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Corona: Bestatter bestellen mehr Särge

Die Branche spürt die Auswirkungen der Pandemie. Die Produktion beim Oderwitzer Sargunternehmen wurde auf über das Doppelte hochgefahren.

Symbolbild
Symbolbild © Norbert Millauer

Immer wieder und vor allem in sozialen Netzwerken und bei Anhängern der Querdenker-Bewegung wird behauptet, Corona sei nichts weiter als eine „ganz normale Grippe“, die Zahlen seien gepusht, es gebe keine Übersterblichkeit.

Vor einigen Tagen veröffentlichte das Statistische Bundesamt neue Zahlen. „Nach vorläufigen Ergebnissen sind in der 46. Kalenderwoche in Deutschland mindestens 19.161 Menschen gestorben“, heißt es in der Pressemitteilung. Das war in der Woche vom 9. bis 15. November. Damit lagen die Sterbefallzahlen acht Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Besonders auffällig sei die Entwicklung der Sterbefallzahlen derzeit in Sachsen. Im Unterschied zu anderen Bundesländern nehme die Differenz zum Durchschnitt der Vorjahre dort derzeit deutlich von Woche zu Woche zu, so das Statistische Bundesamt.

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In der 41. Kalenderwoche lag die Zahl der Sterbefälle noch unter dem Durchschnitt; in der 46. Kalenderwoche lag sie 281 Fälle darüber. „Wir spüren die Auswirkungen der Corona-Pandemie extrem“, sagt Kai Winter, Geschäftsführer der Lausitzer Sarg- und Pietätswaren GmbH & Co. KG Oderwitz. Bedeutend mehr Menschen würden sterben. Die Oderwitzer Firma produziert Särge, vertreibt Sarg- und Bestatterzubehör. „Wir arbeiten mit Hochdruck“, sagt Kai Winter. Auch wenn er aus Konkurrenzgründen keine genauen Zahlen nennen möchte, erklärt der Geschäftsführer: „Wir produzieren weit über das Doppelte, als sonst üblich.“

Mehr Särge werden bestellt

Für André Schönfelder vom Bestattungshaus Fieber in Görlitz und Markersdorf ist das nachvollziehbar. Auch sein Unternehmen bestellt bei den Oderwitzern mehr Särge, als sonst in dieser Jahreszeit. „Wir verzeichnen mehr Sterbefälle gegenüber dem Winter vergangener Jahre“, sagt er. Durch das Virus kämen mehr Tote zusätzlich dazu. André Schönfelder und seine Mitarbeiter holen die Verstorbenen aus den Krankenhäusern, Pflegeheimen oder von Zuhause ab. Im Vollschutz, wenn Corona auf dem Totenschein steht. Wobei auch Vorerkrankungen und das Alter der Verstorbenen eine Rolle spielten. Eine Obduktion hinsichtlich Corona fände in der Regel nicht statt.

Eine „extrem hohe Sterberate“ beobachtet Sebastian Hinz vom gleichnamigen Bestattungsinstitut in Niesky. Vor allem seit Oktober sei die Situation so. „Bei uns sind das dreimal mehr Verstorbene, als sonst im Vergleich zu den vergangenen Jahren“, sagt er. Etwa 20 Prozent davon gingen auf Corona zurück. Gleichzeitig versterben aktuell nach Angaben von Sebastian Hinz besonders viele betagte Menschen zwischen 80 und 90 Jahren und älter. Für die Angehörigen eine besonders belastende Zeit, wie der Institutsleiter weiß. „Es fehlt der Abschiedsrahmen aufgrund der Corona-Situation“, sagt er. Beim der Bestattungshaus Barthel GmbH Niesky heißt es: "Wir haben aktuell ein bisschen mehr zu tun", sagt Geschäftsführer René Klingauf. Ob das mit Corona zusammen hängt, sei fraglich. "Wir sehen eher keinen Zusammenhang", schätzt er ein.

„Es sterben derzeit mehr Leute, als sonst“

Das spüren auch Bestatter im Altkreis Löbau-Zittau. „Es sterben derzeit mehr Leute, als sonst“, stellt Andreas Jähne, Bestattungsberater bei der Antea-Bestattungen Zittau, fest. Er bestätigt auf Nachfrage der SZ eine Übersterblichkeit. Wobei auch Folgeerkrankungen - ausgelöst durch das Virus - eine Rolle spielten. Genau in Zahlen lasse sich das nicht festmachen. Bestatter führen keine Listen, welcher Tote an oder mit Corona gestorben ist. Diese Statistik wird beim Gesundheitsamt des Landkreises geführt. Demnach starben – Stand Freitag – 280 Menschen an oder mit Corona.

Werden Andreas Jähne und seine Berufskollegen wegen eines Corona-Todesfalls informiert, ist die Abholung nur im Vollschutz möglich. „Wir gehen auch in die Heime die Toten abholen“, sagt er. Beim Bestattungsinstitut Fuchs, das in Zittau und Oderwitz Filialen betreibt, heißt es auf SZ-Nachfrage: „Die Sterberate ist überdurchschnittlich hoch.“ Aktuell eile man von einem Termin zum nächsten.

Tote können nicht mit eigener Kleidung angezogen werden

Steffi Wenk von der LK Bestattungs- und Friedhofsdienste GmbH Löbau stellt fest: „Durch Corona haben wir definitiv mehr zu tun.“ Die Situation sei sehr schwierig, da der Aufwand höher als sonst ist. Die mit Klebestreifen markierten Särge bleiben zu, die Corona-Toten können nicht mit eigener Kleidung angezogen werden. „Wir arbeiten mit Vollschutz, FFP3-Maske und Schutzbrille“, so Steffi Wenk. Ein Abschied bei an oder mit Corona-Verstorbenen am offenen Sarg ist nicht möglich. Allerdings würden in den Wintermonaten so oder so mehr Menschen sterben, so die Erfahrung der neuen Leiterin der LK-Bestattungs- und Friedhofsdienste. Ob aufgrund von Corona mehr gestorben wird, könne sie nicht genau einschätzen.

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Tobias Wenzel, Innungsobermeister der Sächsischen Bestatterinnung, sagt gegenüber der SZ: „Gerade in der Phase hoher Infektionen ist es wichtig, Verstorbene fachgerecht zu versorgen um eine weitere Verbreitung wenigstens einzudämmen.“ Wenzel hatte sich mit einem offenen Brief an den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer gewandt, damit Bestattungsunternehmen, Friedhofsverwaltungen und Krematorien als systemrelevant eingestuft werden. Eine Notbetreuung für die Kinder von Mitarbeitern im Bestattungswesen war bisher nicht möglich. Seit Wochen schon seien alle in der Branche physisch und psychisch an der Belastungsgrenze. „Mögliche Bilder von Leichentransporten durch die Bundeswehr, wie wir sie leider aus dem Frühjahr aus Italien kennen oder Särge, die sich im Krematorium stapeln, hätten dem Image von Sachsen gerade noch gefehlt“, hieß es in dem offenen Brief. Seine Worte fanden Gehör. Am Dienstag teilte das Sächsische Sozialministerium in einer Pressemitteilung mit: „Beschäftigte von Bestattungsunternehmen haben nun Anspruch auf Notbetreuung.“

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