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Görlitzer Kunstkenner startet als Chef des Grünen Gewölbes

Marius Winzeler ist der neuer Direktor des Grünen Gewölbes in Dresden. Mit seinem Partner Hartmut Olbrich lebt er in Görlitz. Doch der Arbeitsweg ist für beide gleich.

Vor gut 20 Jahren entschieden sich der Kunsthistoriker Marius Winzeler (rechts) und der Bauhistoriker Hartmut Olbrich für Görlitz, obwohl sie meist anderswo arbeiten.
Vor gut 20 Jahren entschieden sich der Kunsthistoriker Marius Winzeler (rechts) und der Bauhistoriker Hartmut Olbrich für Görlitz, obwohl sie meist anderswo arbeiten. © Martin Schneider

Wenn Marius Winzeler nun Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden wird, dann ist das für ihn ein wenig wie nach Hause kommen – obwohl er in der Nähe von Zürich aufgewachsen ist und seit über 20 Jahren in Görlitz lebt.

Auch haben er und sein Partner ab diesem Freitag den gleichen Arbeitsweg. Denn der Architekt und Bauhistoriker Hartmut Olbrich ist seit vielen Jahren mit der Erforschung, der Entstehung und Entwicklung des Dresdner Zwingers beschäftigt.

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Schon als Schweizer Schüler fasziniert von Dresden

Marius Winzeler verbrachte schon als Jugendlicher in den 1980ern viele Ferienwochen in Dresden. "Die DDR interessierte mich damals mehr als ferne Länder", sagt der 51-jährige Schweizer. "Besonders Dresden hat mich fasziniert wegen der noch sichtbaren Zerstörung der Stadt mit den Trümmern der Frauenkirche einerseits und der ungeheuren Schätze, die in den Museen Jahrhunderte überstanden hatten, andererseits." Der Prunk, der etwa im Grünen Gewölbe zu sehen war, habe ihn auch irritiert.

Er hat von damals sogar ein kleines Buch aufbewahrt, einen kunsthistorischen Reiseführer durch Dresden, den er im Vorfeld einer Chorreise kurz nach dem Abitur schrieb. Mit Schreibmaschine geschrieben, mit kopierten Abbildungen versehen und als Ringbuch gebunden, bekam jedes der 60 Chormitglieder aus der Schweiz ein solches Exemplar in die Hand, um sich auf Dresden vorbereiten zu können. Da war Marius Winzeler 18 Jahre, kurz vor seinem Studium in Zürich und kurz bevor die Mauer fiel.

Von der Schweiz und von Rom nach Sachsen

Anfang der 1990er war er dann für zwei denkmalpflegerische Praktika in Dresden, ab 1996 blieb er für länger, um zusammen mit Markus Bauer die 1. Sächsische Landesausstellung im Kloster St. Marienstern zu konzipieren, die 1998 mit großem Erfolg eröffnet wurde. In Dresden lernte der Kunsthistoriker auch Hartmut Olbrich kennen, der damals gerade aus Rom, Florenz und der Türkei nach Deutschland zurückgekehrt war, um für das Sächsische Landesamt für Archäologie zu arbeiten.

Hartmut Olbrich ist seit einigen Jahren mit bauhistorischen Forschungen am Dresdner Zwinger beschäftigt.
Hartmut Olbrich ist seit einigen Jahren mit bauhistorischen Forschungen am Dresdner Zwinger beschäftigt. © Sven Ellger

"Wir wussten bald, dass uns das denkmalpflegerische Interesse verbindet, und wir gern etwas Gemeinsames beginnen, etwas aufbauen wollten", sagt Hartmut Olbrich. "Doch dafür gefiel mir Dresden nicht so gut." Die Altstadt als Herz einer Stadt fehlte ihm, der Gegensatz zwischen Prunk und Zweckarchitektur behagte ihm nicht.

In Görlitz jedoch fanden die beiden, was sie suchten. Am Tag des offenen Denkmals im September 2000 entdeckten sie das damals ruinöse Hallenhaus Neißstraße 24 und kauften es binnen weniger Wochen. Hartmut Olbrich empfand eine Bindung hierher, denn seine Eltern stammten aus Schlesien. Seine Mutter hatte auf der Flucht Dresden brennen sehen, dann war die Familie nach Franken gegangen, wo Hartmut Olbrich, Jahrgang 1961, aufwuchs.

Entscheidung auf der Landeskrone

Als das Haus in Görlitz gefunden war, die beiden einmal auf die Landeskrone stiegen und Görlitz vor ihnen lag, fragte er seinen Freund: "Kannst Du Dir wirklich vorstellen, ein Leben lang hier zu verbringen?" Ja, das könne er, antwortete Marius Winzeler. Und keiner von beiden habe die Entscheidung je bereut. "Doch wir wollten uns nie abschotten", sagt Winzeler, "sondern von Beginn an unser Haus für jedermann öffnen. Denn so ein Renaissancegebäude gehört einem nicht allein und gemessen an seinem Alter ohnehin nur für kurze Zeit."

