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Wie der Mohr nach Görlitz kam

Schlossermeister Wolfhart Wagner rettete einst das alte Wahrzeichen einer Apotheke in der Innenstadt. Jetzt machte die Apotheke dicht.

1993 bekam die Görlitzer Mohren-Apotheke an der Ecke Lutherplatz/Landeskronstraße ihr altes Wahrzeichen zurück. Jürgen Sander (l.) und Jens Trenkler von der Bau GmbH Görlitz setzten den Kopf wieder auf seinen angestammten Platz.
1993 bekam die Görlitzer Mohren-Apotheke an der Ecke Lutherplatz/Landeskronstraße ihr altes Wahrzeichen zurück. Jürgen Sander (l.) und Jens Trenkler von der Bau GmbH Görlitz setzten den Kopf wieder auf seinen angestammten Platz. © Thomas Fiedler (Sammlung Ralph Schermann)

Nach 130 Jahren ging die Mohren-Apotheke in den Ruhestand. 1891 an der Luisenstraße eröffnet, war sie 1902 an den langjährig allen Görlitzern bekannten Standort am Lutherplatz ungezogen.

Seit 1970 arbeitete Gisela Steckel hier, die nach der politischen Wende die Inhaberin wurde. Mit jetzt 74 Lebensjahren hätte sie schon längst in Rente sein können, sie hing an der Apotheke und suchte lange vergeblich einen Nachfolger. Nun aber ist Schluss. Vorbei ist damit auch eine besondere Diskussion, die Gisela Steckel zuletzt überraschte und die sie wie wohl die meisten Menschen nicht nachvollziehen kann: Warum soll der Name Mohren-Apotheke plötzlich schlecht sein?

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Auch wenn Umfragen zufolge teils bis zu 80 Prozent der Deutschen solche Debatten für überflüssig halten, sehen einige mit Mohr Personen dunkler Hautfarbe ebenso diskriminiert wie andere mit Begriffen wie Zigeunerschnitzel oder Negerkuss. Die Wortwahl sei rassistisch, meinen sie. Dabei steht ein Mohr an den noch rund hundert Mohren-Apotheken in Deutschland vielmehr als ehrende Anerkennung für ärztliche Kunst aus dem Morgenland, steht für einen Weisen, einen Arzt, wie er schon in der biblischen Geschichte über die Heiligen Drei Könige beschrieben wird.

Bildhauerin Gisela Mauermann (hier neben dem Bewahrer des Kunstwerkes, Schlossermeister Wolfhart Wagner) hatte eine umfangreiche Restaurierung des historischen Kopfes vorgenommen.
Bildhauerin Gisela Mauermann (hier neben dem Bewahrer des Kunstwerkes, Schlossermeister Wolfhart Wagner) hatte eine umfangreiche Restaurierung des historischen Kopfes vorgenommen. © Thomas Fiedler (Sammlung Ralph Schermann)

In Görlitz begleitet der kunstvolle Mohrenkopf die Apotheke vom 19. Jahrhundert an, einem Bildhauer in Auftrag gegeben vom damaligen Apotheker. Die Büste mit dem rot-grünen Turban zog mit um zum Lutherplatz und begrüßte über Jahrzehnte die Kunden über dem Eingang. Bis die Familie, die in den 1960er Jahren über der Apotheke wohnte, den Kopf dreist als Befestigung ihre Balkon-Wäscheleine nutzten. So ein Bild war nun auch den DDR-Anwohnern suspekt – ein strangulierter Schwarzer, das ging gar nicht.

Doch statt von der Familie eine andere Aufhängung zu fordern, ging die Stadtverwaltung gegen die Apotheke vor. Man habe den Mohren-Sitz für wacklig und absturzgefährdet befunden, deshalb müsse er weg. So geschah es auch. Das war 1968, und nirgendwo gibt es einen Vermerk, wo die Figur hinkam. Die Denkmalpflege hatte in der DDR so einige Lücken. Das wurde erst recht im Jahr 1972 deutlich. Da fand der Schlossermeister Wolfhart Wagner den Mohrenkopf in einem Kabelgraben auf der Dresdner Straße bei Umstellungsarbeiten im Wechselstromnetz. 1991 erzählte er der Sächsischen Zeitung: „Ich sah ihn da unten liegen und dachte mir, ich steige runter und hole ihn, sonst wird er zugeschippt. Dann habe ich ihn in meinen Keller gelegt, wo er bleiben sollte, bis man ihn wieder an der Apotheke anbringen könnte.“

Die Mohrenbüste befand sich 1972 in einem etwas angeschlagenen Zustand, als sie wiedergefunden wurde.
Die Mohrenbüste befand sich 1972 in einem etwas angeschlagenen Zustand, als sie wiedergefunden wurde. © Thomas Fiedler (Sammlung Ralph Schermann)

Gisela Steckel, 1991 die neue Apotheken-Chefin, war hocherfreut, als Wolfhart Wagner mit der Büste auftauchte. Die Apotheke wurde damals groß umgebaut und der Mohr galt nun als i-Tüpfelchen. Gisela Steckel: „Nun bekommt die Apotheke sogar ihr richtiges Wahrzeichen zurück.“ Allerdings musste davor eine Restaurierung erfolgen. Bildhauerin Gisela Mauermann nahm sich dieser so vorsichtig wie professionell an. Denn das Eichenholz, das gegenüber Wettereinflüssen am beständigsten ist, war einst mit Warmleim zusammengefügt worden, der sich langsam zu lösen begann. Alle Segmente mussten überarbeitet und wieder neu verleimt werden.

Anfang 1993 war es dann soweit, über die Görlitzer Mohren-Apotheke kam wieder jener besondere Kunstholzkopf, der zu den schönsten zählen soll, die in Deutschland je eine Apotheke zierten oder noch immer zieren. Auch die Denkmalpflege hatte wohl mittlerweile ihre Hausaufgaben gemacht und wird sich hoffentlich auch künftig des Objektes annehmen. Wo allerdings das Kunststück zwischen 1968 und 1972 verbrachte, wird wohl für immer unaufgeklärt bleiben.

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