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Wie ein Wiesbadener Arzt kurzerhand Görlitz half

Der Pathologe Wolfgang Remmele organisierte 1989/1990 die Medizinhilfe für Görlitz. Jetzt ist er 91-jährig in der Görlitzer Partnerstadt gestorben. Ein Nachruf.

Von Sebastian Beutler
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Achim Exner, Wiesbadens OB, beim ersten Südstadtfest der SPD auf dem Schulhof der Melanchthonschule im September 1990.
Achim Exner, Wiesbadens OB, beim ersten Südstadtfest der SPD auf dem Schulhof der Melanchthonschule im September 1990. © Archivfoto: Rolf Ullmann

Dass die Städtepartnerschaft von Görlitz mit der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden zeitweise so erfolgreich war, lag an den Umständen ihres Zustandekommens im Winter 1989/1990. Und zum anderen an Menschen in beiden Städten, die ganz unbürokratisch anpackten.

Zu ihnen zählt der Wiesbadener Pathologe Wolfgang Remmele. Seit 1968 leitete er die Pathologie an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden und war Autor eines Lehrbuches, das über verschlungene Wege auch in der DDR bekannt war. Remmele gehörte genauso der SPD an wie der damalige Oberbürgermeister von Wiesbaden, Achim Exner. Und er war ein glühender deutscher Patriot im guten Sinne, wie sich Remmeles Görlitzer Berufskollege Peter Stosiek schon 2014 in einem Beitrag für das Ärzteblatt Sachsen erinnerte. Remmele "hatte von den Ungeheuerlichkeiten in der DDR gehört (gemeint ist die Friedliche Revolution - sb) und verspürte den Drang, sich einzumischen und zu helfen."

Aktuelle Bücher und Zeitschriften, darunter der "Spiegel", aus der Bundesrepublik verkaufte ein Wiesbadener Buchhändler im Februar 1990 im Görlitzer Bahnhof.
Aktuelle Bücher und Zeitschriften, darunter der "Spiegel", aus der Bundesrepublik verkaufte ein Wiesbadener Buchhändler im Februar 1990 im Görlitzer Bahnhof. © Archivfoto: Rolf Ullmann
Gemeinsamer Aktionstag des DRK Wiesbaden und Görlitz auf dem Postplatz im Mai 1990.
Gemeinsamer Aktionstag des DRK Wiesbaden und Görlitz auf dem Postplatz im Mai 1990. © Archivfoto: Rolf Ullmann
Der Journalist Matthias Schneider schrieb ein Buch über den Görlitzer Umbruch. Später war er Chef des Görlitzer Stadtmarketings und enger Mitarbeiter von OB Rolf Karbaum.
Der Journalist Matthias Schneider schrieb ein Buch über den Görlitzer Umbruch. Später war er Chef des Görlitzer Stadtmarketings und enger Mitarbeiter von OB Rolf Karbaum. © Archivfoto. Rolf Ullmann

So rief er seinen Parteifreund Exner an und fragte ihn nach Hilfsmöglichkeiten. Exner beschrieb ihm die jahrelangen Bemühungen, mit Görlitz eine Städtepartnerschaft einzugehen, die aber bislang alle umsonst gewesen seien. Doch riet er Remmele, sich in Görlitz zu engagieren. Das tat der 1930 in Frankfurt/Main geborene Pathologe auch und fand über die Deutsche Gesellschaft für Pathologie Kontakt zu Stosiek.

Was dann geschah, war für Stosiek selbst im Abstand von 25 Jahren noch immer wie ein Wunder: "Und so fand ich Ende November ein Telegramm von Remmele auf meinem Schreibtisch im Krankenhaus vor und rieb mir verdutzt die Augen. Remmele lud mich mit der Belegschaft des gesamten Institutes zu einer Weihnachtsfeier nach Wiesbaden ein, für die er sämtliche Kosten übernehmen wolle." Zwar dachte Stosiek anfangs an einen Scherz, aber es kam genau so. Er fuhr zusammen mit weiteren Mitarbeitern Anfang Dezember nach Wiesbaden, erlebte eine "herzliche Großfamilien-Atmosphäre mit den Angehörigen des Wiesbadener Institutes" und überbrachte die Nachricht vom Görlitzer Oberbürgermeister Eichberg aus dem Görlitzer Rathaus, dass das Angebot einer Städtepartnerschaft nun doch noch angenommen werde.

So feierten vor sechs Jahren der Görlitzer OB, Siegfried Deinege, die früheren Wiesbadener OBs, Hildebrand Diehl und Achim Exner, sowie der zwischenzeitlich amtierende OB von Wiesbaden, Sven Gerich (v. li.) 25 Jahre Städtepartnerschaft.
So feierten vor sechs Jahren der Görlitzer OB, Siegfried Deinege, die früheren Wiesbadener OBs, Hildebrand Diehl und Achim Exner, sowie der zwischenzeitlich amtierende OB von Wiesbaden, Sven Gerich (v. li.) 25 Jahre Städtepartnerschaft. © Archivfoto: Pawel Sosnowski
Fünf Jahre später weilte der frühere Wiesbadener OB Achim Exner (re.) erneut in der Stadt, als der Städtepartnerverein Görlitz-Wiesbaden gegründet wurde.
Fünf Jahre später weilte der frühere Wiesbadener OB Achim Exner (re.) erneut in der Stadt, als der Städtepartnerverein Görlitz-Wiesbaden gegründet wurde. © Archivfoto: Nikolai Schmidt

Remmele war es schließlich auch, der über ärztliche Standesorganisationen Hilfslieferungen nach Görlitz organisierte: Lastwagen mit medizinischen Gerätschaften, Medikamenten und anderen Hilfsmitteln kamen Anfang 1990 an der Neiße an. Manch Notdienstköfferchen, so schrieb Stosiek vor sieben Jahren, würde heute noch kursieren. Die Medizinhilfe Görlitz war Teil der großen Wiesbadener Hilfsbereitschaft, die Görlitz in den Jahren des Umbruchs erfuhr.

Nun ist Wolfgang Remmele, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz und passionierter Jäger, der sogar drei jagdliche Bücher verfasste, am 16. Oktober in Wiesbaden gestorben. Mit 91 Jahren. Und so werden die Zeitzeugen jener aufregenden Jahre immer weniger. Doch es bleiben Zeilen wie diese von Peter Stosiek: "Uns übermannte für wenige Wochen ein Gefühl, das wir bislang nicht gekannt hatten, Patriotismus oder das Glück, ein Deutscher zu sein. Ein Rest davon ist bis heute geblieben".