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Was von der Görlitzer Art übrig blieb

Das Kunstprojekt läuft jetzt zum zweiten Mal - mit Diskussionen. Die gab es auch zur ersten Auflage vor vier Jahren. Manches Werk wirft bis heute Fragen auf.

Die „Herde“ hat Philipp Bormann vom Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz fast täglich im Blick. Das Werk steht auf der Theaterwiese.
Die „Herde“ hat Philipp Bormann vom Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz fast täglich im Blick. Das Werk steht auf der Theaterwiese. © Martin Schneider

"Sieht aus wie Insekten“, sagt Johannes Himmes. Hat was von einer Landung Außerirdischer, findet Gisela Roers.

Der Blick bleibt auf jeden Fall hängen, sagt Regina Henke, „man fragt sich nach der Bedeutung“. Die drei kommen aus Kleve, machen Urlaub in Görlitz. Am Mittwochabend kamen sie am Görlitzer Theater vorbei, und damit an der „Herde“. Eines der Werke der ersten Görlitzer Art vor vier Jahren.

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Bis Dienstag soll die "Kulisse" abgebaut werden

Vor einer Woche wurde die zweite Görlitzer Art eröffnet. Diesmal zeigen Meisterschüler der Hochschule für Bildende Künste Dresden neun Werke, die ausgewählt wurden und jetzt an verschiedenen Plätzen in Görlitz stehen. Die meisten Diskussionen, scheint es, ruft der Lautsprechermast auf dem Wilhelmsplatz hervor. Mancher fühlt sich an Dorf- oder Stadtfunk zu DDR-Zeiten erinnert - andere verteidigen die zeitgenössischen Werke in Görlitz. Bereits vor Eröffnung sorgte das Werk „Kulisse“ an der Stadthalle für Debatten um Kunstfreiheit und Vertragsrecht. Bis kommenden Dienstag nun läuft die Frist für den Abbau des Werkes, teilte Kulturbürgermeister Michael Wieler im jüngsten Stadtrat mit.

Um Abbau ging es zur ersten Auflage vor vier Jahren nicht - viele Diskussionen gab es dennoch. Was davon bis heute bleibt? Einige der Stücke selbst blieben. Das große, weiße „&“, das früher auf dem Wilhelmsplatz stand, ist jetzt beim Kühlhaus Görlitz. Auf der Westseite des Lutherplatzes ist auf der Straße die Farbgestaltung „Spindel“ noch zu sehen. Dauerhaft bleiben sollte eigentlich auch „Maske“, die Skulptur mit ihrer Atemschutzmaske, den flehenden Händen und den vier Hufen statt zwei Füßen auf dem Kreisverkehr am Busbahnhof. Zum einen aber konnten sich damals Künstlerin und Stadt nicht einig werden über die Konditionen einer Dauerleihgabe, zum anderen soll es Probleme mit dem Material gegeben haben.

Werke, an denen man sich reiben kann

Und da ist die „Herde“, die bis heute auf der Theaterwiese steht. Die Skulpturen-Gruppe gehörte immer zu den beliebtesten Werken der ersten Görlitzer Art. Auch für Philipp Bormann, bislang Referent des scheidenden Görlitzer Theater-Intendanten Klaus Arauner. Auch künftig arbeitet er am Theater, wird also weiterhin fast täglich der „Herde“ begegnen. „Es ist eine wunderbare Arbeit und sie ist gut platziert.“ Auch inhaltlich passe die „Herde“ vor das Theater. „Es ist eine Gemeinschaft von Lebewesen, die kommunizieren.“ Kommunikation in einer Gemeinschaft - auch eine Aufgabe des Theaters, erklärt Bormann.Sein Vater war Bildhauer, Skulpturen hatte er von klein auf um sich. Sein Favorit der ersten Görlitzer Art war die „Maske“. Es war eines der am meisten kritisierten Werke aber auch eines, dessen Abbau vor vier Jahren mit am meisten bedauert wurde, erzählte Michael Wieler kürzlich.

