merken
PLUS Görlitz

Wie eine Baustelle Wutbürger produziert

Die Sanierung der Bahnhofstraße geht ihrem Ende zu. Bloß gut. Manchem Anwohner geht die Puste aus.

Hauptsächlich baut die Strabag auf der Bahnhofstraße - die jetzt Formen annimmt.
Hauptsächlich baut die Strabag auf der Bahnhofstraße - die jetzt Formen annimmt. © André Schulze

Wojciech Jablonski ist sauer. Jetzt vielleicht nicht mehr so sehr. Denn die Görlitzer Bahnhofstraße nimmt Formen an. Der Gehsteig hat zwar noch kein Pflaster, ist aber immerhin wieder als Fußweg erkennbar. Bagger und Bauarbeiter arbeiten am Straßenaufbau, zwei Steinsetzer klopfen am Mittwochmorgen die Pflasterung einer kleinen Verkehrsinsel zurecht. Aber hätte das - die Sanierung der Bahnhofstraße - auch schneller gehen können? 

"Es scheint ein Wunder, dass noch niemand verletzt wurde"

Wojciech Jablonski ist Anwohner der Bahnhofstraße und hatte sich mit einem Leserbrief an SZ und sächsische.de gewandt, offenbar in Rage geschrieben: Das Bild, das sich zu dem Zeitpunkt vor seiner Haustür bot, war noch ein anderes, ähnelte "einer dunklen, schmutzigen Wüste". Vor allem kritisiert er, dass die Baustelle nicht gut gesichert sei: "Es scheint ein Wunder, dass noch niemand verletzt wurde", schreibt er. "Der sogenannte Gehweg, einen halben Meter breit, mit Kies und Schutt bedeckt, unbeleuchtet." Die Straßenlaternen seien, zusammen mit der Oberfläche der Straße, in den ersten Wochen entfernt worden. 

Anzeige
DDV Lokal: Gesunde Vitalöle
DDV Lokal: Gesunde Vitalöle

Die Vitalöle von Franz & Co. tragen zur Aufrechterhaltung eines normalen Cholesterinspiegels bei. Das gesunde Extra für Genießer!

Vor knapp zwei Wochen sah es noch so aus. Baustelle als Parkplatz am Sonntagabend.
Vor knapp zwei Wochen sah es noch so aus. Baustelle als Parkplatz am Sonntagabend. ©  privat

Vor allem aber kritisiert er, dass lange nur wenig auf der Baustelle passiert sei. "Der Bau ist seit sieben Monaten im Gange. Aber nur formal", schreibt er. "Um 6.30 Uhr gibt es ein Geräusch von Generatoren und Presslufthämmern, die die Bewohner wecken. Das Geräusch hört nach zwei Stunden auf. Für den Rest des Tages passiert nichts", schildert er, "wir leben fast das ganze Jahr über in Lärm, Chaos, ohne Pflaster, ohne Parkplätze zwischen Baumaschinen." Seine Geduld sei erschöpft.

Acht Monate für 300 Meter?

Von vornherein bekam die Sanierung der Bahnhofstraße einen Zeitraum von etwa acht Monaten eingeräumt, vom 23. März bis 30. November. Ob das berechtigt ist - die Stadt sagt ja. Die Sanierung sei eine Gemeinschaftsmaßnahme mit den Stadtwerken, erklärt Stadtsprecherin Sylvia Otto. "Sie beinhaltet mehrere Tiefbaumaßnahmen: Wasser, Fernwärme, Schmutzwasser, Regenwasser, mehrere Kabel." Auch die Beleuchtungsanlage wurde komplett erneuert, teilt die Stadt mit. 

"Da ist die Bauzeit mit 8 Monaten für die 300 Meter Abschnittslänge angemessen", so Sylvia Otto. Tatsächlich aber konnten die Arbeiten an der Straße selbst erst später beginnen als geplant - weil zusätzlich ungeplante, aber dringend nötige Arbeiten am Kanal- und Rohleitungsnetz dazukamen. 

Bahnhofstraße ist mehr bewohnt als einst

Heinz Conti-Windemuth, Mitglied im Bürgerrat Innenstadt-West, hat noch keine Beschwerden von Anwohnern erhalten. Ein Punkt, den er aber ähnlich sieht wie Wojciech Jablonski: die Dunkelheit, wenn man abends über die Bahnhofstraße lief. Seit etwa zwei Wochen sei die neue Straßenbeleuchtung in Betrieb, teilt die Stadtverwaltung mit. Aber davor hätte sich Conti-Windemuth zumindest eine Notbeleuchtung gewünscht. 

