merken
PLUS Görlitz

Wofür braucht die Lausitz einen Kulturplan?

Mit dem Strukturwandel nach der Kohle soll sich das Image dieser vielfältigen und großen Region verbessern. Dabei können Feste und Künstler mithelfen.

Kultur zur Freude der Menschen wie etwa beim Viathea in Görlitz gibt es viel in der Lausitz. Braucht sie trotzdem einen Plan?
Kultur zur Freude der Menschen wie etwa beim Viathea in Görlitz gibt es viel in der Lausitz. Braucht sie trotzdem einen Plan? © Nikolai Schmidt/Archiv

Straßentheater, Musik, Kunstausstellungen, Leben in Parks und auf Plätzen, Konzerte und kleine Kulturveranstaltungen – wie groß ist die Sehnsucht gerade nach all diesen Dingen. Wie leicht und lebensfroh kommen sie sonst daher. Hingegen sind "Pläne", "Konzepte", "Strategien" für viele eher abschreckende Begriffe, besonders wenn Planung in einen so lokal geprägten Bereich wie die Kultur eines Ortes eingreift und noch dazu von außen geschieht.

Der "Kulturplan Lausitz" könnte diesen Eindruck erwecken, doch Martina Taubenberger bringt beides zusammen: die Freude an der Kultur einer Landschaft für Einheimische und Touristen sowie das Bewusstsein dafür, dass Kultur genauso Strategien braucht wie die Entwicklung der Wirtschaft.

Anzeige
Zukunftsorientiert, sicher und familiär
Zukunftsorientiert, sicher und familiär

Ein Spezialist für Ionenbestrahlung in Bautzen veredelt Produkte wie Kabel und Rohre. Jetzt werden neue Mitarbeiter gesucht – Quereinsteiger willkommen!

Martina Taubenberger hat die Kulturstrategie Lausitz 2025 und den Kulturplan Lausitz geschrieben.
Martina Taubenberger hat die Kulturstrategie Lausitz 2025 und den Kulturplan Lausitz geschrieben. © PR

Die Kulturberaterin aus München ist die Autorin der "Kulturstrategie Lausitz 2025", die seit Mai 2019 entwickelt und vorigen Sommer veröffentlicht wurde. Auf Basis dieser Kulturstrategie erarbeitet Martina Taubenberger mit dem Beraterunternehmen Actori gerade den "Kulturplan Lausitz", und zwar zusammen mit Hunderten Akteuren, die zwischen Zittau und Guben, Görlitz und Lauchhammer Kultur betreiben, organisieren oder verwalten.

Wozu eine Kulturstrategie für die Lausitz?

Kultur entsteht vor allem vor Ort in den Kommunen, durch Theater, Museen, Künstler und Veranstalter. Braucht es für Kultur überhaupt einen übergreifenden Plan? Darauf antwortet Martina Taubenberger mit einem großen Ja. "Jedes erfolgreiche Unternehmen fragt sich ständig, wo es im Wettbewerb steht, wie es sein Image verbessern kann, wer seine Kunden sind und wie man diese erreichen kann." Im Tagesgeschäft sehe man oft nur den nächsten Schritt. Große Entwürfe aber könne eine Entwicklungsplanung leisten, idealerweise mit dem Blick aus größerer Distanz.

Die Strategie, die Martina Taubenberger vorschlägt, soll zum positiven Imagewandel der Lausitz beitragen, sowohl nach innen als auch nach außen. Dabei sei es das große Ziel, die bestehenden kulturellen Angebote zu stärken und die Akteure über die Grenzen ihres Ortes, Landkreises, Bundeslandes und Deutschlands hinaus zueinanderzubringen. All die Vielfalt der Region könne in einer "Marke Lausitz" vereint und so von außen sichtbar werden.

Welche Kulturakteure haben beigetragen?

In der Arbeit an der Kulturstrategie Lausitz 2025 habe sich gezeigt, wie groß das Bedürfnis der Akteure in der ganzen Lausitz nach dieser Vernetzung sei. "Wir hatten am Ende über 450 persönliche Kontakte, mit denen wir Fokusgespräche, Workshops und Arbeitsgruppen durchgeführt haben", sagt die Kulturberaterin. Außerdem wurden kulturelle Akteure online zu den Bedingungen ihres Schaffens in der Lausitz befragt. Die Anfragen wurden über die Landkreise und Kommunen verteilt. Das lief etwas schleppend an, aber dann beteiligten sich immer mehr Vertreter aus Kommunen und kulturellen Institutionen.

Alles gehört zu Kultur und wurde in der Strategie für die Lausitz mit bedacht: Puppentheater, wie es die Görlitzerin Anne Swoboda im Landkreis Görlitz anbietet.
Alles gehört zu Kultur und wurde in der Strategie für die Lausitz mit bedacht: Puppentheater, wie es die Görlitzerin Anne Swoboda im Landkreis Görlitz anbietet. © Pawel Sosnowski/Archiv
Ausstellungen in Museen wie hier mit Fotografien von Vera Mercer im Fotomuseum Görlitz, das ein Verein betreibt.
Ausstellungen in Museen wie hier mit Fotografien von Vera Mercer im Fotomuseum Görlitz, das ein Verein betreibt. © Nikolai Schmidt/Archiv
Konzerte von Orchestern wie auch Kammerbesetzungen wie hier immer am 15. Januar im Messiaen-Zentrum in Zgorzelec.
Konzerte von Orchestern wie auch Kammerbesetzungen wie hier immer am 15. Januar im Messiaen-Zentrum in Zgorzelec. © Jakub Purej/Archiv
Initiativen wie das Kulturpicknick des Philmehr-Vereins mit Aktionen wie dem Drumcircle von Claudia Lohmann, an dem jeder teilnehmen kann.
Initiativen wie das Kulturpicknick des Philmehr-Vereins mit Aktionen wie dem Drumcircle von Claudia Lohmann, an dem jeder teilnehmen kann. © Pawel Sosnowski/Archiv
Kunst im öffentlichen Raum wie die "Herde" hinterm Kaisertrutz.
Kunst im öffentlichen Raum wie die "Herde" hinterm Kaisertrutz. © André Schulze
Oder Soziokultur, wie sie im Kühlhaus in Görlitz-Weinhübel stattfindet.
Oder Soziokultur, wie sie im Kühlhaus in Görlitz-Weinhübel stattfindet. © Danilo Dittrich/Archiv

