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"Wir Amerikaner leben in zwei Realitäten"

Drei Amerikanerinnen leben in Görlitz. Mit dem heutigen Montag neigt sich die lange US-Wahl ihrem Ende. Hier erzählen sie, wie sie ihr Land sehen.

Nami Miwa (li) und Naomi Gibson sind Tänzerinnen am Gerhart-Hauptmann-Theater. In Gedanken waren sie in den vergangenen Wochen viel in den USA. Und haben auch mitgewählt.
Nami Miwa (li) und Naomi Gibson sind Tänzerinnen am Gerhart-Hauptmann-Theater. In Gedanken waren sie in den vergangenen Wochen viel in den USA. Und haben auch mitgewählt. © André Schulze

Naomi Gibson und Nami Miwa proben gerade für "Zerinnerung". Die beiden sind Tänzerinnen der Dance Company am Gerhart-Hauptmann-Theater (GHT). Wann sie das Stück vor Publikum aufführen können ist unklar. Die Corona-Krise prägte weltweit dieses Jahr. Ein zweites Thema: die US-Wahl. Die sich dieses Mal wie ein Marathon anfühlte, sagen die beiden. Sie haben die US-Staatsbürgerschaft, genauso wie Tessa Enright, die Görlitz mit ihrem Blog "Tessa approves" bekannter macht und an der Volkshochschule unterrichtet. Alle drei haben mitgewählt. In den USA wird indirekt gewählt, über Wahlleute - die an diesem Montag ihre Stimme abgeben. Anfang Januar wird das Ergebnis verkündet, nach den Berichten großer Zeitungen dürfte Joe Biden der nächste Präsident sein. So endet langsam eine lange Wahl.

"Es war wie ein Marathon"

Als 2016 Donald Trump gegen Hilary Clinton angetreten war, blieb sie die ganze Wahlnacht über auf, erzählt Nami Miwa. Aber dieses Mal dauerte die Wahl nicht nur eine Nacht, vor allem durch die Auszählung vieler Briefwahl-Stimmen. "Es war wie ein Marathon."

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Nami Miwa wurde in Texas geboren. Wegen der Arbeitsstelle ihres Vaters waren ihre Eltern in die USA gezogen, kehrten nach einigen Jahren nach Japan zurück, wo Nami Miwa ihre Kindheit verbrachte. Fürs Studium ging sie zurück in die USA, nach Boston und New York. Später studierte sie auch in Frankfurt am Main. In Görlitz war sie 2017 zum ersten Mal, für ein Praktikum am Gerhart-Hauptmann-Theater. Seit Oktober 2019 ist sie Ensemble-Mitglied der Dance Company. Obwohl Nami Miwa und ihre Familie mittlerweile nicht mehr in den USA wohnen, sei ihr Interesse an der dortigen Wahl riesig gewesen.

Nami Miwa (rechts im Bild) ist in den USA geboren, verbrachte ihre Jugend in Japan und kehrte für ihr Studium in die USA zurück. Naomi Gibsons ist heute mindestens einmal im Jahr für einen längeren Besuch in den USA: Ein Großteil ihrer Familie lebt dort.
Nami Miwa (rechts im Bild) ist in den USA geboren, verbrachte ihre Jugend in Japan und kehrte für ihr Studium in die USA zurück. Naomi Gibsons ist heute mindestens einmal im Jahr für einen längeren Besuch in den USA: Ein Großteil ihrer Familie lebt dort. © André Schulze

Bei kaum einer anderen Wahl, erklärt sie, haben Bürger einen so großen Einfluss auf das Weltgeschehen. Und das vor allem, weil die USA ob ihrer Einwohnerzahl von rund 323 Millionen, ihrer Historie, vor allem ihrer Wirtschaft zu den einflussreichsten Ländern der Welt zählen. "Und Trump hat viele Chancen weltweit zerstört", sagt Nami Miwa. Etwa in der Klimapolitik, die ihr wichtig ist. "Ich hätte mich geschämt, dieses Mal nicht zu wählen."

Ihr Vater dagegen schaue sehr auf wirtschaftliche Aspekte. "Ich habe mich viel über die Wahl mit ihm unterhalten. Dieses Mal ging es um all diese Dinge kaum." Auch Joe Biden war nicht ihr Wunsch-Präsident, "ich hätte in der Vorwahl einen anderen der demokratischen Kandidaten bevorzugt", erzählt sie. Aber am Ende, bei der Hauptwahl, sei es für sie kaum mehr um politische Profile gegangen, "es war eher die Frage: Moral oder keine Moral. Es ging mehr um Menschlichkeit".

Deshalb ist sie mit dem Ergebnis zufrieden. "Es ist nicht zu erwarten, dass Biden jetzt alle Fehler Trumps sofort rückgängig machen kann." Das werde lange Zeit brauchen. "Am wichtigsten ist mir, dass bei den dringlichsten Themen jetzt gehandelt wird." Zum Beispiel in der Coronapandemie, die in den USA bereits über eine Viertelmillion Menschen das Leben gekostet hat. Und in der Klimapolitik.