"Was man bei den Arbeiten vielleicht ein bisschen übersehen hat, ist, dass die Bahnhofstraße mittlerweile ganz gut bewohnt ist", so Conti-Windemuth. "Dass da Menschen sind, hätte man mehr beachten können." Und ja, zeitweise seien auf der Baustelle nicht viele Bauarbeiter zu sehen gewesen, "aber das hat sich gebessert, die Zügigkeit hat auf jeden Fall zugenommen", sagt er. "Hinterher ist man immer klüger. In erster Linie freue ich mich, dass es jetzt ein Gesicht bekommt." Nicht nur die Bahnhofstraße selbst, auch das Gelände hin zur Bahnlinie habe über Jahre kein schönes Bild abgegeben. "Das war ein Ergebnis jahrzehntelanger Verwahrlosung. Das wird jetzt in Ordnung gebracht. Und darüber freue ich mich sehr."   

Sanierung mehrfach verschoben

Dass die untere Bahnhofstraße belebter ist als früher, ist teils Andreas Lauer zu verdanken. Vor über zehn Jahren hatte er angefangen, dort Häuser zu sanieren. "Damals sind wir dafür ausgelacht worden", erzählt er. Warum in einen Straßenzug mit solchem Leerstand investieren? "Es sah auch wirklich vergammelt aus. Wir haben jahrelang gekämpft, dass sich das ändert. Wir haben damals dafür sogar den Verein Gründerzeitquartier gegründet", sagt Lauer. "Ich bin froh, dass die Baumaßnahme jetzt einem Ende zusteuert." 

Mehrfach wurde sie verschoben. Voriges Jahr war Lauer richtig sauer, erzählt er. Da konnte er die Gerüste an einem seiner Sanierungshäuser lange nicht aufbauen, weil die Arbeiten an der Straße beginnen sollten - haben sie dann aber doch nicht. "Natürlich gibt es immer Dinge, die nicht so perfekt sind", zum Beispiel die provisorischen Übergänge von den Hauseingängen zur Straße. Wegen der fehlenden Beleuchtung bekam auch er Beschwerden von Mietern. Wie zügig es aber auf einer Baustelle vorangeht, hänge an vielen Faktoren, zum Beispiel auch Zulieferketten. "Das wissen wir von unseren eigenen Projekten: Man braucht Material, und dann gibt es Probleme bei der Lieferung", sagt er. "Aber als Außenstehender kann man leicht meckern."

"Als Außenstehender kann man leicht meckern"

Dazu komme eine Schwierigkeit, mit der alle Baufirmen zu kämpfen haben: Sie haben ein hohes Auftragsvolumen, "und sollen möglichst an jeder Baustelle immer präsent sein, dafür fehlt es aber an Arbeitskräften", sagt er. "Zu der Geschwindigkeit, die die Leute jetzt an der Bahnhofstraße an den Tag legen, kann man der Baufirma eigentlich nur gratulieren, sie sind wirklich fleißig und wir sind eigentlich gut miteinander ausgekommen." Kritisch sehe er etwas anderes: dass zu wenig in die Zukunft gedacht werde, zum Beispiel: "Wir können davon ausgehen, dass der Verkehr zunehmen wird auf der Bahnhofstraße." Er hätte sich gewünscht, dass die Parkplätze dann vorrangig für die Anwohner sind.  

Torsten Scholz von Baumis Eck - an der Ecke zur Krölstraße - freut sich auch auf die Fertigstellung. "In unserer Gegend wird das ein echtes Highlight", sagt er. Und kann die Vorwürfe des Anwohners nicht bestätigen. Die Bauarbeiter hätten viel getan und geschafft. "Vor zwei Jahren hat es mich mehr betroffen", erzählt er. "Als der Kreisel vor unserer Haustür gebaut wurde. Jetzt kann ich mich eigentlich nicht beschweren."  

Dauert es doch länger?

Es habe im gesamten Bauzeitraum nur wenige Tage gegeben, an denen nicht gearbeitet wurde, teilt die Stadt mit - "dies ausschließlich aufgrund der Witterungsbedingungen." Es sei auch möglich, dass die Baustelle wegen Abhängigkeiten im Bauablauf mal mehr, mal weniger stark besetzt war. Aber das nach wenigen Stunden Schluss war, könne die Bauleitung nicht bestätigen. Gegen den Vorwurf, dass die Baustelle nicht sicher genug gewesen wäre, wehrt sich die Stadt. So seien die Arbeitskräfte ausdrücklich darauf hingewiesen worden, auf den Fußgängerverkehr besonders zu achten, "dies wird auch konsequent umgesetzt." 

Nicht alles mag berechtigt sein, was Wojciech Jablonski anbringt. In einem scheint er sich aber nicht getäuscht zu haben. Er bezweifelt in seinem Leserbrief, dass die Arbeiten bis Ende November abgeschlossen sein werden. In der Antwort der Stadtverwaltung taucht plötzlich das Datum 11. Dezember für die Fertigstellung auf. 

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier. 

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Görlitz