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Erleichterung über frühe Ferien

Ob Schulen in Görlitz Treiber der Corona-Pandemie waren, ist nicht eindeutig geklärt. Da die Schüler aber seit einer Woche zu Hause sind, könnte sich Weihnachten positiv auswirken.

Auch die Waldorfschule in Görlitz musste schon früher Schluss machen.
Auch die Waldorfschule in Görlitz musste schon früher Schluss machen. © Nikolai Schmidt

Nun haben es die Familien in Sachsen geschafft. Die vorgezogenen Ferien haben begonnen. Nach einer holprigen Woche Online-Unterricht haben die Schüler nun bis 4. Januar frei.

Es war ein teilweise dramatischer Schlussspurt vor Weihnachten. Und manche Schule wie das Augustum-Annen-Gymnasium oder das Weißwasseraner Landau-Gymnasium mussten schon ein paar Tage früher die Schüler nach Hause schicken. Die Corona-Lage hatte sich zugespitzt. Um Infektionsketten zu durchbrechen, Schüler, Lehrer und Eltern zu schützen, hatte das Kultusministerium bereits am 10. Dezember die Schließung der Schulen angeordnet.

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Positiv-Ergebnisse auf Höchststand

Haben die Schulen also die Pandemie verschärft? Der Görlitzer Epidemiologe Roger Hillert sah die Schulen bisher nicht als Treiber der Pandemie. Mit Blick auf die Zahlen vertrete er diese Position auch aktuell: „Wir hatten im Dezember bisher 5.800 Positiv-Ergebnisse“, so Hillert. Im Medizinischen Labor Ostsachen werden die allermeisten Proben aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen untersucht. „104 der positiven Tests betreffen Kinder unter zehn Jahren.“ Bei Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren sind es 350. Zum Vergleich: In der Gruppe der 50- bis 60-Jährigen ist die Nachweisrate knapp sechsmal so hoch wie in der Gruppe der Unter-20-Jährigen.

Epidemiologe: "Jede Möglichkeit nutzen"

Doch auch Hillert schränkt ein: "Die Lage ist insgesamt außer Kontrolle. Und in den Schulen spiegelt sich jetzt auch die gesamtgesellschaftliche Lage." Ob die vorzeitigen Schließungen, die vorzeitigen Ferien tatsächlich etwas nützen, "das wissen wir noch nicht." Aber möglicherweise verringert sich so insgesamt die Mobilität - etwa im öffentlichen Nahverkehr. "Jede Möglichkeit, die wir jetzt haben, Infektionsketten zu durchbrechen, sollten wir zumindest versuchen zu nutzen."

Der Landkreis hatte bis vor Kurzem ebenfalls die Schulen nicht als Hotspot der Pandemie eingeschätzt. Doch vorige Woche rückte Landrat Bernd Lange von dieser Position ab, zunehmend würden auch Schulen und Kitas eine Rolle spielen, sagte er. Die Hoffnung nun: Der Online-Unterricht zu Hause wirkt wie eine zusätzliche Isolation, so dass in zehn Tagen klar ist, welche Schüler Corona haben oder nicht.

Waldorfschule: zu viele Lehrer krank für Unterricht

Besonders turbulent verliefen die letzten Tage auch an der Waldorfschule Görlitz.

Die Schule wurde am 8. und 9. Dezember "aufgrund bestätigter Corona-Infektionen in Elternhäusern und bei Mitarbeitern, sowie des hohen Krankenstandes innerhalb des Kollegiums geschlossen", teilt der Vorstand mit, "da kein Schul- und Hortbetrieb an diesen beiden Tagen gewährleistet werden konnte." Dieses Vorgehen sei von Kollegium und Vorstand beschlossen worden. Für die Klassen eins bis sieben war deshalb auch Donnerstag und Freitag kein Unterricht möglich, "in Mittel- und Oberstufe fand an diesen Tagen ein eingeschränkter Präsenzunterricht statt."