"Die Zeit unter Trump hat Extreme hervorgebracht"

Naomi Gibson gehört seit 2017 zur Dance Company in Görlitz. Ihre Familie ist weit über die Welt verteilt. Ihre Mutter stammt aus Großbritannien, sie selbst ist in Belgien aufgewachsen, studierte in den Niederlanden, hat aber auch die US-Staatsbürgerschaft: Ihr Vater ist US-Amerikaner. "Ein großer Teil meiner Familie lebt heute in den USA." In ihrer Kindheit hat sie dort manche Sommerwochen verbracht. Zuletzt war sie mindestens einmal im Jahr zu Besuch. Wie Nami Miwa gab sie über Briefwahl ihre Stimme ab. "Die US-Politik beeinflusst so viel, so viele Menschen."

Ein für sie wichtiges Thema: Gesundheitspolitik. Die Republikaner hatten sich von Beginn an gegen die Reform Obamacare gewandt. Sie hat Kritikpunkte, aber auch viel bewirkt. Trump versuchte, die Reform zumindest teils rückgängig zu machen. Was nicht das Weltgeschehen beeinflusste - aber Millionen von US-Amerikanern, auch Naomi Gibsons Familie. "Was mich vor allem schockiert, ist, wie die Zeit unter Präsident Trump Extreme zum Vorschein gebracht hat. Es ist okay geworden, sich sexistisch oder rassistisch zu verhalten. Das ist erschreckend."

Das ist ein Thema, das Nami Miwa sehr beschäftigte, bevor sie nach Görlitz kam, wo die AfD zum Beispiel bei der Europawahl 2019 fast ein Drittel der Stimmen holte. In Frankfurt am Main hatte sie Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit machen müssen. "Kommentare, die ich nicht lustig fand." In Görlitz ist ihr so etwas noch nicht widerfahren. "Mein Eindruck ist, die Gedanken sind da, aber man spricht sie hier nicht so laut aus. Zumindest nicht mir direkt ins Gesicht. Vielleicht merken die Leute auch, ich würde es nicht auf mir sitzen lassen. Aber es ist ein friedlicheres Zusammenleben in Görlitz."

In den USA seien Rassismus und Diskriminierung noch deutlich stärker spürbar geworden, erzählt Naomi Gibson. Dennoch, 232 von 538 Wahlmänner-Stimmen holte Trump. "Viele können sich mit ihm identifizieren. Weil er nicht der typische Politiker ist", nimmt Naomi Gibson an. "Und man sieht nie das ganze Bild", ergänzt Nami Miwa. "Ich denke, das ist bei jeder Entscheidung so. Man hört etwas, das einem wichtig ist, und fokussiert sich darauf. Alles andere wird Hintergrundgetöse." Und das könne Trump gut, die Punkte herausgreifen, die vielen Bürgern wichtig sind. "Und er weiß, wie man Social Media zu seinen Gunsten nutzt."

"Es war eine der stressigsten Wochen meines Lebens"

Tessa Enright ist eigentlich stresserprobt. Schließlich hat sie und ihr Mann in Görlitz ein Haus saniert. Aber die Wahlwoche in den USA zehrte an ihren Nerven.
Tessa Enright ist eigentlich stresserprobt. Schließlich hat sie und ihr Mann in Görlitz ein Haus saniert. Aber die Wahlwoche in den USA zehrte an ihren Nerven. ©  Archiv/Pawel Sosnowski

Die Wahlwoche sei eine der stressigsten ihres Lebens gewesen, sagt Tessa Enright. "Ich konnte nur mit großer Angst weiterscrollen und die Seite aktualisieren", also die Seite mit den ausgezählten Stimmen. "Ich war nicht sicher, dass Biden gewinnen würde." Gerade, weil es am Anfang knapp aussah. "Jetzt wissen wir, dass es nicht knapp war, aber aufgrund der vielen Briefwahl-Stimmen dauerte es länger, bis Stimmen wie meine gezählt wurden." Auch Tessa Enright hat per Brief gewählt, auch sie stammt aus den USA, lebte lange in Arizona, wo sie an der Northern Arizona University Business Marketing studierte. Und ihren Mann Mike Schulze kennenlernte, der zum Informatik-Auslandsstudium dort war. In Görlitz haben die beiden ein Haus in der Nikolaivorstadt saniert.

Noch immer sei die Angst nicht ganz verflogen. Vor allem, weil Donald Trump seine Wahlniederlage nicht eingestehen wollte. Ende November machte er den Weg frei für die Amtsübergabe an Biden, versucht aber nach wie vor, das Wahlergebnis anzufechten. Er sprach, ohne Beweise vorzulegen, immer wieder von Wahlbetrug. Allerdings ließ ihn ein Gericht nach dem nächsten auflaufen.

Alles wieder in Ordnung ist für Tessa Enright damit aber längst nichts. „Ich habe Angst vor dem Schaden, den Trump und die Republikaner unserem Land gerade zufügen.“ Auch sie spricht die Spaltung im Land an: „Wir Amerikaner leben jetzt in zwei verschiedenen Realitäten“, ist ihr Eindruck. Es sei schwer geworden, eine gemeinsame Basis zu finden. „Es bricht mir das Herz, weil ich Familie habe, die ich liebe, und die Medien, die sie sehen, sagen ihnen, dass Leute wie ich, unser Land zerstören wollen“, sagt Tessa Enright. „Ich weiß nicht, wie wir uns davon erholen werden.“

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