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Wenn eine Abreibung aus dem Ruder läuft

Vor dem Landgericht Görlitz müssen sich zwei junge Männer wegen Menschenraubes verantworten. Aber war es wirklich so schlimm?

© David-Wolfgang Ebener/dpa

Dass die beiden jungen Männer auf der Anklagebank der Jugendkammer des Görlitzer Landgerichts am 10. Januar dieses Jahres so richtig Mist gebaut haben, wissen sie und verhalten sich jetzt entsprechend, mit glaubhaften Geständnissen. Eine Abreibung für einen Bekannten war so aus dem Ruder gelaufen, dass ihnen im schlimmsten Fall eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren droht. Zumindest wenn man der Argumentation der Staatsanwaltschaft folgt, die in ihrer Anklage unter anderem den Tatbestand des erpresserischen Menschenraubes erfüllt sieht.

Was an jenem 10. Januar in Görlitz passiert ist, scheint nach Anklageverlesung und den Geständnissen der beiden 18 und 22 Jahre alten Angeklagten relativ klar bis auf die genaue Vorgeschichte. Der 22-jährige Z. erfuhr von einem Bekannten, dass der knapp 350 Euro Schulden bei der Deutschen Bahn wegen Schwarzfahrens habe. Schuld daran war aus Sicht von Z. das spätere Opfer, dass dem Schwarzfahrer weisgemacht hatte, dass er auf eine Monatskarte des Opfers als Begleiter kostenfrei mitfahren dürfe. Dem war natürlich nicht so, und jetzt lag diese Rechnung da. Dazu kamen Handychats des Opfers, mit deren teilweise Weiterleitung er die Gruppen gegeneinander aufbrachte.

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Beide Gruppen, zu denen auch die beiden Angeklagten gehörten, fühlten sich am Ende veräppelt. Z. rief schließlich den mitangeklagten 18-jährigen K. an, um dem Opfer die 350 Euro abzunehmen und eine Abreibung zu verpassen. K. hatte selbst noch eine Rechnung mit dem Opfer offen, weil er früher als Kind von ihm geschlagen worden sei, erzählte K. vor Gericht.

Tathergang scheint aufgeklärt

Jedenfalls gingen die beiden Angeklagten am Abend zur Wohnung des Opfers auf der Alex-Horstmann-Straße in Görlitz und baten ihn aus dem vierten Stock herunter. Dort schlug ihm Z. die Zigarette aus dem Mund und verpasste ihm einen Faustschlag. Danach kam K. aus seiner Deckung und attackierte das Opfer mit Kopfstößen und Schlägen.

Schließlich forderten die beiden das Handy des Opfers und seine Entsperrung, um den Chatverlauf vom Nachmittag prüfen zu können. Das Opfer gab das Handy her, aus Angst vor weiteren Schlägen. Danach forderten Z. und K. den Wohnungsschlüssel, um alles Weitere oben zu "besprechen" und gingen danach mit dem Opfer in der Mitte in dessen Wohnung.

Dort durfte sich das Opfer zunächst das Blut aus dem Gesicht wischen, bevor er mit einem weiteren Kopfstoß überzeugt wurde, sich auf die Couch zu setzen. Die beiden Angeklagten forderten die 350 Euro, die das Opfer nicht hatte. Sie nahmen daraufhin Receiver, zwei Counter-Strike-Spiele und eine Vielzahl PS4-Spiele mit. "Das Wertvollste in dieser Wohnung", sagte Z. im Gericht. Dazu gab es Drohungen wie: "Wir befördern Dich 1,80 Meter tiefer, wenn Du bis Sonntag das Geld nicht zahlst oder die Polizei rufst." "Kindergartenkram und natürlich nicht ernst gemeint", sagt K. dem Gericht.

War es wirklich ein Menschenraub?

Auf dem Heimweg warf K. dann den Receiver weg, die Spiele fand die Polizei später. Das Opfer hatte doch die Polizei alarmiert. Der Tathergang scheint nach den im Wesentlichen zueinander passenden Geständnissen der Angeklagten klar und stützen die Anklage der Staatsanwaltschaft. Natürlich werden im weiteren Verlauf der Verhandlung Zeugen gehört, um das noch weiter zu festigen.

Das Gericht muss nun herausfinden, wie diese Tat zu bestrafen ist. Angeklagt ist erpresserischer Menschenraub. Wer einen Menschen entführt oder sich eines Menschen bemächtigt, um die Sorge des Opfers um sein Wohl oder die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zu einer Erpressung auszunutzen ... wird mit einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft, heißt es im Strafgesetzbuch.

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Ob sich die beiden des Opfers im Sinne des Gesetzes tatsächlich bemächtigt haben, wird wohl eine Kernfrage des Verfahrens werden. Für die beiden Angeklagten, die seit dem 11. Januar in Haft sind, kommen ansonsten eine Reihe von Milderungsgründen infrage. Außerdem wird die Jugendgerichtshilfe ein Gutachten für den jüngeren Angeklagten abgeben.

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