In der Görlitzer Waldorfschule gab es bereits im Frühjahr Debatten um den Umgang mit der Corona-Pandemie und den Schutzmaßnahmen, nachdem etwa eine Lehrerin der Waldorfschule eine coronakritische Veranstaltung auf dem Marienplatz mit organisiert hatte, ein Vorstandsmitglied die Corona-Krise als "eine knallharte Inszenierung gewisser Kreise der Pharmaindustrie" bezeichnet hatte.

Nun beeilt sich der Vorstand der Waldorfschule klarzustellen, dass man sich an die Regeln halte. "Das Kollegium der Freien Waldorfschule Görlitz ist sich einig, dass die Einhaltung der jeweils gültigen Hygienemaßnahmen einer professionellen Arbeitsweise entspricht und setzt diese bei ihrer täglichen Arbeit um." Der Vorstand verweist auf die Kultusbehörden in Sachsen und den Bund der Freien Waldorfschulen, an deren Vorgaben man sich gehalten habe.

Fragliches Verhalten an Waldorfschule

Berichte von betroffenen Eltern zeichnen in Teilen aber ein anderes Bild vom Verhalten einzelner Lehrer an der Waldorfschule, auch in der Zeit zuletzt. Für Außenstehende wie die SZ ist es schwer nachzuvollziehen, wie die Hygieneregeln im Unterricht Berücksichtigung fanden. Der Landkreis bestätigt einzelne Corona-Fälle, mehr nicht.

Es steht für die Schule, die erst vor Kurzem in ihr neues Domizil im früheren Görlitzer Güterbahnhof gezogen war, viel auf dem Spiel. Es sollte ein Aufbruch sein, und nun könnte Corona und der Umgang mit dem neuartigen Virus alles in Frage stellen. Und das gilt auch für die kommenden Monate. Denn während viele in Deutschland auf die Impfung hoffen und damit die allmähliche Rückkehr zu einem normalen Leben verknüpfen, muss das für die Waldorf-Szene nicht unbedingt gelten. Eines ihrer charakteristischen Merkmale ist eine große Skepsis gegenüber Impfungen. Das rührt noch von ihrem Gründer Rudolf Steiner.

Corona-Leugner an staatlichen Schulen kaum bekannt

Corona-Verharmloser oder gar -Leugner unter Lehrern an staatlichen Schulen sind Vincent Richter, Sprecher des Landesamtes für Schule und Bildung in Bautzen, bislang nicht bekannt. Auch Frank Gröll, Leiter des Augustum-Annen-Gymnasiums hält dagegen: "Unser Lehrerkollegium hat sich an die Maßnahmen gehalten, sehr genau sogar. Schon aus Eigenschutz." Denn es gibt, nicht nur am Augustum-Annen-Gymnasium, viele ältere Lehrer in der Region.

Auch die Lehrergewerkschaft GEW Sachsen sieht die vorgezogenen Ferien und damit die Schulschließungen für einen längeren Zeitraum als „etwas späten, aber richtigen Schritt", sagt GEW-Sprecher Andreas Giersch. "Man muss damit sehr vorsichtig umgehen. Denn wir plädieren auf der einen Seite natürlich immer für das Recht auf Bildung." Auf der anderen Seite steht das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Ein großer Spagat besonders in den vergangenen Monaten, so Giersch.

Dass der noch größer werde, weil Lehrer sich nicht an die Regelungen halten mochten, sei nicht an ihn herangetragen worden. Er persönlich stehe hinter den Hygienemaßnahmen. "Zumal die Auswirkungen, hält man sich nicht daran, nicht nur einen einzelnen Bereich wie die Schulen betreffen. Es geht auch darum, das Krankenhaus-System aufrechtzuerhalten." Giersch war selbst 20 Jahre lang im Krankenhaus tätig, er war Kindertherapeut und arbeitete mit schwer- und auch todkranken Kindern. "Deshalb sage ich: Seine eigene Meinung zu den Maßnahmen kann man haben. Aber Corona ist eine andere Zeit - der Schutz steht derzeit an erster Stelle."

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