläen, die auch stets auf den Heimatgeschichtsseiten ihren Platz finden. Heute widmen wir uns gleich drei solchen Görlitzer Straßenbahn-Geburtstagen.

Elektrisch wird erst seit dem Jahr 1897 gefahren. Und bereits am 1. Oktober vor 125 Jahren erwarb die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft Berlin (AEG) das seit 1882 bestehende Görlitzer Gleisnetz der Pferdestraßenbahn. Fortan wurde die bisherige 1.435 mm betragende Spurweite auf die noch heute genutzten 1.000 mm verändert, wurden Masten errichtet und Fahrdrähte gezogen. Am 6. November 1896 bestellte die AEG im Görlitzer Waggonbau 26 Triebwagen.

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Verkehrsplanung damals schneller möglich

Erste Probefahrten begannen im Juli 1897, der reguläre Betrieb mit in besten Zeiten fünf Linien dann im Dezember. Damals war es tatsächlich möglich, binnen nur einem Jahr zu beschließen, zu bestellen, zu liefern und zu fahren – ein Traum für alle heute dafür Jahre benötigenden Verkehrsplaner. Dass übrigens auch ein neues Depot zur „Elektrischen“ gehörte, wird auf einer der nächsten Heimatgeschichts-Seiten der Görlitzer SZ zu lesen sein.

Während in westlicher Richtung ein Straßenbahnbetrieb erst nur bis zum damaligen Kreisbahnhof ging (etwa an der heutigen Bushaltestelle Rauschwalder Straße), wurde ab 1920 an einer Erweiterung gebaut. Unter Nutzung von alten Gleisen der im Jahr 1918 stillgelegten Ringbahn wurde eingleisig Rauschwalde angeschlossen. Ab dem 6. Oktober vor hundert Jahren wurde über zwei Ausweichstellen bis zur Kuppelendstelle etwa in Höhe der Einmündung Paul-Naumann-Straße gefahren.

Nach der bisherigen Endstelle am Kreisbahnhof ging es ab dem 6. Oktober 1921 eingleisig weiter bis nach Rauschwalde, hier ein Bild auf die Strecke aus Sicht des Fahrers.
Nach der bisherigen Endstelle am Kreisbahnhof ging es ab dem 6. Oktober 1921 eingleisig weiter bis nach Rauschwalde, hier ein Bild auf die Strecke aus Sicht des Fahrers. © Repro: Sammlung Ralph Schermann

Da das 1,7 Kilometer lange Gleis stadtauswärts links neben der Straße verlief, änderte sich für die Fahrgäste je Fahrtrichtung die Ein- und Ausstiegsseite mit entsprechendem Türverschluss. Von 1921 bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges fuhr die Rauschwalder Straßenbahn als Linie 3 nach Moys. Erst dann änderte sich die Relation als vielen älteren Görlitzern noch gut bekannte Linie 1 Rauschwalde – Weinhübel.

Nach 90 Jahren wurden die Gleise verlegt

Die Bahn fuhr einst erst bis Kreisbahnhof, ab 1921 dann nach Rauschwalde stets über Bautzener Straße – Landeskronstraße – „Leipziger Platz“ – Rauschwalder Straße. Das änderte sich erst vor 90 Jahren. Da kamen die Planer auf die Idee, die Gleise statt über den nur im Volksmund so genannten „Leipziger Platz“ geradeaus weiter über den Brautwiesenplatz und die Brautwiesenstraße zu führen. Einige anderslautende Quellen verweisen zwar auf das Jahr 1934 für diese Verlegung. Das aber scheint weniger nachvollziehbar, da bereits ab 1931 die Strecke über den Brautwiesenplatz in den Stadtplänen verzeichnet ist.

Die zunächst für stadtaus- und einwärts getrennten Haltestellen befanden sich jeweils an den Einfahrten zu Brautwiesen- und Landeskronstraße, bis nach 1940 eine gemeinsame Station mitten auf der Danziger Freiheit angelegt wurde, wie damals kurzzeitig der Brautwiesenplatz offiziell hieß. Die Haltestelle mitten auf dem Platz war bis zur Einstellung der Straßenbahn nach Rauschwalde in Betrieb, das war im Frühjahr 1986.

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Nur einmal noch wurden vor ihrem Abbau die Gleise an der Rauschwalder Straße genutzt, wenn auch nicht mehr für Fahrgäste: Am 15. Juli 1987 erfolgte an dieser Stelle das Umsetzen von sechs nagelneuen Tatra-Bahnen des noch heute fahrenden Typs KT4D von Eisenbahn-Waggons auf die Görlitzer Straßenbahnschienen.

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