Was aus der ersten Auflage bleibt - ein wichtiger Beitrag für den Austausch in der Stadtgesellschaft, findet Philipp Bormann. „Es waren und sind auch jetzt wieder Werke, an denen man sich reiben und ins Gespräch kommen kann.“ Ein bisschen sei zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum bislang ein blinder Fleck in Görlitz gewesen. Dabei gebe die Stadt viele Anknüpfungspunkte her, „schon rein baulich“, erklärt er. „Ich finde, es tut dem Stadtraum gut, wenn Historisches auch mal mit Zeitgenössischem konfrontiert wird. Das kann Altes noch mal ganz anders strahlen und wirken lassen.“

Bei der ersten Görlitzer Art arbeitete Görlitz mit jungen Künstlern aus Wroclaw zusammen. Bei der Farbinstallation „Spindel“ am Lutherplatz ist nach über vier Jahren langsam der Lack ab.
Bei der ersten Görlitzer Art arbeitete Görlitz mit jungen Künstlern aus Wroclaw zusammen. Bei der Farbinstallation „Spindel“ am Lutherplatz ist nach über vier Jahren langsam der Lack ab. © Martin Schneider

Weniger Begeisterung, zumindest inzwischen, löst die „Spindel“ auf dem Lutherplatz aus. Drei Künstlerinnen hatten die südliche Fahrbahn des Platzes mit Farben und einem Muster, angelehnt an eine Spindelform, versehen. Ein Werk, das damit zwangsläufig blieb. Allerdings, die Farbe ist durch den Verkehr abgefahren, das Muster teils nicht mehr erkenntlich. Von einem verschandelten Lutherplatz würden Ulrike und Hans-Jürgen Goß dennoch nicht sprechen. „Man hat sich daran gewöhnt“, sagt Ulrike Goß. Sie und ihr Mann wohnen in der Nähe.

Immer wieder Zerstörungswut

Sie erinnern sich auch noch gut an das Werk am Otto-Buchwitz-Platz. Die „Wolkenschaukel“ bestand aus Schlaufen, die von Bäumen herabhingen. Man durfte auch schaukeln. Sie gehörte zu den beliebtesten Werken, allerdings auch zu denen, die bald nicht mehr schön aussahen. „Dass die Werke bespielt werden, sollte man schon bedenken“, sagt Hans-Jürgen Goß. Insgesamt finden sie Projekte wie die Görlitzer Art gut, „es lockert das Stadtbild auf“, sagt Ulrike Goß. Es war mal was anderes“, eine Abwechslung. Und die „Spindel“ vor ihrer Haustür? „Als es neu war, sah es schön aus. Und es hat sich eine ganze Weile gehalten“, sagt Hans-Jürgen Goß. Und war ein Werk, das wenig Möglichkeiten für mutwillige Zerstörung bot. „Aber es gibt eben auch Leute, die gar keinen Respekt vor solchen Dingen zeigen.“

Das "&" steht jetzt auf dem Kühlhaus-Gelände. Beschädigungen habe es seither nicht mehr gegeben.
Das "&" steht jetzt auf dem Kühlhaus-Gelände. Beschädigungen habe es seither nicht mehr gegeben. © Martin Schneider

Zerstörungswut traf etwa häufig das „&“, das früher auf dem Wilhelmsplatz stand. Autor des Werkes ist Krzysztof Furtas. Dennoch hat er positive Erinnerungen an die Görlitzer Art vor vier Jahren. „Kunst und Objekte dieser Art sind der Stadt und den Menschen, die in ihr leben, gewidmet“, sagt er. Und da komme ein großer Querschnitt zusammen. Als er in Görlitz war, habe er gerade den Wilhelmsplatz, als vielseitig kennengelernt, „morgens anders, nachmittags anders, abends und nachts“, erzählt er. „Und das Objekt traf auf all diese Gruppen von Bewohnern und ihre Reaktionen. Das Spektrum reichte von sehr positiv – das Objekt '&‘ wurde von den Bewohnern ausgewählt, um länger als erwartet ausgestellt zu werden – bis hin zu Akten des Vandalismus.“ Die Reaktionen, selbst letztere, verstehe er als gewissen Wert.

Die Reparaturkosten waren hoch. Deshalb sollte das Werk nicht mehr auf dem Wilhelmsplatz stehen, „es sollte wohl sogar ganz weg“, erzählt Danilo Kuscher, Chef des Kühlhausvereins. „Wir hatten angeboten, es zu übernehmen und es repariert.“ Geblieben sei bis heute das Interesse an dem Werk - ein QR-Code am „&“ informiert heute über das „&“. „Und es ist ein sehr beliebtes Fotomotiv.“

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