Zu Beginn der Arbeit am "Kulturplan Lausitz" wurde deutlich, das manche Bereiche in der Strategie unterrepräsentiert waren, etwa die Kreativwirtschaft, die alle vereint, die von ihrer Kunst oder ihren kulturellen Aktivitäten leben. Jetzt sind die Kreativen aber dabei. "Inzwischen sollte jeder, der im Kulturbereich arbeitet, von unseren Aktivitäten erfahren haben", sagt Martina Taubenberger. Im Moment seien etwa 200 Menschen dabei, in Arbeitsgruppen die Ziele der Strategie zu konkretisierten.

Gibt es eine gemeinsame Identität in der Lausitz?

Ob man für diesen Landstrich, in dem sich die Menschen mit ganz verschiedenen Lebensweisen, Traditionen, Dialekten und historischen Herkünften identifizieren, eine gemeinsame Linie finden könne, die als "Marke Lausitz" greifbar wird – genau das wurde von vielen Akteuren anfangs bezweifelt. "Es wird aber spätestens dann wichtig, wenn die Lausitz von außen gesehen wird", sagt Martina Taubenberger.

Für die Außenwahrnehmung von Bayern etwa spiele es keine Rolle, dass Ober- und Niederbayern nicht gern in einen Topf geworfen werden. Ebenso sei es für die Besucher der Lausitz nicht so entscheidend wie für deren Bewohner, ob es eine Ober- und eine Niederlausitz gibt oder welche Städte früher zu Sachsen und welche zu Preußen gehörten. Überall auf der Welt seien die Menschen stolz auf die lokalen Besonderheiten ihres Ortes und grenzten sich besonders von ihren Nachbarn ab. Das sei auch völlig verständlich.

"Aber letztlich möchte keiner, dass sein Landstrich ein Image von außen zugeschrieben bekommt", sagt Martina Taubenberger. "Deshalb ist es gut, Themen zu finden, auf die eine Region stolz sein kann, und damit ein Bild von innen heraus zu entwickeln, das trägt." Besonders in unserer Zeit, in der Zuschreibungen von außen schneller und wirksamer denn je passierten.

Was rät die Kulturstrategie?

In der Strategie sind mehrere eher allgemeine Ziele benannt, die für die Lausitz als Kulturland wichtig wären. Dazu zählt die Professionalisierung der Organisation von Kultur und die bessere Erreichbarkeit von Angeboten. Kulturelle Angebote sollten die Lebensqualität in der Lausitz so erhöhen, dass Zuzug gefördert und Wegzug gebremst wird. Zu der umfassenden Vernetzung der Kulturanbieter gehören auch internationale Kooperationen, wie sie etwa das Gerhart-Hauptmann-Theater und viele Vereine schon pflegen.

Die Mehrkulturalität, die jahrhundertelange Zuwanderungsgeschichte der Lausitz oder der friedliche Austausch zwischen den Kulturen, etwa mit den Sorben, solle betont werden. Die Industriegeschichte, traditionelles Handwerk, Denkmäler, aber auch Innovation seien für die Darstellung der Lausitz wichtig, ebenso die Gartenkultur.

Um dies alles zu bündeln, im Blick zu haben und unter der "Marke Lausitz" nach außen und innen gut vermarkten zu können, brauche es eine zentrale Koordinationsstelle Kultur. Von da aus solle vernetzt werden, sollen Förderanträge gestellt werden, Fortbildungen für Kulturschaffende organisiert werden und die professionelle touristische Vermarktung für den Kulturtourismus geschehen. Außer dieser Stelle brauche es kulturelle Knotenpunkte im ländlichen Raum, um die Lausitz in ihrer Größe zu erfassen.

Wie relevant sind die Pläne?

Die Kulturstrategie Lausitz 2025 wurde genau wie die Zukunftsstrategie Lausitz 2050 von allen Lausitzer Landkreisen aus Sachsen und Brandenburg unter dem Dach der Wirtschafts-Region Lausitz in Auftrag gegeben und ist in diese große Vision eingeflossen. Die Strategien geben wie ein Kompass die Richtung im Strukturwandel nach dem Kohleausstieg vor und können Kommunen, Landkreisen oder einzelnen Institutionen als Leitbild dienen. Verbindlicher für die Lausitzer Kultur ist das Nachfolgeprojekt "Kulturplan Lausitz", den die beiden Kulturministerien Sachsens und Brandenburgs in Auftrag gegeben haben.

Er ist im Moment in Arbeit, konkretisiert die Strategie sowie die Finanzierung der Maßnahmen aus den Mitteln, die für den Strukturwandel nach dem Kohleabbau bis 2040 zur Verfügung stehen, und soll im September 2021 veröffentlicht werden. "Danach kann er zur Entscheidung vorgeschlagen werden", sagt Martina Taubenberger. "Da die Ministerien beider Länder Auftraggeber sind, habe ich Vertrauen, dass die Maßnahmen an den richtigen Stellen in den politischen Prozess gelangen."

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz