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Wie eine kleine Druckerei überleben lernte

Seit über 80 Jahren entstehen in der Görlitzer Augustastraße Bücher und vieles mehr. Trotz großer Konkurrenz im Internet hat Augustadruck gut zu tun.

Rainer Niemann (r.) ist seit 2005 Inhaber von "Augustadruck". Mit seinen Mitarbeitern Arnd Melzer (l.) und Mario Kauf (M.) pflegt er zu vielen Kunden eine jahrelange Geschäftsbeziehung.
Rainer Niemann (r.) ist seit 2005 Inhaber von "Augustadruck". Mit seinen Mitarbeitern Arnd Melzer (l.) und Mario Kauf (M.) pflegt er zu vielen Kunden eine jahrelange Geschäftsbeziehung. © Martin Schneider

Die dunklen Holzdielen und die schweren Tische erinnern an eine Zeit, als im Hinterhaus der Augustastraße 31 noch mit Bleilettern gesetzt und mit echter Druckerschwärze hantiert wurde. Rainer Niemann, der die kleine Druckerei seit 2005 führt, kannte noch Setzer, die sich miteinander unterhalten konnten, während sie in Windeseile die einzelnen Buchstaben aus dem Setzkasten zu Wörtern, Sätzen, Spalten, Seiten fügten. Eine gusseiserne Maschine, die nach dieser alten Technik drucken kann, steht hinten in der Werkstatt. Ganz selten, zu besonderen Anlässen, kommt sie noch zum Einsatz.

"Manche Menschen denken, dass wir immer noch so arbeiten", sagt Rainer Niemann. "Aber das ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr so." Vielmehr hat der Inhaber von Augustadruck peu à peu immer modernere Maschinen angeschafft, mit denen er brillante Druckerzeugnisse im Digital- oder Offsetdruck herstellen kann und die ihm und seinen beiden Mitarbeitern Arnd Melzer und Mario Kauf viel Arbeit abnehmen.

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Moderne Maschinen erleichtern die Arbeit

Eine der Digitaldruckmaschinen kann in einem Vorgang mehrere Arbeitsschritte erledigen, etwa Drucken, Nummerieren und Sortieren. Heraus kommen dann zum Beispiel Rechnungsblöcke für Friseure oder Restaurants mit Durchschlagpapier. Eine Falzmaschine faltet die Blätter gleich mehrmals und ermöglicht so verschiedene Formate, etwa klein gefaltete Beipackzettel. Niemanns neueste Anschaffung ist eine Prägemaschine, die Buchdeckel mit Gold- oder Silberaufdruck versehen kann, was für Bachelor- und Masterarbeiten mit Hochschullogo sehr beliebt ist.

Aber es gibt auch noch historische Helfer, etwa eine Klammermaschine, die aus der Gründungszeit der ersten Druckerei in diesen Räumen stammt und bis heute Broschüren heftet. Damals, im Jahr 1938, erwarb der Buchdruckmeister Adolf Holz das Haus Augustastraße 31 und zog mit seinem Unternehmen von der Emmerichstraße 68, wo er die "Görlitzer Handelsdruckerei" betrieben hatte, in diese prächtigere Straße um. Im Erdgeschoss des Hinterhauses richtete er die Druckerei Adolf Holz ein. Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg war sie zwischenzeitlich geschlossen, 1968 übernahm Karl-Heinz Engemann das Geschäft von Adolf Holz.

Druckerei vor der Schließung bewahrt

Nachdem Engemann mit dem Mauerfall in den Westen Deutschlands gegangen war, übernahm 1990 Johannes Goldammer, bisher einer der wichtigsten Mitarbeiter der Druckerei, den Betrieb. Mit dem 1880 in Lauban gegründeten Druckhaus Goldammer hatte die Görlitzer Druckerei Goldammer aber nichts zu tun.

Johannes Goldammer führte die Druckerei in der Augustastraße von 1990 bis 2005. Auf diesem Foto aus dem Jahr 2004 sieht man ihn am historischen Setzkasten, der auch heute noch bei Augustadruck steht, aber nur bei besonderen Anlässen benutzt wird.
Johannes Goldammer führte die Druckerei in der Augustastraße von 1990 bis 2005. Auf diesem Foto aus dem Jahr 2004 sieht man ihn am historischen Setzkasten, der auch heute noch bei Augustadruck steht, aber nur bei besonderen Anlässen benutzt wird. © Rolf Ullmann/Archiv

Schon bald kam Rainer Niemann ins Unternehmen. Der gebürtige Greifswalder hatte in Cottbus Elektronik gelernt, an der Görlitzer Ingenieurschule studiert und dann in der Druckerei eines Dresdener Verlags gearbeitet. Als er 1993 mit seiner jungen Familie nach Görlitz zurückkam und bei Goldammer anfing, war er hier mit seinen 27 Jahren ein gut ausgebildeter Mitarbeiter, der viel Wissen mitbrachte.

Einige Jahre später hätte die Druckerei schließen müssen und es stand die Frage im Raum, ob Rainer Niemann sie weiterführen wolle. "Mit dem Gedanken, mich selbstständig zu machen, tat ich mich schwer", sagt der heute 55-Jährige. Seine Kinder gingen damals noch zur Schule, das Risiko war hoch. Doch er mochte die Druckerei, die Räume, die Arbeitsatmosphäre. Er kannte die Maschinen, konnte den Kundenstamm übernehmen und hatte Aussicht auf den Existenzgründerzuschuss der "Ich-AG". Also entschied er sich nach einigen schlaflosen Nächten dafür und wurde Druckereibesitzer.

Erfolgsrezept Kundennähe

In den nun vergangenen 16 Jahren gestaltete Rainer Niemann die Druckerei zu einem Unternehmen um, das ihn selbst und zwei Mitarbeiter ernährt. Dabei setzen die drei auf eine enge Zusammenarbeit mit ihren Kunden. "Dafür ist die Größe, in der wir jetzt arbeiten, genau richtig", sagt Rainer Niemann. Denn jeder kann fast alle Arbeitsschritte ausführen, jeder betreut einen Kundenauftrag von der ersten E-Mail an bis zum fertigen Produkt. Wegen dieses Service bleiben viele Kunden Augustadruck über Jahre treu.

Am liebsten ist es ihnen, wenn jemand, der etwas drucken lassen möchte, schon zu Beginn seines Vorhabens zu Augustadruck kommt und nicht mit einer fertigen Datei. Denn Niemann und seine Kollegen schauen sich alle Fotos und Grafiken genau an, prüfen und verbessern die Farbigkeit und zeigen dem Kunden, wie das Druckprodukt am Ende aussehen könnte.

"Manchmal müssen wir verständlich machen, dass nicht jedes Foto, das auf dem Bildschirm in leuchtenden Farben erscheint, auch im Druck so schön aussehen wird", sagt Rainer Niemann. "Keine Druckmaschine kann so viele Farben wiedergeben, wie die Natur bereithält oder ein Maler zur Verfügung hat."

Internetdruckereien machen nur im Preis Konkurrenz

Die große Konkurrenz für jede lokale Druckerei sind die großen Anbieter im Internet, die Druckprodukte zu unverhältnismäßig niedrigen Preisen anbieten. Das können sie aber nur, weil sie an der Farbe sparen und manchmal gar nicht mehr selbst drucken, sondern diese Leistung auslagern.

So kann es passieren, dass unterschiedliche Auflagen des gleichen Produkts verschieden aussehen, weil sie zwar bei der gleichen Firma bestellt, aber in verschiedenen Druckereien gedruckt wurden. Rainer Niemann hingegen bewahrt von jedem Druckauftrag alle Unterlagen und Farbeinstellungen auf.

Und so kann Augustadruck nicht über einen Mangel an Aufträgen klagen. Als die große Görlitzer Druckerei Maxroi 2015 schloss, hatte Niemann zwar gehofft, dass einige Kunden zu ihm wechseln, was auch geschah. "Aber nicht so viele, dass ein weiterer Arbeitsplatz daraus entstanden wäre." Vor allem regionale Firmen, Handwerksbetriebe, Geschäfte und Restaurants lassen bei Augustadruck Geschäftspapiere und Werbung drucken. Auch Görlitzer Veranstalter, Künstler, Grafiker, Werbebüros und kirchliche Einrichtungen gehören zum Kundenstamm, genau wie Studenten der hiesigen Hochschulen.

Pandemie brachte neue Aufträge

Selbst durch die Pandemie hat Augustadruck nicht so an Aufträgen eingebüßt, wie Rainer Niemann befürchtet hatte. "Zwei Monate waren meine Mitarbeiter zwar in Kurzarbeit", sagt er, "aber was an Veranstaltungswerbung wegfiel, kam von anderen Seiten wieder dazu."

Ein Telemarketingunternehmen entschied sich in dieser Zeit für eine Zusammenarbeit mit Augustadruck, der Verleger Michael Prochnow ließ mehrere seiner Jakob-Böhme-Bände in dieser Zeit drucken, es gab die große Fastenbriefaktion von Görlitzer Christen, die alle dazugehörigen Druckprodukte hier anfertigen ließen, und auch ein Corona-Testcenter kam als Auftraggeber hinzu. "So ist es oft", sagt Rainer Niemann. "Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere Tür auf."

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