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Warum schließt das „Haus der Heimat“?

Vertriebene und Spätaussiedler hatten in Reichenbach ein Museum eingerichtet. Nach Jahren hat der Verein „Erinnerung und Begegnung“ nun ein neues Ziel.

Das Alte Rathaus ist das „Haus der Heimat“ und befindet sich direkt neben dem jetzigen Rathaus.
Das Alte Rathaus ist das „Haus der Heimat“ und befindet sich direkt neben dem jetzigen Rathaus. © Constanze Junghanß

Zum Jahresende ist das „Haus der Heimat“ in Reichenbach Geschichte. Bürgermeisterin Carina Dittrich informierte im Stadtrat darüber, dass sich der Verein „Erinnerung und Begegnung e. V.“ aus dem „Alten Rathaus“ auf der Görlitzer Straße zurückzieht. Für den Verein sei es schwierig, die Miete aufzubringen. Die Stadt kommt dem Verein entgegen und halbiert die Miete. „Das heißt, wir werden 3.500 Euro weniger im Haushalt haben“, sagte Carina Dittrich. Die Stadt werde sich Gedanken über die künftige Nutzung machen müssen. Vielleicht würde die Stadtinformation, die im Erdgeschoss des Bibliotheksgebäudes auf der Nieskyer Straße ihren Sitz hat, da einziehen.

Eröffnet wurde das „Haus der Heimat“ vor zwölf Jahren. Ein Museum entstand – mit Dokumenten, Gegenständen und Erinnerungsstücken aus der alten Heimat der Vertriebenen und Spätaussiedler in Sachsen. Darunter ein Mantel, der auf der Flucht von Ostpreußen nach Sachsen getragen wurde. Der Verein Erinnerung und Begegnung ist Träger, Friedrich Zempel aus Pesterwitz, Vorsitzender des Vereins. Dem Verein falle die Schließung schwer, sagt er. Er hat 22 Mitglieder – allerdings nicht in der Stadt und deren Umgebung. „Wir sind immer gern nach Reichenbach gekommen, weil es zu der Schlesischen Oberlausitz gehört“, erzählt Friedrich Zempel.

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Das Haus sei mit viel ehrenamtlichem Einsatz und privaten Spenden aufgebaut und unterhalten worden. Mobiliar, die Technik sowie die Miete und die Nebenkosten wurden zum Großteil vom Freistaat gefördert. Auch die Stiftung der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien hat mehrere Projekte finanziell unterstützt. Das Chortreffen der Vertriebenen brachte in den vergangenen Jahren Reisebusse mit weit mehr als 100 Teilnehmern nach Reichenbach. Bei den Ausstellungen und Vorträgen hätte sich der Verein dagegen etwas mehr Interesse gewünscht, wie Friedrich Zempel sagt.

Kuratoren sind gern nach Reichenbach gekommen

Da kein Eintritt bezahlt werden musste, gibt es keine genauen Besucherzahlen. Im Corona-Jahr 2020 habe sich jedoch bedauerlicherweise gezeigt, dass auch in den Monaten, wo offen war, nur wenige Besucher kamen, sagt Friedrich Zempel.

Gäste waren in den Jahren seit der Eröffnung vor allem gebürtige Schlesier, die mit dem Besuch im Haus der Heimat oft Fahrten nach Görlitz verbanden. „Um dort zu flanieren, sich an dem schlesischen Akzent der Verkäuferinnen zu erfreuen und die eine oder andere Kleinigkeit in der Schlesischen Schatztruhe zu kaufen“, berichtet Friedrich Zempel. „Das Kuratorenehepaar Prof. Dr. Winfried und Ira Schirotzek, sind gern nach Reichenbach gekommen. Für sie war das Haus der Heimat in Reichenbach so etwas wie eine zweite Heimat“, sagt er.

Der Verein gründete 2010 die Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration – Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen“. Dieser Stiftung wurden die Exponate übertragen, um sie für alle Zeit als Erinnerungsgegenstände zu sichern. Die Stiftung habe in den vergangenen Jahren weitere Zustiftungen bekommen. „Ihr Umfang ist so groß, dass sie im Haus der Heimat in Reichenbach nicht untergebracht geschweige denn ausgestellt werden könnten“, sagt der Vereinsvorsitzende. Die Stiftung hat daher das frühere Ausstellungsgebäude des Industriemuseums „Energiefabrik Knappenrode“ angemietet und ist gegenwärtig dabei, es museumsgerecht auszubauen.

Das Alte Rathaus ist das „Haus der Heimat“ und befindet sich direkt neben dem jetzigen Rathaus.
Das Alte Rathaus ist das „Haus der Heimat“ und befindet sich direkt neben dem jetzigen Rathaus. © Constanze Junghanß

Ziel der Stiftung sei nun, in Knappenrode eine Erinnerungs-, Begegnungs- und außerschulische Bildungsstätte zur Information über die Geschichte und das Schicksal der Vertriebenen und Spätaussiedler, die nach Sachsen gekommen sind, einzurichten. „Hier sollen auch die im Haus der Heimat in Reichenbach gezeigten Exponate ausgestellt werden“, so der Vereinsvorsitzende.

Jens Baumann, Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler in Sachsen, bestätigt das. „Das Haus der Heimat geht im vom Koalitionsvertrag vorgesehenen außerschulischen Bildungs- und Begegnungszentrum „Transferraum Heimat“ in Knappenrode auf.“ Gebe es das Interesse der Stadt, werde der Freistaat die Stiftung dahingehend unterstützen, auch in Zukunft kleinere Präsentationen in Reichenbach zu zeigen.

„Vielleicht kann man das auch mit einer Wiederbelebung der Krobnitzer Gespräche verbinden, die wir ebenso gefördert haben“, sagt Jens Baumann.

Und auch das traditionelle Chortreffen sei für dieses Jahr – wenn es stattfinden kann – in Reichenbach geplant. „Das sollte auch weiterhin so sein, weil wir mit der Stadt und insbesondere der Kirchengemeinde tolle Partner haben“, sagt der Vertriebenen-Beauftragte. Vielleicht lasse sich das mit Partnern sogar noch erweitern.

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