So plante Hartmut Olbrich die Sanierung mit einem Café in Erdgeschoss, Keller und Innenhof sowie mehreren Wohnungen. "Das Haus wäre viel zu groß für uns allein", sagt er. Außer den eigenen Räumen entstanden noch eine zweite große Wohnung und zwei kleinere, die heute als Ferienwohnungen dienen. Von den Görlitzern fühlten sich beide von Beginn an sehr unterstützt und willkommen geheißen.

Zwischen Görlitz, Dresden und Prag

In den ersten Jahren verbrachten sie die meiste Zeit in Görlitz. Marius Winzeler kam als Krankheitsvertretung für Inga Arnold-Geierhos ans Kulturhistorische Museum und wurde 2001 ihr Nachfolger. Hartmut Olbrich hatte damals außer Aufträgen in Dresden auch immer wieder Bauprojekte in Görlitz, neben dem eigenen Haus etwa auf der Peterstraße und Grüner Graben.

Als Marius Winzeler 2008 die Leitung der Städtischen Museen in Zittau übernahm, fuhr er jeden Tag hin und her. "Nach Veranstaltungen bin ich sogar manchmal an der Neiße entlang mit dem Rad von Zittau nach Görlitz gefahren, weil abends nach zehn kein Zug mehr fuhr."

Marius Winzeler war von 2008 bis 2015 Leiter der Städtischen Museen Zittau.
Marius Winzeler war von 2008 bis 2015 Leiter der Städtischen Museen Zittau. © Thomas Eichler

Eine größere Veränderung bedeutete es, als er Anfang 2016 Direktor der Sammlung alter Kunst der Prager Nationalgalerie wurde. Für tägliches Pendeln war Prag zu weit. Hier nahm sich Winzeler eine kleine Wohnung in Prag-Dejvice unweit der Burg mit dem Schwarzenberg-Palais, in dem er die Alten Meister neu aufstellen konnte.

Und auch Hartmut Olbrich blieb öfter in Dresden, wo er eine kleine Wohnung im Plattenbau gemietet hatte. Seine Aufgaben hatten sich inzwischen fast vollständig nach Dresden und darüber hinaus verlagert. Neben dem Zwinger gehören auch das Palais im Großen Garten, die Schlösser Moritzburg, Pillnitz und Hubertusburg, die Festung Königstein und weitere Schlösser zu seinen denkmalpflegerischen Projekten. "Mir ist bewusst, dass ich damit einige der schönsten Bauwerke Sachsens bearbeiten darf", sagt er. Dabei sei die Erforschung der Baugeschichte nie Selbstzweck, sondern diene immer dazu, den späteren Sanierungsaufwand vorauszusehen und auch Baukosten rechtzeitig einzuplanen.

Wieder mehr Zeit für Görlitz

Nach einem vom Lockdown geprägten Jahr, nach mehreren Wechseln in der Führung der Prager Nationalgalerie und dem Unmut darüber, dass sich die hohe Politik immer wieder in die Arbeit des tschechischen Kunstmuseums einmischte, verließ Marius Winzeler die Nationalgalerie im Frühjahr 2021. Nun kehrt er beruflich dahin zurück, wo er schon als Student seine ersten praktischen Erfahrungen machte.

Da nun Hartmut Olbrich (links) und Marius Winzeler beide in Dresden arbeiten, können sie auch wieder mehr Zeit in ihrem Haus und ihrem Garten in Görlitz verbringen.
Da nun Hartmut Olbrich (links) und Marius Winzeler beide in Dresden arbeiten, können sie auch wieder mehr Zeit in ihrem Haus und ihrem Garten in Görlitz verbringen. © Martin Schneider

Die Schätze des Grünen Gewölbes so zu vermitteln, dass sie Geschichten erzählen, die Menschen auch heute noch bewegen, sieht er als seine Aufgabe für die kommende Zeit. Verbunden mit der Leitung des Grünen Gewölbes ist auch die der Rüstkammer. "Auf die Arbeit mit ihren fantastischen Gewändern und Prunkwaffen freue ich mich sehr und sehe ihre Vermittlung als besondere Herausforderung", sagt Marius Winzeler.

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Seine Werdegang führte Marius Winzeler durch ganz Sachsen. Nun leitet er als Nachfolger von Dirk Syndram zwei Museen im Dresdner Schloss.

Waren die vergangenen sechs Jahre für beide viel vom Pendeln zwischen Görlitz, Prag und Dresden geprägt, freuen sich Marius Winzeler und Hartmut Olbrich nun darauf, wieder mehr Zeit für andere Ziele zu haben. Sie werden vorwiegend an zwei Orten leben – in ihrem Haus auf der Neißstraße und einer etwas größeren Wohnung als bisher in der Dresdener Neustadt unweit des Bahnhofs, damit der Weg nach Görlitz kurz ist.

Denn auch hier wollen sie wieder mehr Zeit verbringen. "Ich würde zum Beispiel gern wieder im Bachchor mitsingen", sagt Winzeler. "Und wir möchten wieder öfter ins Görlitzer und Zittauer Theater gehen."

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